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Steigender Ölpreis: Wo das Öl noch sprudelt

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Teure Energie 100-Dollar-Öl bedroht den Aufschwung

Der Ölpreis ist kurz davor, eine symbolträchtige Marke zu durchbrechen - wie zuletzt vor Beginn der Weltrezession. Vor allem die wachsende Nachfrage treibt den Preis, doch Experten warnen davor, dass die Abnehmer sich den teuren Rohstoff bald vielleicht nicht mehr leisten können.

Hamburg - Das Wohl der westlichen Welt hängt jetzt von einem Molch in Alaska ab. Als Molche bezeichnet man in der Öl- und Gasbranche Geräte, die durch Rohrleitungen treiben und sie reinigen, ohne den Betrieb zu unterbrechen. Und genau so ein Ding bedroht jetzt die wegen eines Öllecks zeitweise abgeschaltete Trans-Alaska-Pipeline, weil sich in der arktischen Kälte Eis und Wachs bildet, das der Molch in die sensible Technik schieben könnte.

Die Betreiber der Pipeline wollen eine provisorische Umleitung bauen und den Molch auf halbem Weg der Röhre, die immerhin ein Sechstel von Nordamerikas Ölproduktion transportiert, aus dem Verkehr ziehen. Dann kann die Leitung erneut abgeschaltet, das Leck repariert und der Normalbetrieb wieder aufgenommen werden.

Natürlich findet der Treibstoff der Weltwirtschaft noch andere Wege zu den Kunden als die Trans-Alaska-Pipeline. Doch Marktbeobachter sehen die Vorfälle in Alaska als einen Auslöser für den Anstieg des Ölpreises der Nordseesorte Brent auf knapp 99 Dollar je Fass (159 Liter). Am Freitag notierte ein Barrel der Nordseesorte Brent zur Auslieferung im Februar 98,38 Dollar. "Mit der stark wachsenden Nachfrage sind Betriebsstörungen wieder ein Thema geworden, um das man sich sorgt", meint Risikomanager Tony Nunan von Mitsubishi Corp.

Im vergangenen Jahr hatte Erdöl kaum Anteil an der allgemeinen Rohstoffrally. Während etwa Metallpreise geradezu in die Höhe schossen, pendelte der Ölpreis meist zwischen 70 und 80 Dollar je Fass. Erst in den letzten Wochen des Jahres gingen die Notierungen deutlich nach oben.

Ölanalyst Jochen Hitzfeld von der Großbank Unicredit sieht den Aufschwung der Wirtschaft als Ursache. "Die Nachfrage, die bisher nur aus den Schwellenländern zulegte, ist im vierten Quartal 2010 zum ersten Mal auch in Nordamerika sprunghaft angestiegen", sagt Hitzfeld. Das ist der Hintergrund, der einen verhältnismäßig kleinen Angebotsausfall wie den in Alaska erst brisant macht, während die Katastrophe im Golf von Mexiko im vergangenen April in einer Situation des Überangebots geschah und deshalb den Preis wenig bewegte.

Die wöchentlich berichteten Lagerdaten aus den USA zeigen einen raschen Abbau der Vorräte, die seit der Wirtschaftskrise mangels Nachfrage gebunkert wurden und bislang noch auf Rekordniveau verharrten. Seit sechs Wochen schrumpfen die Lagerbestände, zum Teil so schnell wie seit acht Jahren nicht mehr. Damit ist die wichtigste Preisbremse gelockert, denn die steigende Nachfrage trifft nicht mehr auf ein überreichliches Angebot.

Wiederholt sich der Auftakt zur Weltrezession?

Schon kommen wieder Katastrophenszenarien ins Spiel. "Die Ölpreise geraten in eine Gefahrenzone für die Weltwirtschaft", warnt Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur in Paris. Allein die Kosten für Ölimport in die Europäische Union seien 2010 um 70 Milliarden Dollar gestiegen, die Rechnung sei also so teuer wie die Defizite der Staatshaushalte von Griechenland und Portugal zusammen.

In der letzten Ölrally von 2008, erinnert Rohstoffstrategin Sabine Scheps von der Bank of America/Merrill Lynch, "notierte Rohöl nur für rund sechs Monate über 100 Dollar je Fass, bevor die Weltwirtschaft in die tiefste Krise seit den 30er Jahren stürzte". Birol appelliert an die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), schnell die Produktion anzukurbeln, um ihre Kunden nicht zu überfordern. Das im Lauf der Krise machtlos gewordene Lieferantenkartell will aber erst im Juni wieder über Förderquoten beraten.

"Natürlich versucht die Opec, das Maximum aus dem Ölpreis herauszuholen", sagt Unicredit-Analyst Hitzfeld. Doch auch sie habe daraus gelernt, dass der hohe Ölpreis 2008 die Krise mit auslöste und verschlimmerte und ihr so die Kundenbasis entzog. "Das will die Opec nicht noch einmal erleben." Die Opec-Staaten hätten nach den vergangenen Produktionskürzungen noch genug freie Kapazitäten, außerdem seien die Lager der Abnehmer trotz des aktuellen Abbaus immer noch gut gefüllt.

Nach den aktuellsten Daten von November hätten die in der OECD zusammengeschlossenen Industrieländer ihren Bedarf für gut 60 Tage gedeckt, das sei noch nahe am Rekordniveau von 62 Tagen. Inzwischen dürften die Bestände auf den Bedarf von 58 Tagen geschrumpft sein, doch das "kritische Niveau", ab dem die Opec mit zusätzlicher Produktion eingreife, liege erst bei 50 Tagen. "Insofern ist der Ölmarkt gut versorgt", sagt Hitzfeld. "Der Preis dürfte kaum dauerhaft über 100 Dollar steigen."

Das scheint der wesentliche Unterschied zur Ölkrise von 2008 zu sein: Die Spekulation an den Rohstoffbörsen ist deutlich gebremst. Prognosen wie die der Investmentbank Goldman Sachs, die damals die 200-Dollar-Marke nahen sah, sind nicht auf dem Markt. Von Contango, also einer Situation, in der Öl-Termingeschäfte in Erwartung steigender Preise deutlich über den aktuell gezahlten Spotpreisen notieren, könne kaum eine Rede sein, meint Hitzfeld.

An der Gefahr für den Aufschwung könnte trotzdem etwas dran sein. Denn für die Verbraucher zähle doch eher der Benzinpreis, räumt Hitzfeld ein. "Und der ist heute schon so hoch, wie zuletzt bei einem Ölpreis von 130 Dollar." Das liege an höheren Raffineriemargen wegen des boomenden Automarkts, vor allem in Asien. Die Ölkonzerne verdienen also wieder mehr "downstream", in der Vermarktung, als "upstream", in der Ölförderung. Trotzdem ist der Molch im Weg.

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