Solar-Förderkürzung "Kollateralschaden für die Industrie"

Ein harter Tag für die erfolgsverwöhnte Solarindustrie: Die Koalitionsfraktionen haben sich auf weitere Subventionskürzungen geeinigt. Die Entscheidung trifft Deutschlands Solariunternehmen zu einer Zeit, in der ihre Probleme erdrückend scheinen.

Hamburg - Es wird ernst für die Solarhersteller. Die Fraktionen von Union und FDP haben sich auf die künftige Förderung von Solaranlagen geeinigt. Dabei gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht aus Sicht der Branche. Die gute: Durchgesetzt hat sich ein späterer Stichtag, nämlich der 1. Juli. Die schlechte: Dafür wird bei Dachanlagen um 16 Prozent gekürzt, die größte Zahl, die bei den Koalitionsgesprächen kursierte.

Mit dem 1. Juli hat die Branche noch eine letzte Gnadenfrist, um möglichst viele Bestellungen, die in letzter Minute eingetroffen sind, zu bearbeiten. Experten rechnen mit einer regelrechten Bonanza für die ersten beiden Quartale des Jahres. Denn jeder potenzielle Kunde, der die höheren Sätze für die Einspeisevergütung mitnehmen möchte, wird sich nun beeilen, seine neue Anlage bis zum Stichtag aufs Dach zu bekommen. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) hatte den 1. April vorgeschlagen - insofern sind viele Unternehmen erleichtert.

Andererseits ist die Förderkürzung, wie sie nun beschlossen wurde, drastisch. Sie addiert sich zu einem 15-Prozent-Einschnitt hinzu, den die Regierung bereits zum Jahreswechsel vorgenommen hatte. Mit dem Fraktionsbeschluss ist zwar noch keine gesetzliche Regelung festgeklopft, aber es scheint unwahrscheinlich, dass sich an den mühsam ausgehandelten Eckpunkten noch viel ändert. Für Anlagen auf Freiflächen wird die Förderung um 15 Prozent zusätzlich gekürzt, die Subvention für Anlagen auf Ackerflächen soll ganz wegfallen. Man wolle die Regelung jetzt "zeitnah" im Kabinett beraten, sagte ein Fraktionssprecher.

Der Beschluss erfolgte an einem Tag, an dem es ohnehin nicht an schlechten Nachrichten aus der Branche mangelt: Der Solarzellenhersteller Q-Cells  muss einen Verlust melden, der mit 1,4 Milliarden Euro dramatisch schlechter ausfällt als von Analysten erwartet. Der Modulproduzent Solon  legt - auf anderem Niveau - ein schlechtes Zahlenwerk vor und kann noch immer keine Erfolge bei seinen Refinanzierungsverhandlungen mit den Banken vorweisen. SMA  präsentiert zwar stolz ein Rekordergebnis und übertrifft die eigene im Herbst binnen vier Wochen gleich zweimal erhöhte Prognose, aber der Ausblick enttäuscht die Anleger so, dass die Aktie von diesem großartigen Ergebnis kaum profitiert. Und schließlich sieht sich Markführer Solarworld  gezwungen, mit einem offiziellen Statement von Gründer Frank Asbeck gegen ein Marktgerücht vorzugehen.

Gerüchtkorrektur mit willkommenem Zungenschlag

Asbeck immerhin konnte dem Gerücht damit eine positive Wendung geben. Nachdem es in der Flüsterpost am Börsenparkett hieß, Solarworld informiere derzeit Analysten, dass der Konzern am Donnerstag schlechte Zahlen vorlegen würde, ließ der Chef verbreiten: "Wir haben in den vergangenen Tagen keine Gespräche mit Analysten geführt" - nicht ohne unterzubringen, dass übermorgen sogar mit "ausgesprochen guten" Zahlen zu rechnen sei.

All diese Unternehmen werden von den Förderkürzungen betroffen sein, haben aber unterschiedliche Ausgangspunkte, um damit umzugehen. Gerade Asbecks Solarworld gilt als gut aufgestellt, weil der Konzern in vielen Märkten mit eigenen Werken präsent ist. Zwar setzt er den größten Anteil seiner Produkte noch immer in Deutschland ab, hat aber hier auch einen sehr gut eingeführten Markennamen. Zudem verspricht nach Analysteneinschätzung der hohe Automationsgrad in den neueren Fabriken, dass Solarworld im derzeitigen Preiskampf mit der asiatischen Konkurrenz bestehen kann.

Ähnlich gut steht SMA da, der Markführer bei Invertern. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit), so die aktuelle Bekanntgabe, stieg um rund 36 Prozent auf 228 Millionen Euro, die Gewinnmarge blieb mit 24,4 Prozent praktisch stabil. Die angekündigten Erlöse von 1,1 bis 1,3 Milliarden Euro für 2010 erscheinen vielen Beobachtern machbar, selbst unter den geänderten Marktbedingungen. Auch ist es dem Unternehmen gelungen, den Anteil des deutschen Marktes im vergangenen Jahr von 62 auf 60 Prozent zu senken, was es leichter macht, mit den Folgen der Förderkürzungen klarzukommen.

Dagegen sieht der Solarmodulhersteller Solon trüben Zeiten entgegen. Von einem Überschuss von 33 Millionen Euro im Vorjahr ist das Ergebnis nun auf ein Minus von 276 Millionen Euro runtergerasselt. Vor allem der Preisverfall macht dem Berliner Hersteller zu schaffen, auch wenn eine Deutsche-Bank-Studie Anfang Februar noch zu dem Ergebnis gekommen war, dass Solon gerade in diesem Punkt langfristig konkurrenzfähig werden und zu den asiatischen Wettbewerbern aufschließen dürfte.

Böse Überraschung mit den Q-Cells-Zahlen

Größter Hemmschuh ist derweil die Nettoverschuldung, die laut dem jüngsten Zahlenwerk nur leicht gesunken ist: um 9 Prozent auf 345 Millionen Euro. Die Refinanzierung ist noch immer unklar, auch wenn der neue Chef Stefan Säuberlich einen Abschluss der Verhandlungen noch im ersten Quartal versprach.

War bei Solon mit schlechten Zahlen gerechnet worden, unterbot der TecDax-Konzern Q-Cells die finsteren Erwartungen der Analysten noch. Der Umsatz um ein Drittel gefallen, der Nettoverlust auf 1,4 Milliarden Euro explodiert - damit war nicht gerechnet worden. Im Vorjahr war noch ein Überschuss von 190,6 Millionen Euro erwirtschaftet worden. Folgerichtig warb Vorstandschef Anton Milner bei der Präsentation am Morgen für eine Förderkürzung mit Augenmaß: "Ansonsten könnte unter Umständen ein großer Kollateralschaden für die Industrie entstehen", so Milner. Was die Koalitionsfraktionen dann am frühen Mittag beschlossen hat, dürfte nicht das gewesen sein, was er erhofft hatte.

Damit könnte das Restrukturierungsprogramm, das seit 2009 bei Q-Cells läuft, möglicherweise bald an Schärfe gewinnen. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Auftragsbücher für die erste Jahreshälfte voll. Aber ob Milners Ankündigung, in diesem Jahr keine weiteren Stellen abzubauen, zu halten ist, bleibt in der neuen Fördersituation abzuwarten.

Das hängt freilich auch davon ab, ob es Q-Cells gelingt, die langfristigen Lieferverträge für Wafer nachzuverhandeln. Vor allem sie belasten die Kostenstruktur des Unternehmens, weil die Weltmarktpreise inzwischen deutlich gefallen sind. Gelingt das nicht, könnten auch die geplanten Investitionen in Forschung und Entwicklung nochmals auf den Prüfstand kommen.

Das wäre wirklich fatal. Denn langfristig sind diese Investitionen ein großer Bonus für Q-Cells. Sie ermöglichen es, zusammen mit gutem Service und einer starken Marke, auch in Zukunft bei der asiatischen Konkurrenz mitzuhalten, selbst wenn die eigenen Preise höher liegen.

Mit Material von afp und dpa-afx

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