Klimagipfel-Reaktionen "Wer, wenn nicht die?"

Die Klimakonferenz in Kopenhagen ist grandios gescheitert - darüber sind sich zumindest Opposition, Umweltverbände und Wissenschaftler einig. Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen verteidigt die Ergebnisse des Gipfels: Kopenhagen sei nur ein erster Schritt - "nicht mehr, aber auch nicht weniger".

Berlin/Peking/Bremerhaven - Angesichts heftiger Kritik von Opposition und Umweltschutzverbänden hat Bundeskanzlerin Angela Merkel davor gewarnt, die Ergebnisse des Weltklimagipfels von Kopenhagen schlecht zu reden. "Kopenhagen ist ein erster Schritt hin zu einer neuen Weltklimaordnung, nicht mehr, aber auch nicht weniger", sagte Merkel der "Bild am Sonntag". Wer Kopenhagen jetzt nur schlecht rede, beteilige sich am Geschäft derer, die bremsen statt voranzugehen.

Zugleich verwies Merkel auf die besondere Verantwortung Deutschlands für den nächsten Schritt beim globalen Klimaschutz. "Auf Kopenhagen muss jetzt aufgebaut werden. Das wird Deutschland auf der Konferenz Mitte des Jahres in Bonn tun", erklärte die Kanzlerin.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hatte Merkel am Samstag eine Mitschuld am Misslingen der Klimakonferenz gegeben. "Es ist eine Schande, wie die Staats- und Regierungschefs die Zukunft ihrer eigenen Kinder und Enkelkinder aufs Spiel setzen", sagte Gabriel.

In der "Bild am Sonntag" forderte Gabriel zudem die Bundesregierung und die Europäische Union auf, trotzdem an ihren ehrgeizigen Kohlendioxid-Einsparungszielen festzuhalten. "Die Europäische Union muss bei ihrem Versprechen bleiben, die Kohlendioxid-Emissionen um 30 Prozent zu senken - auch nach dem Scheitern von Kopenhagen. Nur so kann die EU verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen und möglichst schnell glaubwürdig einen neuen Anlauf für ein verbindliches Abkommen unternehmen."

Zugleich warnte Gabriel die schwarz-gelbe Koalition davor, den Klimaschutz zu vernachlässigen: "Die Kanzlerin muss diejenigen in Union und FDP in die Schranken weisen, die wie Rüttgers und Brüderle Kopenhagen als billigen Vorwand nehmen wollen, um aus dem Klimaschutz auszusteigen."

Grünen-Chefin Claudia Roth sprach von einem "Gipfel der Verantwortungslosigkeit und der Zukunfts-Blindheit". "Viele Menschen werden sich fragen: Wer, wenn nicht die?", sagte Roth mit Blick auf die fast im Chaos zu Ende gegangene Konferenz, an deren Ende nicht einmal ein politisch bindendes Klimaabkommen stand. "Ich bin unglaublich wütend", so Roth. "Es ist eine Tragödie politischen Versagens, so etwas habe ich noch nicht erlebt."

Der Glamour der einstigen "Klima-Queen" Angela Merkel sei verblasst, sagte Roth. Die Kanzlerin habe zu wenig für einen Gipfel- Erfolg getan. "Sie hat Minimalangebote gemacht, die sich als Flop erwiesen haben. Sie hat Deutschland nicht in einer Vorreiterrolle repräsentiert, sondern sie hat diese Rolle kläglich verspielt."

China zufrieden mit Kopenhagen-Ergebnis

Unterdessen bewertete die chinesische Regierung den Ausgang des Klimagipfels als positiv. Allerdings sei er "nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang" gewesen, um die Probleme durch den Klimawandel in den Griff zu bekommen, erklärte Außenminister Yang Jiechi am Sonntag in Peking. "Dank der Anstrengungen aller Parteien wurde bei dem Treffen ein wichtiges und positives Ergebnis erzielt", wurde Yang in einer im Internet veröffentlichten Erklärung seines Ministeriums zitiert.

In der Erklärung wurde erneut die Ablehnung Chinas betont, den Entwicklungsländern eine Verringerung der Emissionen aufzuzwingen und Finanzhilfen an eine internationale Überprüfung solcher Maßnahmen zu knüpfen. "Chinas Klimaziele sind wissenschaftlich begründet und vernünftig, an keine Bedingung und nicht an Ziele anderer Länder geknüpft. Sie sind nicht verhandelbar", hieß es weiter.

Die Weltklimakonferenz hatte sich am Samstag nach fast zweiwöchigen Verhandlungen lediglich auf eine unverbindliche Minimal-Erklärung zum Abbau der Treibhausgase geeinigt. China weigerte sich beharrlich, sich auf konkrete Klimaziele zu verpflichten.

Klimawissenschaftler zeigten sich dementsprechend enttäuscht vom Gipfel-Ergebnis. "Ohne abgestimmte Ziele für die Treibhausgas-Reduzierung ist die Erderwärmung nicht auf zwei Grad Celsius zu begrenzen", sagte Peter Lemke, der Leiter des Fachbereiches Klimawissenschaften am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI), in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Damit der Klimaschutz eine politische Chance bekomme, müsse Europa vor dem nächsten Gipfel Ende 2010 in Mexiko vorpreschen und die Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 um 30 bis 40 Prozent verringern.

Für Lemke ist der Kopenhagen-Kompromiss vor allem deshalb enttäuschend, weil die Notwendigkeiten des Klimaschutzes aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig seien. "Wir müssen die Gesamtmenge der Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 auf 750 Milliarden Tonnen begrenzen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen", sagte Lemke, der maßgeblich am Weltklimabericht mitgewirkt hat. "Pro Kopf der Weltbevölkerung bedeutet dies eine zugeteilte Emission von zwei bis drei Tonnen CO2 pro Jahr." Zum Vergleich: "Westeuropäer emittieren gegenwärtig etwa 10 Tonnen pro Jahr und die Amerikaner 20 Tonnen."

Als besonders ernüchternd empfindet Lemke die Haltung der Industrieländer in Kopenhagen. "Sie hätten sich dazu verpflichten müssen, ihre Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu verringern", sagte Lemke. Statt gemeinsam verabredeter Reduktionsziele enthalte der Kompromiss jetzt nur eine Sammlung unverbindlicher Absichtserklärungen einzelner Länder.

Der Bremerhavener Klimaexperte hegt aber noch Hoffnung, dass bei der folgenden Klimakonferenz, die Mitte Mai in Bonn vorbereitet werden soll, ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden kann. "Es war ja schon häufiger so, dass Konferenzen zunächst in einer Katastrophe endeten und dann doch noch bei anschließenden Verhandlungen ein Ergebnis gefunden wurde."

manager magazin mit Material von dpa und reuters

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.