Daimler Zetsche, von Beust und die Brennstoffzelle

Elektroautos mit moderner Brennstoffzelle, emissionsfrei und zum Preis herkömmlicher Benziner? Daimler-Chef Dieter Zetsche hält das schon ab 2015 für möglich. Die schöne neue Autowelt soll noch in diesem Jahr ihren Anfang nehmen - in deutlich bescheideneren Dimensionen.

Hamburg - Selbst Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust scheint den englischen Begriff etwas pompös zu finden: Ein "Memorandum of Understanding" unterzeichne man da heute. "Schönes Wort", spöttelt von Beust, "man könnte auch Absichtserklärung dazu sagen."

Ein "Großprojekt auf dem Gebiet der Brennstoffzellentechnologie" hat Daimler  angekündigt und zahlreich Presse eingeladen. Die Sonne scheint, die Handelskammer in Hamburg, ohnehin ein prächtiger Bau, ist hübsch hergerichtet mit futuristischen Autos auf dem historischen Börsenparkett. Auf dem Podium sitzen neben dem Bürgermeister diverse Vorstände, von Vattenfall , Total , Shell , und nicht zuletzt ist Daimler-Chef Dieter Zetsche gekommen.

Von Beust reiht nun doch einige Superlative aneinander, von Hamburg als Europas grünster Stadt und von extrem ehrgeizigen Klimazielen. Die Spannung steigt. Wie groß wird das Projekt werden?

Den eigentlichen Plan enthüllt dann Dieter Zetsche: Daimler bringe noch in diesem Jahr seine B-Klasse mit Brennstoffzellenantrieb auf die Straße, liefere weitere Busse mit der Antriebstechnik an den Hamburger Nahverkehr und wolle mit den Partnern auf dem Podium eine tragbare Infrastruktur für den benötigten Wasserstoff errichten.

Klingt gut. Bis die Zahlen des Großprojekts genannt werden.

20 Autos. Bis Mitte 2010. Und vier Tankstellen. Wenn alles gut läuft.

Also nur ein Hype? Nicht ganz. Natürlich geht es auch darum, das Thema Brennstoffzelle in die Öffentlichkeit zu tragen. Während Autokäufer inzwischen ganz beiläufig über Elektro- und Hybridantriebe parlieren - um schließlich mangels Auswahl doch Autos mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren zu kaufen -, war es um diese Technik lange Zeit still geworden.

Frische Elektroenergie binnen Minuten

Doch das Funktionsprinzip ist bestechend: Per chemischer Reaktion wird aus einem Brennstoff - im Autobau: Wasserstoff - die elektrische Energie gewonnen, die einen Elektromotor antreibt. Damit sind viel größere Reichweiten zu erzielen, als die Batterien von Elektroautos bislang schaffen. Die aktuellen Versuchswagen auf Basis der Mercedes-B-Klasse sollen rund 400 Kilometer hergeben. Und dann kommt der Clou: Während eine Batterie für den folgenden Ladevorgang Stunden braucht, wird der Wasserstoff binnen Minuten nachgetankt.

Praxiserfahrung gibt es durchaus. In Hamburg fahren seit 2003 sechs wasserstoffbetriebene Linienbusse durch die Innenstadt. Die Fahrgäste bemerken keinen Unterschied, außer vielleicht, dass die Motoren leise sind und aus dem Auspuff Wasserdampf entweicht statt Dieselabgas. Zetsche augenzwinkernd: "Die Fahrzeuge sind emissionsfrei und - wie ich gehört habe - meistens sogar pünktlich."

Wenn bald also 20 Autos mit der Technik über Hamburgs Straßen gleiten, soll das als eine Art Startschuss verstanden werden. "Die Wagen haben einen so hohen technischen Reifegrad erreicht", erklärt Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber, "dass der Praxiseinsatz nun ein logischer Schritt ist." Das Problem dabei: Der Hersteller kann nicht einfach den Markt eröffnen und erwarten, dass die Käufer in Heerscharen kommen.

Die 20 "ausgewählten Kunden", die die Versuchsautos kutschieren dürfen, werden auf keinen Fall den tatsächlichen Preis der Kleinserienfahrzeuge bezahlen, sagt Zetsche. Sie wären derzeit wohl unerschwinglich, erst mit einer Massenfertigung sinken die Preise.

Fast ein größeres Problem ist der Mangel an Tankstellen. Inzwischen gibt es immerhin weltweit Standards, wie die Zapfsäulen und Pistolen auszusehen haben, an denen der Kunde Wasserstoff tankt. Das hilft aber nichts, solange es kaum Stationen gibt. Und weil die geplanten vier Tankstellen im Hamburger Stadtgebiet auch nicht gerade Fernweh verbreiten, will Bürgermeister von Beust eine Kooperation mit Berlin verabreden.

So ein Start ist wie verhext: Damit die Autos für potenzielle Käufer attraktiv sind, brauchen sie Tankstellen, damit die Tankstellen profitabel laufen, braucht es mehr Autos. So erklärt sich das Klein-Klein einer Aktion, die sich Großversuch nennt. Weil die Veranstalter hoffen, dass das Projekt eine immer größere Versuchung für andere darstellt, eine Versuchung mitzumachen.

Erschwingliche Fahrzeuge ab 2015?

Wie schwierig das ist, lässt sich im Kreis der Partner des Hamburger Projekts ablesen. Während Total-Deutschland-Chef Michel Mallet pflichtschuldig seinen Anteil von zwei Zapfstationen ankündigt, sagt sein Kollege bei Shell, Peter Blauwhoff: "Wir werden die Eröffnung von zwei Wasserstofftankstellen zwischen 2011 und 2014 prüfen." Hinter vorgehaltener Hand ärgert man sich in der übrigen Gruppe angesichts dieser Zaghaftigkeit. "Der soll sich mal erinnern, was er gerade unterzeichnet hat", zürnt ein Manager.

Auch sonst stehen hinter dem Wasserstoffkonzept noch Fragezeichen. Massentauglich wird die Technik nur dann, wenn auch die Autos anderer Hersteller an den Zapfsäulen haltmachen. Immerhin, infrage kämen potenziell alle, die derzeit an einem Elektroantrieb basteln, dann allerdings Brennstoffzellen hinzurüsten müssen. Die Daimler-Leute verweisen auf Honda und Toyota, die ebenfalls Brennstoffzellenfahrzeuge entwickeln. In Europa sind die Signale bestenfalls widersprüchlich. VW-Chef Martin Winterkorn erwartet keinen schnellen Durchbruch.

Das mit guten Gründen: Die Startinvestition für 1000 Tankstellen bundesweit beziffert Daimler mit 1,7 Milliarden Euro. Kosten, die leicht steigen könnten, denn noch immer ist der flüchtige Wasserstoff schwer zu speichern und zu transportieren. Nicht umsonst will Daimler auch eine Stiftungsprofessur zu dem Thema sponsern, um die Forschung auf dem Gebiet voranzutreiben. Und richtig umweltfreundlich ist die Technik nur dann, wenn der benötigte Strom klimaneutral produziert wird. Genau das gelobt Rainer Schubach für den Hamburger Wasserstoff. Der Generalbevollmächtigte von Vattenfall Europe hatte zuletzt mit dem Neubau des Kohlekraftwerks Moorburg den Zorn von Umweltschützern auf sich gezogen.

Der Start des Hamburger Großprojekts ist klein und bescheiden. Wird aus den Plänen nichts, droht eine große Enttäuschung.

Groß sind aber auch die Hoffnungen auf einen Durchbruch - Daimler wäre dann bei einer Zukunftstechnik ganz vorne dabei. Konzernchef Zetsche verbreitet Optimismus: Wenn er und seine Partner die Brennstoffzelle auf einen guten Weg brächten, könnten die Autos schon 2015 in großen Mengen produziert werden, so erschwinglich wie heutige Benziner.

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