Ölpreis-Hoch Rentable Mondlandschaften

Öl wird immer teurer, das müsste alternativen Energieträgern Auftrieb geben. Doch weit gefehlt. Biosprit leidet unter steigenden Agrarpreisen. Stattdessen profitiert die kanadische Ölsandförderung - mit weitreichenden Folgen für die Umwelt.

Hamburg/Berlin - 100 Dollar, dann ist Rohöl so teuer, dass sich Biosprit rentiert - und zwar ohne Subventionen. Das war monatelang eine Faustformel, mit der sich das Marktverhältnis von gewöhnlichem Benzin und Diesel zu Treibstoffen beschreiben ließ, die aus nachwachsenden Rohstoffen wie Getreide oder Rapsöl gewonnen werden. In die Welt gesetzt wurde die Formel durch eine Studie der Deutschen Bank  vor rund einem Jahr.

Vergangene Nacht hat der Ölpreis die Marke geknackt. Das Barrel Öl der Sorte Light Sweet Crude kostete 100 Dollar, Tendenz weiter steigend. Knallen jetzt bei den Produzenten von Biosprit die Korken?

"Ein hoher Ölpreis ist prinzipiell von Vorteil für uns", sagt Elmar Baumann, Referent beim Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) in Berlin. Von einem Aufbruch sei aber bei den Verbandsmitgliedern nicht die Rede. Champagnerlaune klingt anders.

Das Problem: Nicht nur Öl ist teurer geworden, sondern auch die Rohstoffe der Biosprithersteller aus der Agrarproduktion. "Wir mussten besonders bei Pflanzenölen Preisanstiege zwischen 40 und 50 Prozent verkraften", berichtet Baumann. "Mit dieser Größenordnung hatte niemand gerechnet." Das ist ein weltweites Phänomen, das nicht nur deutsche Produzenten trifft.

Auch die Konsumenten wurden 2007 mit Preissteigerungen bei Lebensmitteln konfrontiert. Die Ernten fielen schlecht aus. Viele Kritiker sehen daneben die dank Biosprit gestiegene Nachfrage als wichtigen Grund. Darin spiegelt sich der ethische Grundkonflikt von Bioethanol und Co.: Teller oder Tank?

Auf der Kostenseite erwarten die Hersteller keine Wende: "Wir rechnen damit, dass sich das hohe Niveau bei den Rohstoffpreisen hält", so Baumann. Einen Richtwert für rentable Produktion, ähnlich der 100-Dollar-Marke, will Baumann aber nicht nennen. Es ist nicht abzusehen, dass der hohe Ölpreis allein für Ausgleich am Markt sorgen könnte. Zumal die Agrarproduktion davon nicht unberührt bleibt - Traktoren fahren mit Diesel, und meist wird der aus Erdöl gewonnen.

Biodiesel ringt mit Steuererhöhung

Biodiesel ringt mit Steuererhöhung

Speziell in Deutschland kämpft die Branche mit dem Verlust liebgewonnener Privilegien. Biotreibstoff wird nur deshalb zu konkurrenzfähigen Preisen angeboten, weil für jeden Liter Öl-Diesel 47,04 Cent Mineralölsteuer abgeführt werden, für Benzin gar 65,45 Cent. Zum Jahreswechsel greifen aber höhere Steuersätze für die alternativen Treibstoffe. Biodiesel wird mit 15 statt bisher 9 Cent belastet, Pflanzenöl mit 10 statt 2 Cent.

Bereits im Herbst forderte die Herstellerlobby deshalb, die Beimischungsquoten zu erhöhen. Die Mineralölkonzerne sind in Deutschland verpflichtet, ihre Kraftstoffe zunehmend mit Bioanteilen zu vermischen. Derzeit sind höhere Quoten aber nicht geplant.

Doch es gibt sie, die Profiteure der Ölpreisentwicklung - und gemeint sind hier nicht die Opec-Länder oder Ölspekulanten. In der kanadischen Provinz Alberta extrahiert Shell  Öl aus den bitumenverklebten Böden, BP  steigt gerade ebenfalls in dieses Geschäft ein. Die Treibstoffgewinnung aus Ölsand ist eine enorm aufwändige Angelegenheit: Riesenhafte Bagger schaufeln das Erdreich auf Lkw, die es in die Extraktionsanlagen fahren. Dort sind zahlreiche Arbeitsschritte, große Mengen Wasser und viel Energie erforderlich, um aus zwei Tonnen Sand ein Barrel (159 Liter) Öl zu filtern.

Vorkommen wie Technik sind seit Jahrzehnten bekannt, aber erst mit steigenden Ölpreisen wurden sie attraktiv. Wo genau die Rentabilitätsschwelle liegt, ist nicht bekannt, weil die Konzerne ihre Kosten streng geheim halten. Branchenexperten schätzen aber, dass es 30 bis 40 Dollar und ein Zehntel der im Öl gespeicherten Energie bedarf, um dem Sand sein schwarzes Gold zu entlocken. Die Ölpumpen in den Golfstaaten bringen den Rohstoff für unter zehn Dollar an die Erdoberfläche.

"Größtes Klimaverbrechen aller Zeiten"

"Größtes Klimaverbrechen aller Zeiten"

Als der Ölpreis 2007 auf gut 50 Euro fiel, rentierte sich der Aufwand kaum. Doch seither steigt der Barrelpreis beharrlich. Inzwischen ist das größte Problem der kanadischen Produzenten, genügend Personal ins Niemannsland von Alberta zu locken. 175 Milliarden Barrell sollen dort noch zu holen sein. Damit sitzt Kanada auf den weltweit zweitgrößten Reserven nach Saudi-Arabien.

So scharf die Kritik am Biosprit zuweilen ausfällt, der mehrheitlich aus Nahrungsmitteln gewonnen wird - die Maßstäbe sind beim Ölsand ganz andere. Greenpeace verdammt die kanadischen Abbauprojekte als "größte Klimawandel-Verbrechen aller Zeiten". Zurück bleiben abgeholzte Mondlandschaften und ganze Seen von ölverseuchtem Wasser, das den Ökosystemen nicht mehr zugeführt werden kann. Hinzu kommt der erhebliche Energieverbrauch und der CO2-Ausstoß bei der Filterung.

Shell arbeitet am Image

Zwar hat Shell damit begonnen, die ersten ehemaligen Ölsandfelder zu rekultivieren. Von einer umweltfreundlichen Energiequelle mag aber niemand sprechen.

Noch immer hoffen viele, steigende Ölpreise könnten sich positiv auf das Weltklima auswirken, weil der Verbrauch sinkt und Alternativen stärker zum Einsatz kommen. Beides ist, soweit abzusehen, ein Trugschluss. Die Preise steigen, gerade weil auch boomende Schwellenländer wie Indien und China immer mehr verbrauchen. Und die Alternativen, die vom Ölpreis profitieren, könnten Umwelt- und soziale Probleme eher verschärfen als lösen.

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