Fotostrecke

Neue Technologien: Um diese Rohstoffe kämpfen die Firmen

Foto: Maurizio Gambarini/ picture alliance / dpa

Rohstoffe Müllberge zu Goldgruben

Chinas Ankündigung, den Export Seltener Erden zu verknappen, gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieunternehmen. Doch an unerwarteter Stelle schlummern noch unerschlossene Rohstoffquellen: An deutschen Mülldeponien wurden Probebohrungen gestartet. Abfallforscher erwarten fette Beute.

Ein Forschungsteam lässt Satelliten über Botswana kreisen. Ein Minenbetreiber in den USA steckt eine halbe Milliarde Dollar in eine stillgelegte kalifornische Mine. Im unwirtlichen Nordwesten Kanadas bohren Wissenschaftler Löcher hundert Meter tief unter den Thor Lake. Und im hessischen Reiskirchen wühlen Stefan Gäth und seine Doktoranden im Müll.

Sie alle sind auf der Suche nach seltenen und wertvollen Rohstoffen. Sie alle müssen schneller suchen. Denn beim Thema Rohstoffe geht es künftig nicht mehr nur um die Menge, sondern um Kontrolle: Chinas Handelsministerium hat angekündigt die Exportquoten für Seltene Erden im kommenden Jahr weiter zu senken.

Die Ankündigung der Volksrepublik sollte den Westen alarmieren. Denn sie zeigt, wie schnell wichtige Industrierohstoffe den Weltmärkten entzogen werden können. Und wer moderne Fernseher, Autos, Lampen, Computer, Windräder oder Solaranlagen baut, kommt ohne die raren Hightechstoffe nicht mehr aus. Seltene Erden sind Metalle wie Ytrium, Cer, Lanthan oder Neodym, die in der Erdkruste eigentlich gar nicht so selten vorkommen. Sie sind jedoch in anderen Mineralien enthalten, aus denen sie mit hohem Aufwand und unter in Inkaufnahme umweltschädlicher Methoden gelöst werden müssen.

Große Minen in westlichen Ländern wurden deshalb Ende der 1990er Jahre geschlossen. Die Volksrepublik hingegen baute ihre Minen weiter aus - und verfügt daher heute über 97 Prozent der weltweit abgebauten Vorkommen Seltener Erden.

Die Chinesen wollen sie künftig im eigenen Land nutzen, statt sie an Industrieunternehmen im Westen zu verkaufen. "Wenn wir nichts gegen den politisch verursachten Mangel bei wichtigen Rohstoffen tun, werden unsere Wertschöpfungsketten brechen", warnt Werner Schnappauf, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) . Die Anzahl der Exportbeschränkungen auf Rohstoffe hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt, meldete der Verband. Und warnt: Deutschen Unternehmen drohe eine Versorgungslücke.

Plötzlich reden alle über Müll

Die USA, Kanada, Russland und Australien haben eigene Vorkommen der begehrten Seltenen Erden, die sie bisher nicht erschlossen haben. Sie machen sich jetzt daran, diese Schätze zu bergen, um Chinas Rohstoffmacht etwas entgegenzusetzen. Deutschland hat diese Möglichkeit nicht. Weder bei den Seltenen Erden, noch bei anderen knappen Industrierohstoffen wie Kupfer, Nickel, Aluminium oder Stahl. Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Deshalb redeten beim Rohstoffkongress des BDI in der vergangenen Woche plötzlich alle über Müll. "Das Recycling ist die wichtigste heimische Rohstoffquelle", betonte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle vor den versammelten Industriegrößen.

Zwölf Prozent des Rohstoffbedarfs werden schon heute durch recycelte Rohstoffe gedeckt, das zeigen Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Dadurch sparte die Industrie im Jahr 2009 8,4 Milliarden Euro für Rohstoffimporte. Laut einer IW-Prognose könnte der Produktionswert der Sekundärrohstoffbranche bis 2015 auf 18 Milliarden Euro ansteigen. Das Interesse der Politik ist geweckt, schließlich geht es jetzt nicht mehr nur um Umweltschutzaspekte, sondern um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Von einer speziellen Wertstofftonne für wertvollen Elektroschrott ist die Rede und von einem Pfandsystem für Mobiltelefone und Laptops.

Rohstoffe im Wert von 120 Millionen Euro in einer Deponie in Hessen

Und plötzlich interessieren sich Politiker und Unternehmer auch für die Arbeit von Stefan Gäth. Der Professor für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Uni Gießen nimmt in einer Mülldeponie im hessischen Reiskirchen Probebohrungen vor.

Die Abfallforscher erwarten, dort mindestens 60.000 Tonnen Eisen-Metalle und 40.000 Tonnen Nicht-Eisen-Metalle zu finden, außerdem große Mengen an Papier, Kunststoffen, Phosphor und Glas. "Früher landete ja nahezu alles auf den Mülldeponien", sagt Gäth. "Fernseher, Kühlschränke, Waschmaschinen, sogar Autos findet man in alten Deponien."

Rohstoffe im Wert von 65 bis 120 Millionen Euro liegen den Analysen zufolge in der hessischen Deponie, allein der Metallwert beläuft sich auf 15 bis 30 Millionen Euro. Jede deutsche Kommune, jede Stadt verfügt über ähnliche Goldgruben.

Vergleichbare Studien in Japan haben ergeben, dass der Elektroschrott des Inselstaats 300.000 Tonnen Seltene Erden enthält. Zum Vergleich: Die jährliche Produktion der Seltenen Erden liegt aktuell bei 120.000 Tonnen jährlich. In ehemaligen Bergwerksgebäuden schlachten die Japaner deshalb schon jetzt alte Elektrogeräte aus.

"Urban Mining" lohnt sich wieder

Urban Mining nennen Fachleute das Schürfen nach Rohstoffen in Müllbergen. Ab wann es sich rechnen wird, die Minen an den Rändern der Städte systematisch auszubeuten, hängt vor allem davon ab, wie stark die Rohstoffpreise steigen. "Technisch ist schon vieles machbar", sagt Wissenschaftler Gäth. "Aber noch lohnt es sich wirtschaftlich nicht."

In fünfzehn oder zwanzig Jahren könne es angesichts der weltweit immer knapper werdenden Rohstoffe soweit sein. Bis dahin ist ein weiteres Problem zu lösen: Die Städte haben alte Deponien nach der Schließung häufig in Grünflächen oder Parks umgewandelt. Wer hier wieder anfangen will zu graben, muss mit Protesten der Anwohner und örtlichen Umweltschützer rechnen. Denn in den versiegelten Müllgruben lagern auch giftige Stoffe.

Noch wirkungsvoller, als in den alten Deponien zu graben, ist ohnehin das direkte Recycling von besonders rohstoffreichem Abfall. Wenn Verbraucher ihr Handy, das Notebook, die Spielekonsole oder den Fernseher gegen ein Gerät der neuesten Generation austauschen, finden sie für die ausgedienten Altgeräte dankbare Abnehmer. Entsorgungsunternehmen sind heute Hightech-Konzerne, die mit aufwändigen Verfahren sechzig verschiedene Rohstoffe aus einem Mobiltelefon herauslösen können - darunter Gold, Kupfer und auch die besonders knappen Seltenen Erden.

Und sie haben weitere Pläne für alte Technik. Bisher landet noch jedes dritte Mobiltelefon erst einmal in der Schublade - für alle Fälle. "Es wäre doch sinnvoll, wenn man zum Beispiel Mobiltelefone in einer Art Leasingmodell nach zwei Jahren an den Hersteller zurückgibt", schlägt Nils Röpke vor.

Technologie gegen Rohstoffe - Osrams Joint Venture mit China Rare Earth

Der Geschäftsführer des Unternehmens Zentek, in dem sich mittelständische Entsorgungsunternehmen zusammengeschlossen haben, hält das derzeitige Elektroschrott-Sammelsystem für ineffizient. "Die kommunalen Sammelstellen packen zu viele verschiedene Elektrogeräte in einen Container", kritisiert er. Dadurch werde das Recycling erschwert. Außerdem verschwindet ein Großteil des wertvollen Schrotts auf dubiosen Wegen in Asien oder Afrika, das hat jüngst eine Studie des Umweltbundesamtes nachgewiesen.

Der illegale Export der Altgeräte ärgert Entsorgungsunternehmer wie Röpke, denn auch dadurch kommen nur 30 bis 40 Prozent der jährlich 600.000 Tonnen deutschen Elektroschrotts bei den Recycling-Unternehmen an. Künftig soll eine spezielle EU-Taskforce die illegalen Transporte an den Grenzen abfangen. Entsorger Röpke will das Verschwinden des teuren Mülls am liebsten von Anfang an verhindern: "Wir könnten uns gut vorstellen, die Geräte direkt selbst beim Verbraucher abzuholen.".

Es gibt noch andere Ansätze. Das Materialtechnik-Unternehmen Umicore zum Beispiel hat sich mit einer eigenen Recycling-Tochterfirma längst selbst eine solche Kreislaufversorgung geschaffen: Während ein Geschäftsbereich des Technologie-Konglomerats Katalysatoren für die Automobilindustrie herstellt, hat sich ein andere Sparte auf das Recycling von Edelmetallen im großen Stil spezialisiert - die wiederum für die Herstellung neuer Katalysatoren gebraucht werden.

Osrams Joint Venture mit China Rare Earth - Technologie gegen Rohstoffe

Auch mancher Hightech-Konzern nimmt das Problem in die eigenen Hände: Siemens zum Beispiel recycelt das seltene Metall Indium, das die Healthcare-Sparte in ihren Röntgengeräten verbaut, bereits vollständig selbst: Kunden geben die Großgeräte nach Gebrauch zurück.

Die Siemens-Tochter Osram hingegen, die das Metall in Elektroden für Glühbirnen einsetzt, bekommt alte Glühlampen nicht ohne weiteres zurück. Osram muss Indium für die Neuproduktion zukaufen, ebenso die Seltene Erde Ytrium. Das Unternehmen gründete deshalb ein Joint Venture mit dem Seltene Erden-Förderunternehmen China Rare Earth - zu dessen Kunden auch weitere Technologiekonzerne wie General Electric und LG Electronics gehören. Künftig werden das chinesische Rohstoffunternehmen und der deutsche Glühlampen-Hersteller gemeinsam Phosphorverbindungen für die Leuchtindustrie herstellen.

Der strategische Hintergrund solcher Kooperationen mit Unternehmen aus Schwellen- und Entwicklungsländern ist klar: Es ist ein Tausch von Technologie und Know-How gegen Rohstoffe. "Die Industrie muss sich entscheiden: Will ich Rohstoffe aus China beziehen oder von Produzenten im eigenen Land?", sagt Andreas Habel vom Bundesverband für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE).

Durch mehr Kooperationen mit der Recyclingwirtschaft im eigenen Land könnten die Unternehmen sich den Zugriff auf Rohstoffe der urbanen Minen sichern und ihre Abhängigkeit von den Schwellenländern mindern. Es müsse eine gemeinsame, langfristige Strategie geben.

Rohstoffe: Enorme Preisschübe seit 2009

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.