Schwedens Autos Nicht ganz sauber

Schweden will bis 2020 ohne den Treibstoff Öl auskommen. Deshalb werden ethanolgetriebene Pkws staatlich gefördert: Sie gelten als umweltfreundlich und die heimische Industrie ist in dieser Technik führend. Doch manch vermeintlicher Umweltvorteil erweist sich als Milchmädchenrechnung.
Von Susanne Schulz

Stockholm - Wer "Sprit" und "Öl" über die Öresundbrücke nach Schweden bringen will, muss vorsichtig sein. Der schwedische Zoll lässt nur soviel ins Land, wie man glaubhaft selbst trinken kann. Sprit und Öl, so heißen auf Schwedisch Spirituosen und Bier, sind in dem skandinavischen Land hochbesteuert und werden gern über den Sund zwischen Schweden und Dänemark geschmuggelt. Wer das Zeug allerdings in den Tank schüttet, gilt als umweltbewusster Zeitgenosse. Der Staat macht's vor: Vom Malmöer Zoll beschlagnahmte Alkoholika - immerhin knapp 68.000 Liter im vergangenen Jahr - fließen in ein Biokraftwerk in Linköping.

Um den umweltfreundlicheren Alkoholkonsum auch bei den Schweden selbst etwas populärer zu machen, wird das Gesöff für den Tank mit Steuererleichterungen schmackhaft gemacht. E85, ein Gemisch aus 85 Prozent Ethanol und 15 Prozent Benzin, wird fast an jeder schwedischen Tankstelle ausgeschenkt.

Ein Grund von vielen, sich ein E85-Auto anzuschaffen. Die Fahrzeuge gehören zu der subventionierten Gruppe der "Miljöbilar", der Umweltautos. Sie sind in Stockholm von der City-Maut befreit, dürfen im Stadtgebiet umsonst parken und sind mit geringeren Steuern belastet. Außerdem bekommt jeder Käufer eines neuen Umweltautos 10.000 schwedische Kronen (knapp 1090 Euro) vom Staat geschenkt.

Das Vergünstigungspaket hat bereits Wirkung gezeigt: Im ersten Halbjahr 2007 stieg die Anzahl der neu registrierten Umweltautos laut Branchenverband Bil Sweden um 25 Prozent. Im Juni waren 17,4 Prozent aller neu angemeldeten Pkw Umweltautos. Aber auch der Gebrauchtmarkt für Miljöbil boomt, wie die schwedische Zeitung "Svenska Dagbladet" Anfang Juli berichtete. Die Schweden seien umweltbewusster geworden, resümiert das Blatt. Für Automobilhersteller ist es daher zunehmend von Bedeutung, die Umweltkriterien zu erfüllen.

Es war höchste Zeit, dass in Schweden beim Umweltschutz im Straßenverkehr etwas unternommen wird. Im Durchschnitt fahren die Schweden die schmutzigsten Autos Westeuropas, wie jüngst eine EU-Statistik belegte. Das liegt vor allem daran, dass in dem Land, das nur wenig größer ist als Deutschland, aber nur ein Neuntel so viele Einwohner hat, große Luxusschlitten sehr beliebt sind.

Alle Größen werden subventioniert

Da kommt die neue staatliche Definition des Miljöbil zupass. Denn nicht nur sparsame Autos mit einem CO2-Ausstoß von weniger als 120 Gramm pro Kilometer zählen zu der subventionierten Klasse. Gerade die großen Kombis, wie der Volvo V70 oder der Saab 9-5 mit einem CO2-Ausstoß von weit über 200 Gramm pro Kilometer gehören ebenfalls zur bezuschussten Gruppe der Miljöbil, sobald sie einen E85-Motor haben. Da Ethanol-Wagen auch mit Benzin fahren können, wird die Umwelt-Subvention schnell zur Milchmädchenrechnung. Niemand kann überprüfen, wie oft der Tank tatsächlich mit Ethanol gefüllt wird.

Umweltminister Andreas Carlgren fordert nun auch für Alternativbrennstoffautos strengere Richtlinien: "In absehbarer Zeit kommt auch eine Verbrauchsobergrenze für Ethanolautos", kündigte er in einem Interview mit der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" Anfang Juli an.

Momentan scheint jedoch das staatliche Förderpaket auf die Luxuslimousinen der heimischen Hersteller zugeschnitten zu sein. Dieselfahrzeuge sind hingegen eher selten in der schwedischen Umweltauto-Klasse anzutreffen - ein Nachteil, den insbesondere deutsche Pkw-Hersteller zu spüren bekommen, da sie beim Dieselbau traditionell führend sind.

Biodiesel- sowie gewöhnliche Dieselfahrzeuge werden momentan noch durch einen "Straffaktor" bei der Besteuerung benachteiligt. "Die Abschaffung der Dieselsteuer ist nur eine Frage der Zeit", beschwichtigte Calrgren neulich in der "Dagens Nyhter".

Marcus Thomasfolk, Informationschef von Svenska Volkswagen, sieht bei der heutigen Subventionsverteilung allerdings keine Diskriminierung deutscher Automobilhersteller, sondern eher eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum vergangenen Jahr: "Letztes Jahr konnten Dieselfahrzeuge gar nicht als Miljöbil klassifiziert werden. Dagegen sind die jetzt geltenden strengen Auflagen von maximal 120 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer eine enorme Verbesserung." Volkswagen hat Klein- und Mittelklassewagen, die die Kriterien erfüllen, im Angebot.

Deutsche Hersteller im Hintertreffen

Volkswagen , die größte deutsche Automobilmarke in Schweden, bietet derzeit kein E85-Auto an, arbeitet jedoch daran: "Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres wird es auch einen E85-VW geben", sagt Thomasfolk. Dies sei die Reaktion des Konzerns auf die Entwicklung auf dem schwedischen Markt. "Wir wollen konkurrenzfähig bleiben."

Hinter der umfangreichen staatlichen Förderung steht auch die in Schweden traditionell starke Forst- und Holzindustrie, die an der Umstellung auf Ethanol mitverdienen will. Ethanol wird im Wesentlichen aus den Rohstoffen Zuckerrohr, Holzspänen, Mais oder Weizen hergestellt. Schweden plant bis zum Jahr 2020 komplett erdölunabhängig zu werden. Bis dahin will die Holzbranche Biobrennstoff in einer Größenordnung von 9 bis 18 Terrawattstunden pro Jahr bereitstellen. Das entspricht etwa 10 bis 20 Prozent des gesamten Kraftstoffverbrauchs auf Schwedens Straßen.

97 Prozent des heutigen Treibstoffverbrauchs werden noch durch Benzin und Diesel abgedeckt. Da aber die schwedische Holzindustrie noch nicht genügend Rohstoffe für den Ethanolbedarf bereitstellen kann, werden noch 80 Prozent des Ethanols aus Brasilien importiert. Das soll sich nach Ansicht der Holzbranche allerdings in den kommenden Jahren ändern.

Dabei besteht dann allerdings Gefahr, dass nordische Urwälder abgeholzt und durch schnell wachsende Baumsorten ersetzt werden. Diskutiert wird auch die Herstellung von Treibstoffen aus Getreide, wodurch eine Preiserhöhung von Lebensmitteln in bestimmten Weltregionen befürchtet wird. Ein ethischer Konflikt, den die fortschrittlichen Schweden noch zu lösen haben.

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