Atomkraft Das Altern der Meiler

Von der Klimadebatte erhofft sich die Atomindustrie ein Comeback. Ihre Lobby schwärmt schon vom "nuklearen Jahrhundert". Doch während Fortschritte im Neubau auf sich warten lassen, steht die Branche vor einem Alterungsproblem. Womöglich ist die Technik nicht mehr wirtschaftlich genug.

Hamburg - Die Forscher vom Massachusetts Institute of Technology haben eine "nüchterne Warnung" für die Atomindustrie. "Wenn nicht mehr getan wird", heißt es in einer neuen MIT-Studie, "wird Kernkraft als rechtzeitig machbare Option für einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz schwinden."

Dabei wähnt sich die Branche gerade im Aufwind - ausgerechnet mit grüner Hilfe. "Ich habe erkannt, dass Kernenergie gemeinsam mit einer verstärkten Konzentration auf erneuerbare Energien unverzichtbar ist", zitiert das Deutsche Atomforum den früheren Greenpeace-Direktor Patrick Moore. Schließlich stoße ein Atomkraftwerk kein CO2 aus. Selbst wenn man die Emissionen aus Uranbergbau, Kraftwerksbau und Entsorgung einbeziehe, könnte die Technik laut Atomforum mit dem Nutzen von Sonne, Wasser und Wind konkurrieren - und diese Ressourcen seien noch lange nicht allein in der Lage, das Verbrennen fossiler Energieträger zu ersetzen.

Was liegt da näher als der Ausstieg aus dem Ausstieg? Nicht nur die deutsche Bundesregierung prüft, die Reaktoren länger laufen zu lassen als geplant. Belgien hat das bereits beschlossen. Großbritannien, die Niederlande und Schweden wollen neue Atomkraftwerke bauen lassen. Selbst Italien, das seine Meiler schon vor zwanzig Jahren nach einem Volksentscheid abgeschaltet hat, denkt darüber nach.

Außerhalb Europas war von einem Atomausstieg noch nie die Rede. Besonders auf Ausbaupläne in China und Indien stützt die Internationale Atomenergieorganisation ihre Prognose, dass die weltweite Kapazität von heute 370 Gigawatt bis 2030 auf 473 bis 748 Gigawatt wachsen wird. Die World Nuclear Association, ein Lobbydachverband der Atomindustrie, hält sogar 1339 Gigawatt für möglich (davon 200 in China) und ruft das "nukleare Jahrhundert" aus. Bis zum Jahr 2100 werde aus Kernreaktoren das Fünffache der heutigen weltweiten Stromerzeugung kommen.

Schrumpfender Bestand, Pannen beim Ersatz

Aktuell nimmt die Bedeutung der Atomkraft aber eher ab. Ihr Anteil an der globalen Stromproduktion verharrt bei 14 Prozent - und damit noch weit mehr, als die ehrgeizigen Atomplaner in China und Indien je zu erreichen hoffen. Beide Länder sehen die Atomkraft mit derzeit 2 Prozent nur als kleine Hilfe, den Kohleanteil zu verringern. Viel größere Bedeutung haben dort Wasserkraftwerke.

Der westliche Kraftwerkspark dagegen, legen Luise Röpke und Jana Lippelt vom Münchener Ifo-Institut dar, steht vor einem "Alterungsproblem". In Westeuropa seien drei Viertel der Reaktoren, in den USA gar 90 Prozent älter als zwanzig Jahre und damit "in ihrer zweiten Lebenshälfte" - ausgehend von einer 40-jährigen Laufzeit, die wohl noch ein optimistisches Ziel darstellt. Die bereits stillgelegten Reaktoren gingen im Durchschnitt nach 22 Jahren vom Netz, das englische Kraftwerk Oldham hält derzeit mit 42 Jahren den Altersrekord. Das könnte "technische Grenzen" für eine Laufzeitverlängerung aufzeigen, meinen Röpke und Lippelt.

In Großbritannien und Deutschland sind bereits mehr Meiler vom Netz gegangen als derzeit noch laufen. Selbst die Atomnation Frankreich hat bereits 11 Reaktoren abgeschaltet, im Bau ist nur ein neuer in Flamanville. "Um die Zahl der weltweit aktiven Anlagen konstant zu halten", so die Forscherinnen, "müssten bis 2015 zusätzlich zu den geplanten circa 40 neue Reaktoren geplant, gebaut und in Betrieb genommen werden." Bis 2025 steige der Bedarf auf 190 - "ein schwieriges Unterfangen".

Wie schwierig, belegt die Tatsache, dass die Hälfte der 53 laufenden Bauprojekte erheblich im Verzug sind - in 13 Fällen um mehr als 20 Jahre. Der Neubau des Druckwasserreaktors im finnischen Olkiluoto gerät zum Desaster. Olkiluoto sollte für einen Aufbruch stehen - das erste Neubauprojekt in Europa seit der Katastrophe von Tschernobyl, die neue Technik des Europäischen Druckwasserreaktors, billig und schnell gebaut.

Stattdessen: der falsche Beton im Fundament, Schweißmängel in der Stahlbetonhülle, die Aufsicht fordert ein besseres Kontrollsystem. Statt in diesem Jahr wird das Kraftwerk erst 2012 in Betrieb genommen werden können. Die Baukosten sind auf 4,5 Milliarden Euro gestiegen. Der Betreiber TVO zahlt dem Baukonsortium um Areva und Siemens  aber nur den Festpreis von 3,2 Milliarden - immer noch mehr als ursprünglich angepeilt.

Scheitert Atomindustrie an ihrem Kostenproblem?

"Begrenzte industrielle Fertigungskapazitäten" sehen Röpke und Lippelt als einen Grund für die Unsicherheit. Weltweit sind nur eine Handvoll Konzerne überhaupt im Bau von Atomkraftwerken aktiv, und die konkurrieren mit unterschiedlichen Modellen. Eine kostengünstige Serienfertigung ist nicht in Sicht. Haben die westlichen Hersteller in der langen Pause womöglich verlernt, wirtschaftlich Atomkraftwerke zu bauen?

"Nicht ermutigend" finden die Forscher vom MIT die Erfahrung mit Olkiluoto und anderen neuen Bauvorhaben. Gegenüber einer Analyse aus dem Jahr 2003 hätten sich die Baukosten für neue Kernkraftwerke verdoppelt, heißt es in der Studie - und das schließe die erfolgreicheren Projekte in Japan und Südkorea ein. Auch fossile Kraftwerke seien teurer geworden, aber nicht annähernd so stark.

Sind sie einmal am Netz, bieten Atomkraftwerke den Betreibern dank der geringen Betriebskosten oft eine Lizenz zum Gelddrucken. Doch selbst dieser Vorteil schwindet laut MIT, weil Erdgas und Kohle nach dem Rohstoffboom in der Krise wieder deutlich billiger geworden sind. Über eine Betriebsdauer von 40 Jahren seien fossile Energieträger gut ein Drittel günstiger als Kernkraft. Eine hohe Steuer auf CO2-Emissionen könnte das ändern, ansonsten wären Atomkraftwerke nur mit einer deutlich längeren Laufzeit wirtschaftlich attraktiv.

Völlig außer Kontrolle gerieten die Kosten, wenn die Betreiber auch noch für die Entsorgung der strahlenden Abfälle bezahlen müssten, wie es Kernkraftgegner fordern. Die Frage der endgültigen Lagerung des Atommülls ist weltweit noch ungelöst.

Und noch etwas steht dem Comeback der Atomenergie entgegen. Darauf wiesen die Energiekonzerne EdF  und Eon  in einer britischen Parlamentsanhörung selbst hin. Sie warnten, der Ausbau von Wind- und Sonnenkraft gefährde die Rentabilität ihrer neu geplanten Anlagen, weil sie dann zu oft hoch- und heruntergefahren werden müssten, um die Stromerzeugung dem Bedarf anzupassen. Der Anteil erneuerbarer Energien solle auf ein Viertel bis maximal ein Drittel gedeckelt werden. Mit der grünen Hilfe ist es also auch nichts.

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