Freitag, 20. September 2019

Hochgeschwindigkeitszüge Mit Tempo 350 aus der Krise

Auto- und Luftfahrtbranche ächzen unter der Wirtschaftsflaute, die Bahnindustrie freut sich über milliardenschwere Konjunkturprogramme. Weltweit wollen Staaten ihre Hochgeschwindigkeitsnetze ausbauen - das soll auch dem Klimaschutz dienen. Das ambitionierteste Projekt planen die USA.

Hamburg - Die Eisenbahn gilt den meisten US-Amerikanern als hoffnungslos veraltetes Verkehrsmittel. Beim Aufbau des Landes mögen die Stahlrösser ihre Verdienste gehabt haben. Doch heute sind die wenigen noch fahrenden Personenzüge des Staatskonzerns Amtrak Autos und Flugzeugen meilenweit unterlegen, lediglich beim Gütertransport bietet die Bahn der Konkurrenz Paroli. Langsam, schmuddelig und verlustträchtig - das Image könnte kaum schlechter sein.

Umso größer war die Überraschung, als Präsident Barack Obama im Frühjahr seine Vorschläge für ein schillerndes Comeback der Schiene in den USA vorlegte. In zehn Korridoren sollen Hochgeschwindigkeitszüge Städte wie San Francisco und Los Angeles, Chicago und Detroit, Houston und New Orleans oder Seattle und Portland mit bis zu 350 Stundenkilometern verbinden.

Als Startschuss sind jetzt 13 Milliarden Dollar aus dem Konjunkturpaket und Haushalt vorgesehen, ab September sollen die ersten Mittel fließen. "Wir müssen jetzt ein Verkehrssystem entwickeln, das sauber und energieeffizient ist und unser Land in den nächsten Jahrhunderten prägt", sagte Obama. Das System ist außerdem geeignet, die Abhängigkeit der USA von Ölimporten zu verringern.

Obama ist nicht der einzige Regierungschef, der in der Wirtschaftskrise auf die Eisenbahn setzt. Weltweit haben zuletzt mehrere Regierungen Programme für Ausbau und Instandsetzung ihrer Netze verkündet oder bekräftigt, finanziert oftmals mit Mitteln aus Konjunkturpaketen. "Vor allem profitieren Hochgeschwindigkeitsprojekte und der Nahverkehr von Konjunkturprogrammen", sagt Unternehmensberater Andreas Schwilling von Roland Berger. Programme im Volumen von etwa 100 Milliarden Euro haben Regierungen seinen Recherchen zufolge in den vergangenen Monaten angekündigt.

Die Strategie soll zwei Problemen auf einmal begegnen: Einerseits erhoffen sich die Regierungen einen Schub für die arg gebeutelte Industriekonjunktur. Zugleich wollen sie die Klimabilanz ihrer Staaten verbessern - muss für Reisen im Zug pro Passagier laut Herstellerangaben doch bis zu 90 Prozent weniger Energie aufgewendet werden als bei Autofahrten oder Flügen.

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung