Energie Atomausstieg auf Zehenspitzen

Wo kommt 2020 unser Strom her? Aus Windparks? Vom Misthaufen? Die HypoVereinsbank hat verschiedene Szenarien durchrechnen lassen. Ergebnis: Die Atomkraft ist schwer zu ersetzen, schon gar nicht ohne Kohle und Gas. Für die Bank egal, sie verdient an allem mit.

Hamburg - Wenn es an einem nicht mangelt, dann an Studien zur Zukunft der erneuerbaren Energien. Ob Stromversorger, Greenpeace-Aktivist oder Atomlobbyist - jeder hat die Zahlen in der Schublade, die ihm in den Kram passen. Aber auf welche soll man sich verlassen?

Die Frage stellte sich auch der Vorstand der HypoVereinsbank, der das eigene Haus als führenden Kreditgeber für erneuerbare Energien in Deutschland beschreibt. Zur Beantwortung bestellte man zwei Gutachten, eines beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), ein weiteres bei Finance Research.

Als Stefan Schmittmann, Firmenkundenvorstand der Bank, die Ergebnisse der Studien präsentiert, stellt er denn auch voran: "Das ist kein Thema, das automatisch mit einer Bank in Verbindung gebracht wird." Gerade deshalb, so die Botschaft im weiteren Verlauf der Veranstaltung, sei hier nun mit unparteiischen Ergebnissen zu rechnen.

"Wir wollten weder den politisch beschlossenen Atomausstieg torpedieren noch Horrorszenarien an die Wand malen", sagt Schmittmann. "Allerdings sollte auch eine allzu blauäugige Herangehensweise wie 'der Wind wird's schon richten' vermieden werden." Es gehe nicht um eine Positionierung der Bank in der Energiepolitik, sondern "um Planungssicherheit für unsere Investments", wie ein Unternehmenssprecher ergänzt.

Ausstieg hinterlässt Versorgungslücke

Interessant sind die Studien, weil sie ökonomische Eckdaten aus der Branche zusammenfassen, wie man sie bei einer Zeitreise ins Jahr 2020 vorfinden könnte. Demnach ist die Windenergie eine tragende Säule der deutschen Energieversorgung, die rund ein Achtel des Stroms erzeugen würde - mit fast 200.000 Beschäftigten.

Dagegen werden aus Biomasse gerade einmal 5 Prozent des Stromverbrauchs gedeckt, bei immerhin 174.000 Beschäftigten. Die Fotovoltaik ist im Jahr 2020 hauptsächlich ein Exportgeschäft und erzeugt nur 1,5 Prozent der deutschen Elektrizität; allzu sonnig ist es in Deutschland eben nicht. Besonders interessant für die Banker: Das Investitionsvolumen für die drei Sparten zusammen beläuft sich über all die Jahre auf 87 Milliarden Euro.

Was sagt das solchen Leuten, die nicht gerade wie jüngst die Allianz (Kurswerte anzeigen) in einen Windpark investieren wollen?

Auch für politisch umstrittene Fragen hält die Studie Ergebnisse parat. Bleibt die Politik beim Ausstieg aus der Atomenergie, so die Berechnungen des HWWI, dann entsteht bis 2020 eine Versorgungslücke, die nach geltender Beschlusslage hauptsächlich durch den Ausbau erneuerbarer Energien gedeckt werden soll.

Das wäre in einem Szenario, bei dem der Stromverbrauch zurückgeht und die Energieeffizienz der deutschen Verbraucher jährlich um 3 Prozent wächst, tatsächlich machbar. Allerdings bliebe dann kein Spielraum für die übrigen Kraftwerkstypen: Der politische Wunsch, die CO2-intensiven Kohlekraftwerke in eben dieser Zeit durch Wind und Co. zu ersetzen - er müsste so unerfüllt bleiben.

Kritikwürdige Annahmen

Für wesentlich realistischer halten die Autoren jedoch ein Szenario, bei dem der Stromverbrauch in Deutschland im Schnitt um 0,5 Prozent pro Jahr steigt und die Effizienz um maximal 2 Prozent wächst, was näher an den Werten der vergangenen Jahre liegt. Dann bliebe eine Lücke von fast 17 Prozent, die man entweder durch Importe oder einen nur teilweisen Ausstieg aus dem Atomausstieg füllen müsste. So, wie die Diskussion derzeit allerdings verläuft, wäre das politisch schwer durchzusetzen.

Für die Übergangszeit schlagen die HWWI-Forscher daher zusätzliche Kapazitäten aus Kohle- und Gaskraftwerken als Kompromiss vor. Die sind sicher auch interessant für den Projektfinanzierer HypoVereinsbank. Zumal man dabei mit neuen Kraftwerken dieser Kategorien kalkuliert, die effizienter und umweltverträglicher arbeiten könnten.

Ob unparteiisch oder nicht, keine Studie ist frei von den Interessen derer, die sie machen. Michael Bräuninger vom HWWI musste Kritik einstecken. So liegt dem Bericht die Annahme zugrunde, dass sich bis 2020 die Energieproduktion nur im Bereich der Atomkraftwerke und bei den erneuerbaren Energien ändern wird, die anderen Kraftwerkstypen aber davon unberührt blieben. Realistisch ist das nicht, bereits jetzt sind neue Kohlekraftwerke in Planung. Das ist auch Bräuninger bewusst: "Wir wollten zeigen, dass wir nicht in dieser Form aussteigen können."

Reise ins Jahr 2020: Zukunft der erneuerbaren Energien

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.