Wüstenstrom "Die Solarenergie wird sich rentieren"

Atom oder Solar, Kohle oder Wind? Für Greenpeace-Manager Roland Hipp steht Deutschland vor einer Systementscheidung. Im Interview fordert er ein klares Nein zur Kohle nach dem Vorbild des Atomausstiegs - und Staatshilfe für Sonnenstrom aus der Sahara.

mm.de: Herr Hipp, müssen Sie in der Atompolitik umdenken?

Hipp: Warum ich? Frau Merkel muss umdenken!

mm.de: Es sieht gegenwärtig so aus, als ob Schwarz-Gelb die Bundestagswahl im Herbst gewinnt. Das heißt: längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke.

Hipp: Umfragen haben mich noch nie beeinflusst. Es geht darum, welcher Energiemix für die Gesellschaft richtig ist.

mm.de: Nicht nur Union und FDP sind pro Atom. Auch in der Umweltbewegung wird die Frage anders diskutiert als vor 20 Jahren.

Hipp: Ich kenne keinen großen Umweltverband, der den Atomausstieg in Frage stellt. Allen ist klar: Längere Laufzeiten behindern den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wir stehen vor einer Systementscheidung: Setzen wir auf Großkraftwerke, mit denen die Konzerne ihre Monopole sichern - oder wollen wir eine zukunftsfähige Energieversorgung?

mm.de: Das Berliner Solarunternehmen Solon fordert längere Atomlaufzeiten. So könne man Zeit gewinnen für den Ausbau der regenerativen Energien.

Hipp: Diese Einschätzung teile ich nicht. Wenn man eine Übergangslösung braucht, dann sollte das Erdgas sein.

mm.de: Kernreaktoren stoßen kein CO2 aus. Angesichts des Klimawandels ein wichtiges Argument.

Hipp: Weltweit deckt die Atomkraft gerade einmal zwei Prozent des Energiebedarfs. Wenn man eine messbare Wirkung haben wollte, müsste man nach unseren Berechnungen mehrere tausend Kraftwerke bauen. Das will keiner, außerdem gäbe es gar nicht genug Uran. Es ist eine Mär, wenn die Atomlobby behauptet, das Klima zu schützen.

mm.de: Schweden macht seinen Atomausstieg rückgängig. Großbritannien und Frankreich planen neue Kernkraftwerke, ebenso China, Indien, Russland und die USA.

"Endlager Asse kostet den Steuerzahler 2,4 Milliarden Euro"

Hipp: Die meisten Bauvorhaben hinken den Plänen um Jahre hinterher, dafür schießen die Kosten in die Höhe. In Finnland wurden schon 1,2 Milliarden Euro mehr verbrannt als ursprünglich veranschlagt - und es steht noch immer kein neues Kraftwerk. Die Regierungen unterstützen die Projekte mit gigantischen Summen, ohne Subventionen würde sich ein Atomkraftwerk nie lohnen.

mm.de: Aus Verbrauchersicht hat die Kernenergie einen großen Vorteil: Sie ist billig.

Hipp: Nur, wenn Sie den Preis pro Kilowattstunde betrachten. Wenn Sie die Steuergelder hinzurechnen, die die Atomindustrie verschlingt, sieht das Bild ganz anders aus.

mm.de: Solarstrom kostet 40 Cent pro Kilowattstunde, bei Atomstrom sind es vier Cent.

Hipp: Und was ist mit der Haftpflicht? Wenn man die Atomkraftwerke nach normalen Standards versichern würde, müsste die Kilowattstunde einen Euro kosten. Hinzu kommen die Kosten eines Endlagers. Laut Umweltministerium müssen die Bürger allein für das Atommülllager Asse rund 2,4 Milliarden Euro zahlen.

mm.de: Der Atommüll ist tatsächlich ein Problem. Warum sperren Sie sich gegen das Endlager Gorleben?

Hipp: Das marode Lager Asse ist das beste Argument gegen ein Endlager in einem Salzstock. Die Asse sollte ein paar tausend Jahre halten - nach 40 Jahren war sie undicht.

mm.de: Aktuell liegen die strahlenden Abfälle in oberirdischen Zwischenlagern. Auch nicht gerade sicher…

Hipp: Aber das darf uns nicht zu Kurzschlusshandlungen verleiten nach dem Motto "rein in ein Loch und Erde drauf". Wir brauchen eine sichere Lösung für Hunderttausende von Jahren.

mm.de: Und wie sieht diese Lösung aus?

Hipp: Wir müssen nach einem alternativen Endlager suchen.

mm.de: Was heißt das konkret? Ein Endlager in Baden-Württemberg?

"Irgendwann muss es ein Endlager geben"

Hipp: Von Flensburg bis Passau müssen wir alles durchkämmen. Nach klar definierten Kriterien, ohne politische Einflussnahme.

mm.de: Einen Salzstock lehnen Sie ab. Welche geologische Formation soll es dann sein?

Hipp: Ich will mich nicht festlegen, bevor nicht alles erforscht ist. Die Schweizer haben früher auf Granit gesetzt, jetzt favorisieren sie Ton.

mm.de: Ton bedeutet, die Wahl fiele auf Baden-Württemberg.

Hipp: Das kann ich nicht sagen.

mm.de: Aber eines Tages muss man der Bevölkerung in einer bestimmten Region Deutschlands erklären: Euch hat es getroffen, hier wird das Endlager entstehen.

Hipp: Ja, irgendwann muss es ein Endlager geben. Aber dann bitte so sicher wie möglich.

mm.de: Die Kernkraft deckt 23 Prozent des deutschen Strombedarfs. Wie wollen Sie diese Menge ersetzen?

Hipp: Deutschland kann bis 2020 rund 15 Prozent des heutigen Stromverbrauchs einsparen. Ein konsequenter Verzicht auf Stand-by entspricht nach Expertenmeinung allein zwei Atomkraftwerken. Außerdem kann man die Kraftwärmekoppelung stärker nutzen. Und drittens müssen die regenerativen Energien massiv ausgebaut werden.

mm.de: Der Atomausstieg allein funktioniert vielleicht. Aber Sie wollen auch noch raus aus der Kohle.

Hipp: Es wird oft behauptet "die wollen alles gleichzeitig". Dabei ist klar: Aus der Kohle können wir erst 2030 oder 2040 aussteigen. Die Politik hat es jahrzehntelang versäumt, die Energieversorgung umzustellen. Das kann man jetzt nicht von heute auf morgen nachholen.

mm.de: Die Industrie fordert sogar neue Kohlekraftwerke.

"Wir brauchen neue Kohlekraftwerke"

Hipp: Die Kohlekraftwerke, die momentan gebaut werden, brauchen wir tatsächlich. Alles andere wäre unrealistisch.

mm.de: Klingt fast wie ein Plädoyer für das umstrittene Kohlekraftwerk Moorburg in Hamburg.

Hipp: Auf keinen Fall. Ein Neubau macht nur Sinn, wenn gleichzeitig ein altes, weniger effizientes Kraftwerk vom Netz geht. Langfristig müssen wir weg von der Kohle.

mm.de: Kohle deckt 43 Prozent des deutschen Strombedarfs. Es dürfte schwer sein, darauf zu verzichten.

Hipp: Wenn die Konzerne vernünftig planen, fahren sie ihre Kraftwerke in den kommenden Jahrzehnten herunter. Wenn sie aber weiter voll auf Kohle setzen, geht es klimatechnisch irgendwann nicht mehr weiter. Dann brauchen wir ein Ausstiegsgesetz.

mm.de: Nach dem Vorbild des Atomausstiegs?

Hipp: Ja. Greenpeace hat ein entsprechendes Gesetz schon entworfen.

mm.de: Deutsche Großkonzerne wollen sich in der kommenden Woche zu einem Konsortium namens ""Desertec"" zusammenschließen. Das Ziel: Solarkraftwerke in der Sahara zu errichten. Welche Rolle spielt der Wüstenstrom in Zukunft?

Hipp: Eine sehr große. Ein Bruchteil der Sahara-Fläche würde genügen, um die gesamte Welt mit Strom zu versorgen.

"Mit Kleinklein kommen wir nicht weiter"

mm.de: Kritiker werfen "Desertec" "Solarimperialismus" vor.

Hipp: Es kommt darauf an, wie die Europäer auftreten. Wenn ein Teil des Wüstenstroms in Afrika genutzt wird, sehe ich kein Problem.

mm.de: Die deutsche Umweltbewegung hat stets eine dezentrale Energieerzeugung propagiert, mit kleinen Anlagen in privater Hand. Jetzt schließen sich Unternehmen wie Siemens, Eon oder die Deutsche Bank zu einem Megaprojekt zusammen. Gefällt Ihnen das?

Hipp: Wir müssen den CO2-Ausstoß drastisch senken, mit Kleinklein kommen wir nicht weiter. Deshalb brauchen wir auch große Projekte - von Windparks im Meer bis zu Wüstenstrom.

mm.de: Für "Desertec" sind 400 Milliarden Euro an Investitionen nötig.

Hipp: Die Finanzkrise kostet Billionen. Im Vergleich dazu ist das Geld doch gut angelegt. Energie kostet nun mal Geld - das ist bei der Atomkraft genauso.

mm.de: Ohne Staatshilfe wird "Desertec" kaum auskommen.

Hipp: Natürlich muss der Staat am Anfang mithelfen. Aber das ist bei jeder neuen Technologie so. Langfristig wird sich die Solarenergie rentieren.

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