BP und die Ölkatastrophe Konzern am Abgrund

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wird zum GAU für den Bohrinselbetreiber BP und seinen Chef Tony Hayward. In London stürzt die Aktie um 15 Prozent ab. Völlig unklar ist, wann und zu welchem Preis der Konzern das Desaster in den Griff kriegt. Inzwischen wachsen Zweifel, ob das Unternehmen in seiner bisherigen Form überlebt.

Hamburg - Die Finanzkraft des Ölkonzerns BP galt noch in der vergangenen Woche als nahezu unerschütterlich. Bis zu 360 Milliarden Dollar hat das Unternehmen zuletzt im Jahr erlöst und in den vergangenen drei Jahren zusammen 60 Milliarden Dollar verdient. Allein der gewaltige Cash Flow von mehr als 22,5 Milliarden Dollar ließ das Unternehmen und seinen Chef Tony Hayward über jeden Zweifel erhaben sein, dass die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko BP ernsthaft gefährden könnte.

Nach dem Wochenende ist alles anders. Anleger fliehen immer schneller aus der Aktie, seit Hayward eingestehen musste, dass die Aktion "Top Kill" gescheitert ist, mit der BP das leckgeschlagene Bohrloch schließen wollte. In London verloren die Papiere am Dienstag Vormittag 15 Prozent an Wert.

Der Börsenwert des Unternehmens hat sich inzwischen um mehr als 50 Milliarden Euro reduziert, seit die Ölplattform vor sechs Wochen explodiert ist. "Das muss noch nicht das Ende sein", sagt Analyst Sven Diermeier von Independent Research.

Am Markt macht sich langsam Panik breit, weil das Öl laut Konzern und US-Regierung bis August weitgehend ungehindert in den Golf strömen dürfte. Bisher sind offiziellen Schätzungen zufolge knapp 40.000 Tonnen Öl ausgetreten und damit mehr als bei der Havarie des Tankers Exxon Valdez vor 21 Jahren vor Alaska.

Mit jedem weiteren Fass, das ins Meer läuft, wächst die Rechnung an BP. Strafzahlungen, Kosten für Aufräumarbeiten und Schadensersatzforderungen könnten ins Unermessliche steigen. Bisher ist von bis zu 60 Milliarden Euro allein für Strafen die Rede. Vor allem, wenn BP Fahrlässigkeit oder Vorsatz im Zusammenhang mit dem Unfall nachgewiesen wird, drohen gigantische Zahlungen. Die eine Milliarde Dollar, die der Konzern als bisher angefallene Kosten angibt, sehen viele erst als Auftakt für weitaus größere Summen.

Die Geier kreisen schon

Vor allem weil die finanzielle Dimension des Debakels kaum noch zu durchschauen ist, springen Investoren ab. Den Versprechungen des BP-Managements traut ohnehin kaum noch einer. Besonders übel stößt vielen auf, dass Hayward die Erfolgschancen der "Top Kill"-Aktion auf 60 bis 70 Prozent bezifferte, obwohl es überhaupt keine Erfahrungswerte für das Unternehmen gab, bei dem in 1500 Meter Tiefe massenweise Schlamm in die defekte Ölleitung gepumpt wurde, um den Ölstrom zu stoppen.

"Die Fondsmanager haben große Probleme ihren Geldgebern zu erklären, warum sie dem BP-Management geglaubt haben", sagt Diermeier. "Der Markt hat in erheblichem Maße Vertrauen verloren." Wenn nun die Dividende stark reduziert werde oder gar ausfalle, würden sich einige Pensionsfonds aus der Aktie zurückziehen.

Ein konkretes Horrorszenario wollen Fachleute für BP noch nicht entwerfen. Ölexperte Steffen Bukold vom Branchendienst Energy-Comment erwartet beispielsweise nicht, dass die Existenz von BP unmittelbar gefährdet ist - dafür sei das Unternehmen finanziell zu gut ausgestattet. "Das Unternehmen verdient 40 Millionen Dollar am Tag, die Eigenkapitaldecke ist hoch", sagt Bukold gegenüber manager magazin.

Doch in alter Stärke könnte es BP bald nicht mehr geben, davon ist auch Bukold überzeugt. "Wenn der Börsenwert des Unternehmens unter seinen fairen Wert fällt, könnte BP ein interessantes Ziel für eine Übernahme sein." Auch eine Fusion mit einem anderen Ölgiganten sei aufgrund der akuten Schwäche von BP denkbar.

Mittlerweile ist BP an der Börse nur noch halb so viel wert wie Konkurrent Exxon , sogar Shell  liegt inzwischen vor BP. Neun Milliarden Dollar Synergiegewinne könne eine Fusion aus BP und Shell bringen, hatte Ex-BP-Chef John Browne einst geschrieben. Die kartellrechtliche Bedenken könnten gering ausfallen. Gerade 6 Prozent der weltweiten Ölreserven würde ein fusioniertes Unternehmens kontrollieren, rechnet die Nachrichtenagentur Reuters vor.

Rating unter Druck

Vorerst dürften die Großen der Branche an derartigen Szenarien zwar herumrechnen, sich aufgrund der hohen Risiken mit konkreten Kaufofferten jedoch zurückhalten. "Es ist denkbar, dass die Konkurrenz ein Auge auf Teile des BP-Vermögens wirft", sagt Analyst Diermeier. Das eine oder andere Ölfeld müsse der Konzern womöglich abtreten, erwartet auch Bukold.

Allein wird es BP jedenfalls schwer haben, wieder in alter Stärke auf die Beine zu kommen. "Der Vorfall kann zur Folge haben, dass sich die Finanzierung für BP verteuert", sagt Diermeier. Bereits Anfang Mai hatte Moody's den Ausblick für das Rating für langfristige unbesicherte Verbindlichkeiten von BP auf "negativ" gesenkt. Die Risiken der Ölkatastrophe seien nicht absehbar.

Wenn Regierungen zudem neue Lizenzen für Tiefseebohrungen vergeben, dürfte BP besonders kritisch beäugt werden, erwarten viele Beobachter. Dass der Konzern ein Viertel seines Geschäfts in den USA macht, kommt erschwerend hinzu. Welcher Gouverneur will seiner Bevölkerung neue BP-Projekte nun noch zumuten?

Bisher kaum die Rede ist von aktuellen Belastungen, die der Konzern aufgrund der Katastrophe am Golf bei seinen übrigen Tätigkeiten zu schultern hat. Noch völlig unklar ist, wie hart ein möglicher Boykott BP treffen würde. Umweltorganisationen haben sich bisher zu keiner koordinierten Aktion durchgerungen. Allerdings macht das Tankstellengeschäft einen eher geringen Anteil des BP-Umsatzes aus, so dass die Wirkung eher gering sein dürfte.

Größer ist die Gefahr, dass der Konzern sein künftiges Geschäft selbst etwas aus den Augen verliert. "Der Konzern konzentriert sich auf die Katastrophe im Golf von Mexiko und hat dafür Personal und Gerät abgestellt", sagt Diermeier. "Es würde mich überraschen, wenn das operative Geschäft darunter nicht leidet." Die Motivation der eigenen Mitarbeiter dürfte das Debakel ebenfalls kaum stärken.

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