Minister Glos "Gas ist nicht der Königsweg"

Nach dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine beginnt in Deutschland eine neue Debatte um den richtigen Energiemix. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos warnt vor einer Konzentration auf Erdgas als Energieträger. Kohle- und Atomstrom seien notwendig, um die Energieversorgung zu sichern.

Berlin - Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Vertreter der Energiebranche haben vor einer einseitigen Konzentration auf den Energieträger Gas gewarnt. "Gas ist nicht der Königsweg", sagte der Politiker am Dienstag in Berlin. Das habe der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine deutlich gezeigt. RWE-Chef Jürgen Großmann forderte, politische Anreize, Erdgas zunehmend in der Stromerzeugung einzusetzen, auf den Prüfstand zu stellen. Andernfalls würde sich die Abhängigkeit Deutschlands vom Gas noch erhöhen.

"Die Zeche zahlt am Ende der Verbraucher mit höheren Preisen", sagte Glos. Er wiederholte in diesem Zusammenhang seine Forderung nach einem Ausbau des Energiemixes, zu dem die Kohle und "selbstverständlich die Atomenergie" gehörten. Von der Branche bekam der Minister dafür Unterstützung.

Kontraproduktiv sind nach Ansicht von Großmann für den Energiemix die Ergebnisse des europäischen Energiegipfels von Dezember, die Ausnahmeregelungen für die osteuropäischen Länder vorsehen. Diese Vorzugsbehandlung führe dazu, dass es derzeit wirtschaftlich kaum sinnvoll sei, in neue, CO2-arme Kohlekraftwerke in Deutschland zu investieren. "Wenn die Politik keine klaren Anreize setzt, sondern klare Signale der Ablehnung, dann wird das Geld woanders verbaut", sagte Großmann.

Glos begrüßte wie die Erdgasimporteure die Einigung im Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine. "Ich freue mich, dass heute wieder Gas fließen soll", sagte der Minister. An die Adresse der Streitparteien sagte Glos, es dürfe künftig nicht jedes Jahr zur Jahreswende zu Situationen wie dem nun beendeten Gaskonflikt kommen. Der russische Gasmonopolist Gazprom  hatte am Morgen nach fast zweiwöchiger Lieferblockade erstmals wieder Gas für Europa in die Transitpipelines der Ukraine gepumpt.

Absage an nationale Gasreserve

Das russische Gas erreichte am Dienstag die Slowakei, Bulgarien und Österreich. Bis das Gas wieder bei allen Kunden in der EU ankommt, kann es jedoch noch einige Tage dauern. Die ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko und ihr russischer Kollege Wladimir Putin hatten sich in der Nacht zu Sonntag nach stundenlangen Verhandlungen darauf geeinigt, dass die Ukraine ab 2010 die in Europa üblichen Gaspreise bezahlt. Das Abkommen wurde am Montag unterzeichnet.

Der Minister betonte, dass die Bundesregierung den Bau neuer Gas- Leitungen durch die Ostsee und durch die Türkei unterstütze. Dies dürfe aber nicht zu einer neuen Erpressbarkeit führen. Er kritisierte in diesem Zusammenhang Äußerungen des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan scharf.

Es könne nicht sein, dass der Bau der sogenannten Nabucco-Pipeline an eine EU-Mitgliedschaft geknüpft werde. "Wir wollen nicht neue Erpressbarkeit schaffen, sondern wir wollen sie verhindern", sagte der Minister. Ein weiterer Weg zum Abbau von Abhängigkeit sei der Bau von Terminals, über die mit Schiffen transportiertes Flüssiggas (LNG) in deutsche Leitungen eingespeist werden soll.

Großmann äußerte sich optimistisch, dass die Nabucco-Pipeline vom Kaspischen Meer über die Türkei nach Europa tatsächlich gebaut wird. "Der politische Wille ist in den vergangenen Wochen größer geworden", sagte der Konzernchef. Er gab sich zuversichtlich, die Leitung auch mit ausreichend Gas füllen zu können. "Das wird uns im ersten Schritt auch ohne iranisches Gas gelingen", sagte Großmann. Er habe in der vergangenen Woche in Region entsprechende Gespräche geführt.

Dem Ruf nach einer nationalen Gasreserve ähnlich wie beim Öl erteilte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, Hildegard Müller, unterdessen eine Absage. Eine zusätzliche strategische Reserve würde das Erdgas verteuern und die Verbraucher unnötig belasten. Zugleich würden Investitionsanreize für die Wirtschaft sinken. Private Lösungen sollten ihrer Meinung nach Vorrang haben.

manager-magazin.de mit Material von dpa und afp

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