Stromnetzinvestitionen Das nächste grüne Wirtschaftswunder

Der Umbau unseres Stromnetzes könnte den nächsten Wirtschaftsschub bringen. Im Gespräch mit manager magazin skizziert Altran-Experte Thomas Walter, wie Deutschlands Elektrofirmen in eine globale Poleposition vorstoßen - und hierzulande tausende neue Hightech-Jobs entstehen könnten.
Von Karsten Stumm
Strommasten nahe Pleinting: Hohe Kosten für die Erneuerung des deutschen Leitungsnetzes

Strommasten nahe Pleinting: Hohe Kosten für die Erneuerung des deutschen Leitungsnetzes

Foto: A3528 Armin Weigel/ dpa

mm: Herr Walter, zig Milliarden müssen in der Bundesrepublik aufgebracht werden, von Unternehmen wie Verbrauchern, um das Design unserer Stromnetz für erneuerbare Energien auf Vordermann zu bringen. Gab es jemals eine ähnlich gigantische Gemeinschaftsaufgabe? Und eine, die alle Beteiligten wegen der immensen Kosten ähnlich geärgert hat?

Walter: Ich glaube gar nicht, dass der Wandel hin zu einer Stromversorgung, die auf erneuerbaren Ressourcen basiert, hierzulande abgelehnt wird. Viele deutsche Unternehmen zählen doch in der Entwicklung entsprechender Technologien bereits zur Weltspitze. Und viele Bundesbürger demonstrieren sogar für den Wandel.

mm: Das stimmt, doch die meisten Bundesbürger beklagen schon jetzt die Höhe ihrer Stromrechnung, obwohl die zumeist weit niedriger als ihre Telefonrechnung ausfällt. Warum sollten die Bundesbürger dann bereit sein, noch höhere Stromrechnungen zu akzeptieren - beispielsweise für und infolge der Stromnetzaufrüstung?

Walter: Weil jedem klar ist, dass die Netzertüchtigung Schritt für Schritt und nicht auf einen Schlag passieren kann. Die Milliardenkosten strecken sich deshalb sowohl für Unternehmen als auch Verbraucher über einen Zeitraum von Jahrzehnten.

mm: Wann wäre unser Stromnetz denn aus Ihrer Sicht runderneuert?

Walter: Die meisten technischen Geräte, die wir in diesem Bereich einsetzen, haben eine wirtschaftliche Lebensdauer von 40 Jahren. Selbst wenn wir heute alle anstehenden Entscheidungen zugunsten des Umbaus treffen, haben wir wohl erst im Jahr 2030 gerade einmal die Hälfte des Netzes auf das neue technische Niveau gehievt.

mm: In 20 Jahren erst zur Hälfte erneuert? Ist unser deutsches Stromnetz technisch so veraltet, dass wir eine Art Generationenvertrag mit unseren Kindern abschließen müssten, um dessen Runderneuerung anzugehen?

Walter: Im Gegenteil, wenn es irgendwo in der Welt klappen kann, dann wahrscheinlich am ehesten hier in der Bundesrepublik. Denn das hiesige Netz ist etwa im Vergleich mit dem französischen schon heute technisch vergleichsweise weit fortgeschritten und flexibler, weil es nicht nur auf eine Art der Stromerzeugung zugeschnitten ist - nämlich einseitig auf Kernenergie und ihre Verteilung.

mm: Dann wäre unser Leitungsnetz hierzulande zwar hübsch modern. Aber wäre das überhaupt wirtschaftlich nutzbar? Oder wäre die neue Technik völlig unverkäuflich im Ausland, weil man die dort auf Jahrzehnte gar nicht einsetzen kann?

Walter: Nein, die Exportchance besteht absolut. Wenn Sie beispielsweise in afrikanischen Staaten oder auch in lateinamerikanischen ein modernes, für erneuerbare Energien geeignetes, Stromnetz installieren wollen, benötigen Sie die dafür einsetzbare moderne Technik. Und die könnten deutsche Unternehmen dann liefern - ein gewaltiger Wettbewerbsvorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz, und zwar in einem potenziellen Milliardenmarkt.

mm: Ist das realistisch oder wird unser Stromnetz nur zu einer Spielwiese für Technikjünger?

Walter: Das ist eine reelle Chance. Deutschland ist schon jetzt der Leitmarkt für die gesamte Branche. Wenn irgendwo moderne und automatisierte Regeltechnik in Stromnetzen eingesetzt werden kann, dann insbesondere hierzulande. Entsprechend ist die Entwicklung und Fertigung dafür schon jetzt ein Geschäft - und keine ferne und damit unsichere Verheißung für die Zukunft.

mm: Profitieren davon die etablierten Konzerne oder neue Technologiefirmen?

Walter: Die ersten etablierten Unternehmen hier in der Bundesrepublik erwägen bereits, ihre Forschungsausgaben in diesem Bereich zu verdoppeln, weil sie glatt mit Umsatzverdoppelungen durch den Verkauf der neuartigen Strom-Leitregeltechnik rechnen. Aber ich halte einen zusätzlichen Gründungsschub neuer Technologiefirmen hierzulande durchaus für möglich, sollten wirklich alle anstehenden Entscheidungen, auch die politischen, energisch in Richtung Aufrüstung unseres Stromnetzes für erneuerbare Energien gedreht werden.

mm: Sie sprechen von nichts weniger, als dass ein weiterer Teil der hiesigen Energiebranche den Erfolg der Solar- oder Windenergiebranche kopieren könnte?

Walter: Das kann man natürlich nicht seriös voraussagen. Mittlerweile arbeiten hierzulande immerhin Zehntausende Menschen in diesen Unternehmen. Aber eines ist klar: In dem Technologiebereich für moderne Stromnetze startet gerade eine Rallye, wie sie die Telekombranche vor einem Jahrzehnt erlebt hat, und deutsche Unternehmen können vorne mit dabei sein. Deren Erfolg sollte dann auch unter dem Strich die hohen Investitionskosten in das neue Netz für die Bundesbürger relativieren.

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