Strompreise Meine Firma, meine Leute, mein Kraftwerk

Die hohen Strompreise lassen eine wachsende Zahl von Industriebetrieben kreativ werden. Anstatt sich über die Rechnung des Versorgers zu ärgern, bauen sie ihr eigenes Kraftwerk auf dem Werksgelände. Die Investition lohnt sich in immer mehr Branchen - auch weil der Staat die Anlagen jetzt noch stärker fördert.

Hamburg - Die Angebotspalette der Milchwerke Schwaben orientiert sich eigentlich klar am Kernprodukt: Edamer, Fruchtjoghurt, Butter stehen darauf - und vieles mehr, was sich aus 300 Millionen Kilo Milch im Jahr eben so herstellen lässt. Doch mit die höchsten Zuwachsraten wiesen zuletzt gänzlich andere Erzeugnisse auf: Wärme und elektrischer Strom.

Mit seinem neuen betriebseigenen Dampfheizkraftwerk hat sich das Unternehmen aus Neu-Ulm ein gutes Stück unabhängiger von den Versorgern gemacht. Den Dampf zum Trocknen der Molke sowie Wärme für Hallen und Geschäftsräume erzeugt es komplett selbst. Und eine 900-Kilowatt-Turbine, so leistungsstark wie ein Windrad älterer Bauart, deckt mittlerweile 20 Prozent des Strombedarfs im Betrieb.

"Lange dachten viele, Strom koste bald kaum noch etwas", sagt Geschäftsführer Jakob Ramm. "Die Welt ist aber plötzlich eine andere geworden."

Strom ist auf einmal viel teurer, als etwa noch vor zehn Jahren prognostiziert. Deshalb haben sich die Milchwerke Schwaben die neue Unabhängigkeit zwei Millionen Euro kosten lassen. "Wir sparen aber jetzt 500.000 Euro bei den Energiekosten im Jahr", sagt Geschäftsführer Ramm.

Viele Betriebe ächzen unter der hohen Kostenbelastung. Laut dem Verband der industriellen Kraftwirtschaft (VIK) liegt der Preis für Gewerbekunden um 70 Prozent über dem Niveau von 2003. Die Schuld schreiben viele Experten den großen Produzenten zu, die ihre Marktmacht missbrauchten und die Preisfindung an der Börse beeinflussten.

Kapitalkosten statt Brennstoffkosten

Die streiten das ab, doch woran es auch liegt - Firmen sind auf der Suche nach Alternativen. Die effiziente und damit umweltfreundliche Kraft-Wärme-Kopplung, bei der Wärme und Strom produziert werden, ist eine davon. Das Kraftwerk auf dem eigenen Werksgelände gewinnt an Attraktivität.In vielen energieintensiven Branchen, bei Molkereien, Papierherstellern oder der Chemieindustrie, gehört es bereits zur Tradition. Doch angesichts steigender Strompreise verstärken sie ihr Engagement. Auch weitere Branchen setzen auf die Energiegewinnung in Eigenregie.

"Auf diese Weise sichern wir unsere Papierproduktion zu langfristig kalkulierbaren Energiekosten ab", sagt der Chef des Landauer Wellpappenspezialisten Progroup, Jürgen Heindl. Die Progroup-Fabrik in Eisenhüttenstadt wird künftig von einem Siemens-Heizkraftwerk mit Fernwärme (Leistung: 150 Megawatt) versorgt, das auch 60 Prozent des Bedarfs an elektrischem Strom deckt.

Als Brennstoff dienen Reststoffe und Müll, die bei der Produktion anfallen oder von außen zugekauft werden. Auch mit Steinkohle ist der Betrieb möglich.

Die Investitionskosten trägt ein externer Dienstleister, eine Tochter des baden-württembergischen Versorgers EnBW . Als sogenannter Contracting-Partner betreibt er die Anlage auch. "Für uns ersetzen Kapitalkosten die sonst anfallenden Brennstoffkosten", sagt Heindl.

Je höher die Preise für Öl und Gas steigen, desto wirtschaftlicher lässt sich die Anlage betreiben. Liegt die Rohölnotierung unter 50 Dollar wie zurzeit, ist der Betrieb nach seinen Worten allerdings nicht wirtschaftlich und andere Energiequellen zum Trocknen des Papiers sind günstiger. Sofern sich der Preis in den kommenden zehn Jahren wie bei der Kalkulation erwartet bei 100 Dollar einpendelt, spart sein Unternehmen jedoch zwölf bis 13 Millionen Euro im Jahr.

Gesetzliche Förderung auch für Privatleute interessant

Branchenkenner beobachten auch deshalb ein wachsendes Interesse an den sogenannten Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen, weil der Staat Anschaffung und Betrieb seit diesem Jahr noch stärker fördert. Der wichtigste Punkt: Betreiber bekommen für den produzierten Strom eine feste Vergütung - und zwar auch für den selbst benötigten Strom. "Das macht das Ganze wesentlich attraktiver, in vielen Betrieben wird jetzt wieder verstärkt darüber nachgedacht", sagt Energieberater Gerald Menzler vom VIK.

Bei kleinen Anlagen bis 50 Kilowatt Leistung gibt es zehn Jahre lang 5,11 Cent pro Kilowattstunde. Diese kleinen Kraftwerke gibt es schon ab unter 20.000 Euro und eignen sich auch für Privatleute. Für Strom aus mittleren Anlagen (50 Kilowatt bis zwei Megawatt) erhält der Betreiber sechs Jahre lang 2,1 Cent, bei noch größeren Kraftwerken liegt der Förderbetrag bei 1,5 Cent.

Ähnlich wie bei der Förderung für Strom aus Windrädern und Solaranlagen bezahlen das alle Stromverbraucher indirekt über ihre Rechnungen. Der Staat will auf diese Weise erreichen, dass der Anteil von Strom aus Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen bis zum Jahr 2020 auf 25 Prozent steigt. Derzeit liegt er etwa bei 15 Prozent.

"Die Regelung macht KWK-Anlagen für jedes Unternehmen interessant, das zugleich einen hohen Wärme- und Energieverbrauch hat", sagt Referent Wulf Binde vom Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung. Seine Organisation geht verstärkt auf Branchen wie die Brauereiwirtschaft zu, in denen das eigene Kraftwerk bisher noch nicht die Regel war.

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