Mittwoch, 24. April 2019

Wüstenstrom "Die Kalkulation von Desertec ist absurd"

2. Teil: Was die Desertec-Gelder in Deutschland bewegen könnten

Scheer: Die Idee ist ein wenig zu schlicht, um zu funktionieren: Weil in der Wüste besonders viel Sonne scheint, so das Bild dieser Fata Morgana, ließe sich der Strom auch besonders kosteneffizient herstellen. Doch die Leitungsverluste über die große Strecke nach Europa wären immens, die technische wie politische Zuverlässigkeit kritisch. Hinzu kommt, dass die Kraftwerke unter Extrembedingungen betrieben werden müssen, denken Sie nur an Sandstürme. Die Wartungskosten sind nicht mit denen bekannter Anlagen vergleichbar.

mm.de: Politik und Unternehmen sollten sich also gar nicht für Desertec engagieren?

Scheer: Das Engagement für erneuerbare Energien ist elementar wichtig - aber es ist billiger, wenn es jeweils im Verbrauchsland vorangetrieben wird.

mm.de: Hier zu Lande passiert doch schon viel, wie Sie selbst gesagt haben.

Scheer: Aber es könnte viel mehr sein. Es gibt Bundesländer, die schließen mehr als 99 Prozent der Landesfläche für Windanlagen kategorisch und mit fadenscheinigen Begründungen aus, etwa Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. Wir könnten schon viel weiter sein.

Überlegen Sie sich, was man mit den 400 Milliarden Euro, von denen bei Desertec die Rede ist, alles bewegen könnte. Ein zusätzlicher Prozentpunkt der erneuerbaren Energien am deutschen Strommix erfordert Investitionen von etwa fünf Milliarden Euro. Und in den kommenden Jahren werden die Preise für die Anlagen weiter sinken.

Solarenergie: Wüstenanlagen nicht mit den bekannten (hier Kalifornien) zu vergleichen
Solar Millennium
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mm.de: Wenn das Projekt wirtschaftlich so widersinnig ist, wie Sie behaupten, wie kann es dann sein, dass gleich mehrere spitz kalkulierende Konzerne darauf einsteigen?

Scheer: Diese Konzerne verfolgen das Ziel, die Strukturen der heutigen Energieversorgung in das Zeitalter der erneuerbaren Energien zu verlängern. Desertec bedeutet Strom von einem einzelnen Konsortium, das Produktionsanlagen wie Transportleitungen kontrolliert. Es ist ein Weg, auch Solarstrom unter Monopolbedingungen herzustellen.

Die Stromerzeugung, wie sie durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert wird, sieht ganz anders aus. Sie ist dezentral und in den Händen vieler kleiner Anbieter. Ihre Strukturen sind mittelständisch. Mittelständische Unternehmen sind innovativer als Großkonzerne, es besteht eine fruchtbare Konkurrenz von vielen flexiblen Firmen, die mit sehr unterschiedlichen Motiven hinter der Sache stehen. So kommt eine starke Dynamik zustande und langfristig bessere Preise als in den Strukturen der alten Monopolisten.

mm.de: Die Desertec-Partner wollen nur ihre Monopole sichern?

Scheer: Ja, sie wollen die bestehenden Strukturen erhalten. Doch die Umstellung auf erneuerbare Energien funktioniert nicht ohne Strukturwandel. Eon und RWE stemmen sich gegen die schöpferische Zerstörung, wie sie Schumpeter beschrieben hat. Aber sie haben dafür schlechte Konzepte.

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