Mittwoch, 16. Oktober 2019

Rohstoffe Müllberge zu Goldgruben

Neue Technologien: Um diese Rohstoffe kämpfen die Firmen
Corbis

Chinas Ankündigung, den Export Seltener Erden zu verknappen, gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieunternehmen. Doch an unerwarteter Stelle schlummern noch unerschlossene Rohstoffquellen: An deutschen Mülldeponien wurden Probebohrungen gestartet. Abfallforscher erwarten fette Beute.

Ein Forschungsteam lässt Satelliten über Botswana kreisen. Ein Minenbetreiber in den USA steckt eine halbe Milliarde Dollar in eine stillgelegte kalifornische Mine. Im unwirtlichen Nordwesten Kanadas bohren Wissenschaftler Löcher hundert Meter tief unter den Thor Lake. Und im hessischen Reiskirchen wühlen Stefan Gäth und seine Doktoranden im Müll.

Sie alle sind auf der Suche nach seltenen und wertvollen Rohstoffen. Sie alle müssen schneller suchen. Denn beim Thema Rohstoffe geht es künftig nicht mehr nur um die Menge, sondern um Kontrolle: Chinas Handelsministerium hat angekündigt die Exportquoten für Seltene Erden im kommenden Jahr weiter zu senken.

Die Ankündigung der Volksrepublik sollte den Westen alarmieren. Denn sie zeigt, wie schnell wichtige Industrierohstoffe den Weltmärkten entzogen werden können. Und wer moderne Fernseher, Autos, Lampen, Computer, Windräder oder Solaranlagen baut, kommt ohne die raren Hightechstoffe nicht mehr aus. Seltene Erden sind Metalle wie Ytrium, Cer, Lanthan oder Neodym, die in der Erdkruste eigentlich gar nicht so selten vorkommen. Sie sind jedoch in anderen Mineralien enthalten, aus denen sie mit hohem Aufwand und unter in Inkaufnahme umweltschädlicher Methoden gelöst werden müssen.

Große Minen in westlichen Ländern wurden deshalb Ende der 1990er Jahre geschlossen. Die Volksrepublik hingegen baute ihre Minen weiter aus - und verfügt daher heute über 97 Prozent der weltweit abgebauten Vorkommen Seltener Erden.

Die Chinesen wollen sie künftig im eigenen Land nutzen, statt sie an Industrieunternehmen im Westen zu verkaufen. "Wenn wir nichts gegen den politisch verursachten Mangel bei wichtigen Rohstoffen tun, werden unsere Wertschöpfungsketten brechen", warnt Werner Schnappauf, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) . Die Anzahl der Exportbeschränkungen auf Rohstoffe hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt, meldete der Verband. Und warnt: Deutschen Unternehmen drohe eine Versorgungslücke.

Plötzlich reden alle über Müll

Die USA, Kanada, Russland und Australien haben eigene Vorkommen der begehrten Seltenen Erden, die sie bisher nicht erschlossen haben. Sie machen sich jetzt daran, diese Schätze zu bergen, um Chinas Rohstoffmacht etwas entgegenzusetzen. Deutschland hat diese Möglichkeit nicht. Weder bei den Seltenen Erden, noch bei anderen knappen Industrierohstoffen wie Kupfer, Nickel, Aluminium oder Stahl. Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Deshalb redeten beim Rohstoffkongress des BDI in der vergangenen Woche plötzlich alle über Müll. "Das Recycling ist die wichtigste heimische Rohstoffquelle", betonte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle vor den versammelten Industriegrößen.

Zwölf Prozent des Rohstoffbedarfs werden schon heute durch recycelte Rohstoffe gedeckt, das zeigen Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Dadurch sparte die Industrie im Jahr 2009 8,4 Milliarden Euro für Rohstoffimporte. Laut einer IW-Prognose könnte der Produktionswert der Sekundärrohstoffbranche bis 2015 auf 18 Milliarden Euro ansteigen. Das Interesse der Politik ist geweckt, schließlich geht es jetzt nicht mehr nur um Umweltschutzaspekte, sondern um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Von einer speziellen Wertstofftonne für wertvollen Elektroschrott ist die Rede und von einem Pfandsystem für Mobiltelefone und Laptops.

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