Stromnetz-Management Herren der Stürme

Die Windkraft gilt als Klima-Hoffnung, ist aber notorisch unzuverlässig. Manchmal stürmt es so sehr, dass Kernkraftwerke überflüssig werden. Dann wieder stehen alle Räder still. Drei Männer in einer Eon-Schaltzentrale versuchen, die Energie im Zaum zu halten.

Lehrte - Versteckt hinter Rosensträuchern und Reihenhäusern, in einem unscheinbaren Flachbau, haben die drei Männer ihr Büro. Sie könnten den Blick aus dem Fenster schweifen lassen über die grünen Felder von Lehrte bei Hannover. Doch mit ihren Augen fixieren sie immer nur die mehr als 20 meist schwarzen Bildschirme.

Die drei sind die Herren über 32.600 Kilometer Hochspannungsleitung, deshalb müssen ihre Namen aus Sicherheitsgründen geheim bleiben. Ihr Büro ist die Warte des Stromkonzerns Eon, von hier aus kontrollieren sie ein Netz von gelben, blauen und grünen Linien, die die verschiedenen Spannungsstärken darstellen.

Jederzeit könnte irgendwo plötzlich eine Stromleitung ausfallen. Jederzeit könnte irgendwo ein Umspannwerk einen Defekt melden. Es könnte aber auch passieren, dass der Wind an der Westküste Schleswig-Holsteins unerwartet zunimmt.

Im Gebiet, das die Lehrter Warte kontrolliert, steht fast jedes zweite deutsche Windrad. Deutschland ist weltweit die Windkraft-Nation Nummer eins, deshalb muss Eon sein Netz ständig an die enormen Schwankungen aus der Windstrom-Einspeisung anpassen.

"Heute müssen wir wesentlich schneller reagieren als früher", sagt Manfred Grupe, der Chef der Schaltleitung in Lehrte. Seine drei Männer haben immer zwei Kurven im Blick: die der Stromproduktion und die des Stromverbrauchs.

Wind als größter Unsicherheitsfaktor

Bevor die Zahl der Windräder in Deutschland in den vergangenen Jahren auf beinahe 20.000 und der Anteil an der Stromerzeugung auf mehr als fünf Prozent anschwoll, verlief der Arbeitstag seiner Männer ruhiger. Ein paar Kernkraftwerke und ein paar Kohlemeiler speisten zuverlässig Strom ins Netz, die Stromkunden hatten immer genug Saft, um morgens den Toaster und abends den Fernseher einzuschalten. Schwierig zu steuernde Schwankungen gab es eher beim Verbrauch als bei der Erzeugung.

Nun ist mit dem Wind ein großer Unsicherheitsfaktor hinzugekommen. "Da steigt der Adrenalinspiegel", sagt Grupe. Bei Windstärke zehn bricht schon mal Hektik aus.

Dieser Tag ist für die Windmüller ein schlechter. Das junge, noch grüne Getreide steht wie erstarrt auf den Feldern, selbst die Wipfel der jungen Birken wiegen sich nur sanft hin und her.

Einer der drei Männer in der Schaltzentrale muss das Bild auf seinem Monitor kräftig nach unten scrollen, bevor er die weiße Kurve findet, die die Windkrafteinspeisung darstellt. Am Boden der schwarzen Bildschirmanzeige schlängelt sie sich dahin, weit unter der lila Linie für das Kernkraftwerk Krümmel, der grünen für Brokdorf und der gelben für Emsland. "170 Megawatt - nicht der Rede wert. Die Arbeit machen heute Gas- und Ölkraftwerke", sagt er entspannt.

Er hat schon stürmischere Zeiten erlebt. Bis zu 7500 Megawatt brachten die Windräder in diesem Frühjahr ins Netz - soviel wie fünf ausgelastete Kernkraftwerke. Mit auffrischendem Wind zieht die Leistung um bis zu 1500 Megawatt pro Stunde an.

Die beiden Kollegen geben dann alle denkbaren Leitungen frei, Wartungsarbeiten werden unvermittelt eingestellt. Kraftwerksbetreiber erhalten in einem solchen Fall automatisch die Meldung, dass sie ihre Anlagen runterfahren müssen. Stattdessen fahren die Betreiber Kraftwerke in Bayern hoch, wo das Netz mangels Windstrom weniger belastet ist.

Die Windprognosen werden immer genauer

Die Windprognosen werden immer genauer

Dass heute kein Lüftchen wehen würde, war schon am Vortag klar. Ein DIN-A-4-Ausdruck liegt auf dem Tisch. Darauf ist die Windprognose eingezeichnet, vorbeigebracht hat sie sein Kollege, der mit dem Wetterdienst Kontakt hält und sein Büro ein paar Türen weiter hat. Jeden Tag um acht Uhr kommt die Prognose des Folgetages.

Dank der immer zielgenaueren Prognosen - die Genauigkeit liegt meist über 90 Prozent - kommt man besser mit dem Wind zurecht als früher. "Da wächst man mit, das sind alles Erfahrungswerte", sagt einer der Männer.

Obwohl im Moment alles nach Plan läuft und die Kraftwerksbetreiber genau die Menge im Netz haben, die die Verbraucher nachfragen, wirft er einen prüfenden Blick nach links auf einen weiteren Bildschirm. Das verschafft Gewissheit: Sollte der Wind noch schwächer werden, steht Reserve bereit. Die Pumpspeicherwerke "Hapg" (Happurg, Bayern), "Wald" (Waldeck, Hessen), "Silz" (Rheinland-Pfalz) und "Reis" (Reisach, Österreich) warten nur darauf, dass ihre Schleusen per Mausklick geöffnet werden.

"An Feiertagen tobt hier der Bär"

Insgesamt 1800 Megawatt Ersatzkapazität stehen innerhalb von Sekunden zur Verfügung – im Vergleich zu den zigtausend Megawatt, die das Netz tagsüber belasten, sind das eher Peanuts. Doch dank der genauen Windprognosen stellen sich Kraftwerksbetreiber und Stromhändler schon am Tag vorher auf das Windangebot ein. Lediglich für die Feinjustierung, die ein stabiles Netz gewähren soll, braucht Eon die teuren Regelkraftwerke. "An Feiertagen, wenn wir wenig Last haben und viel Wind weht, dann tobt hier der Bär", sagt Schaltleitungschef Grupe.

Demnächst könnte es für die Männer in der Eon-Netzwarte noch stressiger werden. Denn in den kommenden Wochen kommt für sie noch eine weitere Aufgabe hinzu. Außer den Leitungsschaltungen und Ersatzkraftwerken sollen sie auch die Einspeisung des Windstroms zentral steuern.

Wenn die Leitungen mit Windstrom verstopft sind, müssen Grupes Leute dann harte Entscheidungen treffen. Ausgerechnet wenn es am stärksten wehrt, müssen sie einzelnen Windmüllern klar machen, dass sie ihre Anlage abstellen müssen. "Da wird es sicher zu ernsten Reibereien kommen", sagt Grupe.

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