Klimagipfel "Strafen für scheiternde Politiker"

Ist der UN-Klimagipfel, der kommende Woche in Kopenhagen beginnt, zum Scheitern verurteilt? Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts ISE in Freiburg, hält im Gespräch mit manager magazin eine Einigung auf Klimaziele für möglich. Das Problem liege woanders: Keine Regierung wird zur Rechenschaft gezogen, wenn sie diese Ziele verfehlt.

mm.de: Herr Weber, am Montag beginnt der UN-Klimagipfel in Kopenhagen. Im Vorfeld der Veranstaltung sind die Erwartungen von allen Beteiligten stark heruntergeschraubt worden. Lohnt sich der Gipfel überhaupt?

Weber: Absolut. Allein das Datum und die Planung des Gipfels haben die drohende Klimakatastrophe wieder ins Gespräch gebracht. In den vergangenen Monaten galt das Hauptaugenmerk der öffentlichen Debatte vielen anderen Dingen - verständlicherweise, angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise.

mm.de: Wo sehen Sie die größten Unsicherheitsfaktoren für ein gutes Gipfelergebnis?

Weber: Ganz klar bei den Delegationen aus den USA und China - die Europäer haben sich ja sehr gut vorbereitet und explizite Ziele benannt. Bei US-Präsident Obama stellt sich die Frage, wie weit er sich angesichts seiner innenpolitischen Lage zu gehen traut. Man darf nicht vergessen, dass er zu Hause schon hart genug um seine Gesundheitsreform kämpfen muss und auch in Fragen des Afghanistan-Einsatzes Gegenwind spürt. Da kann es leicht sein, dass er es für klüger hält, seinen Landsleuten in der Umweltpolitik nicht allzu viel zuzumuten.

Andererseits muss er auch mit den Erwartungen umgehen, die die Welt an ihn hat - und die er nicht zuletzt in seinem Wahlkampf selbst geschürt hat. Obama ist zuzutrauen, dass er einen gänzlich neuen Vorschlag macht, etwas, das den gordischen Knoten aus unterschiedlichen Interessen zerschlagen kann. Darauf bin ich sehr gespannt.

mm.de: Wenn Sie für den Klimagipfel drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Klimagipfel Kopenhagen: Die Knackpunkte

Weber: Der erst Wunsch wäre selbstverständlich, dass es gelingt, sich auf effektive Ziele zu einigen, sowohl für den CO2-Ausstoß als auch für den Anteil erneuerbarer Energien im Jahr 2020. Europa hat sich ja schon auf minus 30 Prozent im Vergleich zu 1990 festgelegt. Zweitens wäre mir wichtig, dass die Teilnehmer über Wege sprechen, die zu den Zielen führen sollen. Das wäre deutlich konkreter als die Ziele, die ja nur aus trockenen Prozentzahlen bestehen. Und drittens wäre es ein großer Fortschritt, wenn man festlegte, was den Ländern für Strafen drohen, wenn sie die Ziele verfehlen.

mm.de: Das ist ein heikles Thema.

Weber: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird keine der Regierungen, die nun Kopenhagen verhandeln, im Jahr 2020 noch im Amt sein. Wenn dann die Klimaziele nicht erreicht werden, wird die Ausrede lauten: "Unsere Rahmenbedingungen haben sich inzwischen geändert" - aber Konsequenzen für die Regierenden werden ausbleiben. Es sei denn, man schreibt sie heute verbindlich fest.

"Deutsches EEG sollte weltweit als Vorbild dienen"

mm.de: Schon jetzt wird gemogelt. Zwar listet der aktuelle Bericht des Umweltbundesamtes einige echte Fortschritte der Bundesrepublik auf. Etwa, dass das Ziel aus dem Kyoto-Protokoll, den CO2-Ausstoß der Bundesrepublik bis 2012 um 21 Prozent zu senken, bereits erreicht sei. Dem halten Kritiker entgegen, dass dies zum Teil auf Produktionsverlagerungen ins Ausland zurückgeht …

Weber: … oder darauf, dass viele Fabriken aus der ehemaligen DDR inzwischen geschlossen sind. Allein das hat uns - je nach Rechenweise - Einsparungen von 10 bis 15 Prozent beim CO2-Ausstoß eingebracht.

mm.de: Also? Wie gut ist Deutschland wirklich?

Weber: Deutschland ist bei der Senkung der CO2-Emmissionen weltweit führend. Das gilt selbst dann, wenn man diese Sondereffekte, die wir erwähnt haben, beiseite lässt. Natürlich ist das kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Aber Deutschland ist zu Recht beim Klimaschutz weltweit Vorbild.

Ich glaube übrigens nicht, dass irgendeine Firma Fabriken ins Ausland verlagert, um ihren CO2-Fußabdruck in Deutschland zu verkleinern. Dafür gibt es ganz andere Gründe und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

mm.de: Wir haben über Ihre Wünsche für den Kopenhagen-Gipfel gesprochen. Was aber ist als Ergebnis realistisch zu erwarten?

Weber: Bei den Zielen werden wir vermutlich sehr weit kommen, denn es ist vergleichsweise einfach zu sagen: "Wir vereinbaren ein Minus von 20 Prozent." Die Frage der Mittel wird dagegen viel zu wenig beachtet werden.

mm.de: An welche Mittel denken Sie?

Weber: Das beste Beispiel ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland. Das regelt unter anderem den so genannten Einspeisetarif: Jemand, der Strom aus erneuerbaren Energien produziert, kann damit auf 20 Jahre im Voraus berechnen, für wie viel Geld ihm der abgekauft wird. Er weiß, dass er ein profitables Investment macht und hat eine einmalig hohe Planungssicherheit. Dass Deutschland bei der Nutzung erneuerbarer Energien so gut dasteht, verdanken wir zu einem großen Teil diesem Gesetz.

Leider konnten sich nicht einmal die europäischen Regierungen dazu durchringen, dieses Mittel für die Klimapolitik gemeinsam zu empfehlen. Wünschenswert wäre, wenn dessen weltweiter Einsatz diskutiert würde!

"Szenarien könnten viel zu optimistisch sein"

mm.de: Und wie steht es um die Frage der Strafen?

Weber: Da habe ich wenig Hoffnung auf Vorschriften. Die Vereinbarungen bekämen dann richtig Zähne. Wahrscheinlich wäre es unmöglich, sie so im amerikanischen Kongress ratifizieren zu lassen.

mm.de: Den Klimaschützern setzt der Fall des englischen Wissenschaftler Phil Jones zu, der im Verdacht steht, Ergebnisse der Klimaforschung dramatisiert zu haben. Kann es sein, dass viele in der Zunft zu laut auf die Pauke gehauen haben?

Weber: Das ist ganz sicher so. Aber wir sollten nicht vergessen, dass es in der Wissenschaft ein alltäglicher Vorgang ist, wenn ein Forscher Erkenntnisse geringer gewichtet, die seinen eigenen Thesen zuwiderlaufen. Das ist etwas anderes als Betrug oder die Fälschung von Messdaten: Jeder hat die Freiheit auszuwählen, wen er zitiert.

Ich würde den Kritikern entgegenhalten, dass noch viel zu wenig in der Öffentlichkeit deutlich wird, welches Experiment die Menschheit mit dem Planeten Erde derzeit durchführt. Klimaforscher wiegen uns oft eher in trügerischer Sicherheit, wenn sie uns vorrechnen, dass es reicht, nur 750 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre zu blasen und den Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu begrenzen; dann ließen sich die schlimmsten Effekte eines fundamental geänderten Klimas vermeiden. Es kann sein, dass das noch zu optimistisch ist - auch wenn wir froh sein müssen, dass die Klimaforschung uns überhaupt auf diese Zusammenhänge hinweist.

mm.de: Nun übertreiben Sie selbst.

Weber: Ganz und gar nicht. Bedenken Sie: Die Entwicklung des Menschen und seiner Kultur verdanken wir einem erdgeschichtlich höchst ungewöhnlichen Zustand: In der Periode des Holozäns, in der wir uns befinden, ist das Klima über 10.000 Jahre lang unglaublich stabil geblieben. Niemand in der Wissenschaft kann erklären, wie es zu dieser Stabilität gekommen ist. Und es kann daher niemand mit Sicherheit sagen, wie lange diese Periode anhält und was ihr Ende herbeiführen könnte.

Sicher ist nur: Alles was wir uns als klimatische Folgen einer Änderung dieses Zustands vorstellen können, hätte dramatische Folgen für unser Leben. Es reicht völlig aus, wenn nur einmal im Jahr ein Sturm mit 300 km/h uns die Dächer von den Häusern reißt, um das Leben, wie wir es heute kennen, völlig umzukrempeln. Das macht dann nicht mehr viel Spaß.

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