Erdgas Nichts geht ohne Gazprom

Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine offenbart, wie verletzlich Europas Energieversorgung ist. Die EU sucht nach einer Strategie für die Zukunft - mit ernüchternden Ergebnissen. Am russischen Gasriesen Gazprom führt kein Weg vorbei.

Hamburg - Das Geschäft mit Erdgas ist einfach. Eigentlich. Die unterirdischen Lager mit einem Gemisch aus Methan, Kohlenwasserstoffen und anderen Gasen müssen nur angebohrt werden, schon strömt die fossile Energie nach oben. Das Gas wird noch getrocknet und entschwefelt, meist auch komprimiert oder verflüssigt. Ansonsten aber kann es so, wie es aus der Erde kommt, verbrannt werden und Wohnungen heizen, Herde befeuern oder Turbinen antreiben.

Erdgas ist, gemessen an den heutigen technischen Möglichkeiten, ein idealer Energieträger. Sauberer als Erdöl oder Kohle, effizienter als Windräder und Solarpaneele, sicherer als Kernkraft. Eigentlich. Doch im Geschäft mit Erdgas geben nicht Kaufleute und Techniker den Ton an, sondern Geopolitiker, die darin ein strategisches Great Game um Macht und Kontrolle sehen. Der Stoff wird nicht wegen seines Brennwerts, sondern wegen seines Erpressungspotenzials geschätzt.

Das zeigt der aktuelle Streit zwischen Russland und der Ukraine erneut. Selbst wenn es um geschäftliche Fragen wie Preise, Mengen oder Schulden geht, sprechen der russische Staatsmonopolist Gazprom  und sein ukrainisches Pendant Naftogaz die Sprache der Macht. Jede Seite versucht, die andere zu düpieren, ob mit Drohungen, Vorwürfen oder Nebenklauseln in Verträgen.

"Die Krise hat gezeigt, dass die Beziehung zwischen Russland und der Ukraine keine Zukunft hat", sagt Jonathan Stern, der die Gasabteilung am Oxforder Institut für Energiestudien leitet. "Ich glaube nicht mehr daran, dass sie eine Lösung finden können, die Europas Gasversorgung auf Dauer sichert." Selbst wenn eine Einigung für den nächsten Jahresvertrag zustandekomme, müssten die EU-Beobachter "mindestens jeden Winter" wiederkommen, um den Gastransport zu überwachen.

Die Europäische Union hat das Problem erkannt. Regelmäßig gibt die EU-Kommission Berichte zu ihrer Energiestrategie heraus, zuletzt im November. Doch die offenbaren Hilflosigkeit: Obwohl die europäische Wirtschaft immer sparsamer mit Energie umgeht, steigt ihre Abhängigkeit von Importen, weil die heimischen Quellen allmählich versiegen. Wenn die EU ihre Klimaschutzziele ernst nimmt, muss sie zudem in Zukunft noch mehr Gas statt Kohle verfeuern.

Erdgas stillt ein Viertel von Europas Energiehunger, wiederum ein Viertel davon stammt aus Russland. Dieses Gas strömt durch Pipelines entweder über ukrainisches oder weißrussisches Gebiet. Jedes dieser Länder will am Transit verdienen und hat die Macht, den Hahn zuzudrehen, andererseits aber kein Geld, um die Leitungen in Schuss zu halten. Die EU setzt darauf, zusätzliche Quellen und Transportwege zu finden. Doch jeder der existierenden Vorschläge hat mindestens einen Haken.

Weg vom russischen Gas?

Nabucco? Unter diesem Namen planen mehrere Gaskonzerne mit EU-Unterstützung eine Pipeline von der Türkei über den Balkan nach Österreich. Der tschechische Premierminister Mirek Topolánek als derzeitiger EU-Ratschef will sie zur "höchsten Priorität" der europäischen Energiepolitik ausrufen. "Soweit das möglich ist, ist die Idee richtig", sagt Gasexperte Stern. "Aber unsere Forschung zeigt, dass es mindestens noch zehn Jahre dauert, genug Gas zu sammeln, um nur eine Pipeline mit 30 Milliarden Kubikmetern pro Jahr zu füllen."

Der Importbedarf in Europa werde bis 2020 um knapp 70 Prozent auf 515 Milliarden Kubikmeter ansteigen, schätzt demgegenüber die Unternehmensberatung A. T. Kearney in einer neuen Studie. In die Türkei muss das Gas zudem erst aus Förderländern im kaspischen Becken, aus dem Iran, Irak - oder als Umweg aus Russland kommen.

Kaspisches Becken? Die meisten Vorräte hat sich Gazprom in langfristigen Lieferverträgen gesichert. Die Exportroute über Aserbaidschan und Georgien, die Russland umgeht, ist höchst unsicher, siehe Georgien-Krieg.

Irak? Die erhofften Reserven müssen erst noch geborgen werden - dagegen steht neben technischen und finanziellen Hindernissen vor allem der latente Bürgerkrieg.

Iran? Politisch derzeit völlig unmöglich, außerdem ist seit Jahrzehnten kein großes Gasexportprojekt über das Planungsstadium hinausgekommen. Inzwischen ist das Land mit den zweitgrößten Gasreserven sogar zum Nettoimporteur geworden, weil der Einsatz von Erdgas in der heimischen Ölindustrie mehr einbringt als im Export.

Algerien und Libyen? Die nordafrikanischen Länder sind bereits nach Russland die wichtigsten Lieferanten der EU, zählen jedoch auch zu den teuersten, weil sie Gas zum gleichen Preis berechnen wollen wie Öl.

Flüssiggas? Die Technik erlaubt den Transport per Schiff statt Pipeline über weite Strecken. Außerdem könnte so ein Weltmarkt mit transparenten Preisen entstehen. Doch einige europäische Versorger haben daran anscheinend wenig Interesse. Eon Ruhrgas hält seit Jahrzehnten Pläne für ein Flüssiggasterminal in Wilhelmshaven in der Schublade. "Flüssiggas ist nur für manche Länder eine Lösung", sagt Stern. "Und inmitten einer Rezession ist es sehr schwierig, genug Geld für die notwendige Infrastruktur auszugeben, besonders in Südosteuropa, das am schlimmsten betroffen ist."

Katar? Der Golfstaat ist bisher schon der größte Flüssiggasexporteur, doch zugleich auch ein führendes Land in der neugebildeten Gas-Opec. Die Hauptstadt Doha ist sogar Sitz der Organisation, die von manchen als zukünftiges Angebotskartell gesehen wird. Katar hat große Gasreserven. Ein Ausbau der Anlagen, um neben Asien auch Europa zu versorgen, ist aber in dem dichtbesiedelten Kleinstaat schwierig.

Nigeria? Das westafrikanische Land ist der große Hoffnungsträger für die Verfechter von Flüssiggas. Doch ähnlich wie beim Erdöl könnte der Export hier auf militanten Widerstand der Bevölkerung aus dem Fördergebiet stoßen, die über offizielle Kanäle nicht am Reichtum ihres Landes mitverdienen kann.

Weg vom Gas? "Gas kann durch andere Energieträger ersetzt werden", erklärt Energieforscher Stern, "aber auch das nur in einem Zeitrahmen von zehn bis zwanzig Jahren und begrenzt durch Europas Klimaziele."

Einen Bogen um die Ukraine machen

Für Stern bleibt als Fazit: Europa braucht Erdgas aus Russland, in Zukunft eher mehr als weniger. Das sollte auch die Antwort auf die aktuelle Krise bestimmen. "Wenn Sie das Problem bei der Ukraine sehen, sind Umgehungspipelines die schnellste Lösung", sagt Stern. "Wenn Sie das Problem bei Russland sehen, gibt es keine kurzfristige Lösung." Eine leistungsfähige Umgehung der Ukraine sei "vielleicht sehr teuer, aber absolut machbar". Es gebe ja schon Konsortien aus Gazprom und europäischen Gaskonzernen, die eine Pipeline "Nord Stream" unter der Ostsee nach Deutschland und eine Pipeline "South Stream" unter dem Schwarzen Meer nach Bulgarien in Angriff nehmen.

Der US-Berater Michail Kortschemkin sieht das anders. "Die Strategie, die Ukraine zu umgehen, ist kontraproduktiv und führt zu enormen Investitionskosten", urteilt der frühere Mitarbeiter des sowjetischen Gasministeriums, der heute von Pennsylvania aus den Informationsdienst "Eastern Europe Gas Analysis" betreibt. Ganz ohne den Ukraine-Transit komme Europa selbst nach den Gazprom-Prognosen nicht aus, wenn die neuen Röhren fertig sind. Auch deren Zweck für Gazprom sei zweifelhaft, weil höhere Transportkosten dauerhaft niedrigere Gewinne bedeuteten. Der wahre Sinn der Ostseepipeline liege wohl eher in der Möglichkeit, Polen vom Netz zu nehmen, ohne Deutschland zu schaden.

Rainer Lindner hält die Röhre als Geschäftsführer des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft gleichwohl für sinnvoll, um das Risiko des Transports über die bestehenden Pipelines zu mindern. Ganz darauf verzichten könne die Wirtschaft jedoch nicht. Deshalb müsse eine dauerhafte internationale Lösung her. "Der jetzige Zustand der Politisierung der Energiebeziehungen und gegenseitigen Schuldzuweisung kann kein Dauerzustand sein", sagt Lindner. "Wir fordern eine Verrechtlichung."

Beispielsweise könne ein Konsortium aus Russland, der Ukraine sowie den Abnehmerländern in der EU mit den jeweils beteiligten Firmen gebildet werden - ein Vorhaben, das Bundeskanzler Gerhard Schröder 2002 mit den damaligen Präsidenten Russlands und der Ukraine, Wladimir Putin und Leonid Kutschma, ausgehandelt hatte. Damals sperrte sich die EU gegen die Vorzugsbehandlung der Deutschen. Heute sind die politischen Hindernisse vor allem auf ukrainischer Seite.

"Die Ära der Zwischenhändler ist vorbei"

Das ukrainische Gesetz verbietet - wie das russische - ausländisches Eigentum an Pipelines und Gaslagern. "Hier muss sich auch die ukrainische Politik bewegen, schon um das marode Leitungsnetz zu modernisieren", verlangt Lindner. Das sei die marktwirtschaftliche Lösung - so marktwirtschaftlich es eben in einem Sektor zugehen kann, der auf allen Seiten von Monopolen geprägt ist.

Zudem müsste der Zwischenhändler Rosukrenergo entmachtet werden, an dem zur Hälfte Gazprom, zur anderen Hälfte die ukrainischen Geschäftsleute Dimitro Firtasch und Iwan Fursin über eine Österreich-Connection beteiligt sind. "Rosukrenergo ist intransparent und im Grunde überflüssig", formuliert Lindner diplomatisch. Die Firma erbringt keinen Dienst, außer Gas aus Zentralasien einzukaufen und dann an die Ukraine weiter zu verkaufen - eine Lizenz zum Abkassieren; die Gewinne werden fast komplett an die Anteilseigner ausgeschüttet.

Die Vorwürfe gegen Rosukrenergo reichen von Korruption bis zu Verbindungen zur Mafia. Die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, auch ihr Moskauer Kollege Putin und sogar Geschäftspartner Gazprom wollen die Firma ausschalten. Nur die Partei des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko stellt sich noch öffentlich hinter das Konstrukt. "Die Ära der Zwischenhändler ist vorbei", hofft der Oxforder Gasexperte Jonathan Stern. "Die Ukraine muss wieder Herr der eigenen Einkaufspolitik werden", fordert auch Rainer Lindner.

Für eine kooperative Haltung brauche das Land eine goldene Brücke. "Die Ukraine ist finanziell stark angeschlagen und kann Marktpreise für Gas nicht finanzieren", sagt der Verbandsfunktionär. Auf der anderen Seite habe Russland "angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise nichts mehr zu herabgesetzten Preisen zu verteilen". Bisher bekommen die ehemaligen Sowjetrepubliken nämlich aus alter Tradition Freundschaftspreise, wenngleich der Rabatt von Jahr zu Jahr kleiner ausfällt. "Beide Seiten müssen für eine Lösung Zugeständnisse machen, die an die Schmerzgrenze gehen", sagt Lindner.

Denn "genauso wie Europa von den Gasimporten aus Russland abhängt, ist auch Russland auf die Geschäftsbeziehungen zu Europa angewiesen", erklärt Florian Haslauer, der Leiter der Studie von A. T. Kearney. Das Land verbraucht zwar immer mehr Gas selbst und plant neue Pipelines nach Asien, auf absehbare Zeit sind aber die Exportwege einseitig auf Westeuropa ausgerichtet. Im Great Game ums Erdgas sind alle von allen abhängig. Sie müssen sich nur noch auf die Spielregeln einigen.

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