Energie Das Milliarden-Watt-Geschäft

Kaum drehte Russland dem Westen den Gashahn zu, rief der Stammtisch nach Konsequenzen. Doch wie sicher ist das Geschäft mit der Energie wirklich? Marktkenner Michael Stadler sagt im Gespräch mit manager-magazin.de, wie gut Deutschland vor einem Blackout geschützt ist und wie weit die Liberalisierung schon vorangeschritten ist.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Russland und die Ukraine haben vor wenigen Wochen dem Westen das Gas abgedreht - wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass auch eine Stromunterversorgung auftritt, zum Beispiel durch einen erneuten Blackout?

Stadler: Über 50 Prozent der Energie in Deutschland wird aus fossilen Brennstoffen wie Stein- oder Braunkohle erzeugt. Gas wird nur zu rund 8 Prozent als Energieträger bei der Stromerzeugung eingesetzt und dies im Wesentlichen zur Spitzenabdeckung. Es ist also nicht zu erwarten, dass es bei temporär ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland zu einer Stromunterversorgung in Deutschland kommen wird. Darüber hinaus verfügt Deutschland über eine freiwillig angelegte Gasreserve von rund 20 Milliarden Kubikmetern Erdgas, was etwa einem Zehntel des Jahresverbrauchs entspricht. Damit ist die Gasversorgung auch bei völligem Lieferstopp für mehrere Wochen sichergestellt.

mm.de: Strom kann ja überall zugekauft werden. Wie sicher sind deutsche Kunden vor einem Blackout zum Beispiel in Frankreich?

Stadler: Blackouts haben immer technische Ursachen. Beispielsweise fällt irgendwo eine wichtige Hochspannungsleitung aus, oder es kommt zu Frequenzverschiebungen im Netz. In der Folge schalten sich einzelne Leitungen wegen Überlast ab, das passiert innerhalb von Sekunden. Für diese Störungsfälle gibt es technische Regeln, die von den Übertragungsnetzbetreibern erarbeitet werden und die die Regeln der Union for the Coordination of Transmission of Electricity (UCTE) als Grundlage haben. Die UCTE koordiniert den gesamten Stromtransport für Europa. Sie müssen sich vorstellen, dass in jeder Sekunde die in das Netz eingespeiste Energie gleich der abgenommenen sein muss. Wenn es in Frankreich also einen Blackout gibt, dann reagieren sofort die Operators bei der UCTE und stabilisieren das europäische Stromtransportnetz. Deutsche Kunden sind vor einem Blackout in Frankreich aus technischer Sicht gut geschützt.

mm.de: Wie frei ist der Wettbewerb unter den Stromherstellern in Ihren Augen und welche Rolle kommt der Politik zu?

Stadler: Die Liberalisierung des Strommarktes schreitet immer weiter voran. Wir haben seit 2004 die europäische Verordnung zum grenzüberschreitenden Stromhandel. Dieses EU-Gemeinschaftsrecht setzte die Bundesregierung mit der zweiten Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) von 2005 in nationales Recht um. Es sieht die Einrichtung einer Regulierungsbehörde vor, welche einen unverfälschten Wettbewerb sowie den leistungsfähigen und zuverlässigen Betrieb von Energieversorgungsnetzen sicherstellen soll. Anfang dieses Jahres startet in Deutschland die sogenannte Anreizregulierung. Die Energiebranche begrüßt mehrheitlich die Einführung, ist sich aber gleichermaßen bewusst, dass sie vor eine Reihe von neuen Herausforderungen gestellt wird. Die Bundesnetzagentur zwingt die Netzbetreiber, Kostensenkungspotenziale zu heben und stellt für diejenigen, die ihre Kosten schnell senken, Anreize in Form von höheren Gewinnen in Aussicht. Kurz gesagt: Damit die Netzbetreiber in großen und kleinen Netzen stabile Renditen erwirtschaften können, muss die Effizienz des Netzbetriebs weiter steigen. Die Politik hat hier eine Aufsichts- und Kontrollfunktion, die einen diskriminierungsfreien Netzzugang ermöglichen soll und die Netznutzungsentgelte kontrolliert.

"Komplexes Zusammenspiel"

mm.de: Die Zukunft des Stromnetzes scheint dennoch undurchsichtig zu sein. Warum gehören die Netze in die Hände der Versorger beziehungsweise warum nicht?

Stadler: Da wird im Moment innerhalb der Branche sehr unterschiedlich diskutiert, und es prallen verschiedene Interessen aufeinander. Die Ankündigung von Vattenfall über den Verkauf seines Stromnetzes bis Mitte 2009 treibt die Diskussion über die Gründung einer deutschen Netzgesellschaft an. Die EU-Kommission befürchtet, dass die bestehenden Strukturen im deutschen Stromnetz durch ein Monopol ersetzt werden könnten, während die Bundesnetzagentur die Zusammenlegung befürwortet. Sie sieht hier eher Einsparungspotenziale. Wem die Netze gehören, ist für uns als Dienstleister letztlich zweitrangig. Wichtig ist nur, dass in vernünftiger Weise investiert und instand gehalten wird und die Netze auf die künftigen Anforderungen ausgelegt werden. Das gilt im Übrigen auch für die Verteilnetze.

mm.de: Was kostet es, so ein Netz zu erhalten? Und wie oft steht eine Grundsanierung an?

Stadler: Absolute Zahlen lassen sich hier schwer nennen. In den letzten Jahren lag die Investitionsquote bei rund 1,5 Prozent zum Anlagevermögen pro Jahr. Seit Mitte 2008 hat der VDE den normativen Rahmen für Instandhaltung von Anlagen und Betriebsmitteln in elektrischen Netzen festgelegt. Er definiert die neuen Anforderungen an den Netzbetrieb in einem systematisierten, regelkreisartigen Instandhaltungsmanagementprozess. Ziel ist es, Netzbetreibern eine Orientierung zur praktikablen und effektiven Gestaltung von Instandhaltungsprozessen zu geben. Die Einhaltung dieses Regelkreises muss zukünftig von den Netzbetreibern nachgewiesen werden. Verteilnetzbetreiber stellen besonders hohe Anforderungen an Lösungen für die IT-Unterstützung von Assetmanagement und -services. Täglich fallen da eine Reihe von Instandhaltungsaufgaben an: Wartung, Störungsbehebung, Neubau oder auch die Erhöhung der Übertragungs- und Verteilkapazität. All diese Aufgaben müssen nach verschiedenen Kriterien bewertet, priorisiert und ausgeführt werden.

mm.de: Steigende Rohstoffpreise lassen regelmäßig die Strompreise steigen - sichern sich die Stromerzeuger eigentlich gegen solche Entwicklungen an der Börse ab?

Stadler: Strompreise entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren wie Angebot und Nachfrage, Verfügbarkeit, Wetterlagen und so weiter. Entscheidend sind hier auch die unterschiedlichen Erwartungen der Markteilnehmer über die zukünftigen Entwicklungen bei den Einflussfaktoren. Energieerzeuger können auf Spot- oder Terminmärkten Strom verkaufen und dadurch Erträge stabiler kalkulieren. Ein großes Volumen der erzeugten Energie wird mittel- und langfristig über den Börsenhandel fixiert und ist damit preislich abgesichert. Bedingt durch den steigenden Energiehandel mussten sich die Netzbetreiber in den vergangenen Jahren mit zusätzlichen Modifikationen und Investitionen in das Netz auf die steigenden Anforderungen einstellen.

"Topologie des Netzes"

mm.de: Wie kleinteilig ist so eine Abtrennung des Netzes denkbar? Geht zum Beispiel das Höchstspannungsnetz an Investor A, das Hochspannungsnetz an Investor B? Und wie sinnvoll wäre eine solche Rasterung aus Ihrer Warte?

Stadler: Die Topologie des Netzes wird im Wesentlichen bestehen bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine sehr kleinteilige Abtrennung des Netzes sinnvoll ist, denn damit steigt zum einen der Aufwand für die Netzführung und zum anderen der Aufwand für die Datenerhebung an die Regulierungsbehörde. Eventuelle Kostenvorteile, die an anderen Stellen gewonnen werden, würden durch eine sehr starke Fragmentierung der Netze wieder verschenkt oder Kosten sogar erhöht.

mm.de: Welche Rolle spielt eigentlich die Leipziger Energiebörse EEX heute und in zehn Jahren?

Stadler: Die Handelsvolumina der EEX sind im vergangenen Jahr weiter gestiegen. 2002 lag das gehandelte Volumen an der EEX bei rund 120 Terrawattstunden. Mittlerweile liegt das Handelsvolumen für Strom an den Spot- und Terminmärkten in Leipzig bei über 1300 Terrawattstunden. Der jährliche Stromverbrauch liegt in Deutschland hingegen nur bei rund 550 Terrawattstunden. An der Börse handeln 217 Unternehmen aus 19 verschiedenen Ländern. Ich denke, diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, welchen Stellenwert die EEX heute hat. Leipzig ist der Börsenplatz im europäischen Stromhandel. Ich sehe vor allem auch einen stetigen Anstieg des Handels mit CO2-Emissionsberechtigungen. Hier hat sich der Handel gegenüber dem Vorjahr bereits verdreifacht. Dieser Trend wird aus meiner Sicht beibehalten, denn diese Rechte werden international immer wichtiger.

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