Energie Ölkonzerne planen ohne Öl

Womit verdienen Ölkonzerne ihr Geld, wenn das Öl zu Ende geht? Die Ölmultis Shell und BP investieren wachsende Summen in die Erforschung alternativer Energien. Branchenprimus Exxon hält solch eine Strategie offenbar für falsch - doch mit dieser Haltung drohen die Texaner den Anschluss zu verlieren.

Hamburg - An Selbstbewusstsein mangelt es Rex Tillerson, Chef des US-Ölmultis Exxon Mobil , nicht. Knapp 40 Milliarden Dollar hat Exxon im vergangenen Jahr verdient, das sind rund 110 Millionen Dollar pro Tag, so viel Geld, wie kein privates Unternehmen jemals zuvor eingenommen hat. Sollte ein Energiekonzern wie Exxon also künftig mehr Geld für die Förderung alternativer, zukunftsfähiger Energien ausgeben? Ach wo.

Tillerson bleibt bei Öl. Denn das schwarze Gold bringt Geld, und wer jetzt schon verstärkt über die Zeit nach dem Öl nachdenkt, schwächelt. Zum Ärger von Tillerson hatte kürzlich sogar US-Präsident George W. Bush, bislang nicht als Feind der texanischen Ölindustrie aufgefallen, erklärt, die Nation solle ihre Abhängigkeit vom Öl mindern. Ein unrealistischer Plan, schrieb der mächtige Rex seinem Landsmann George W. ins Stammbuch. Stattdessen solle man sich eher darauf konzentrieren, die "eigenen Bestände vollständig auszubeuten".

Davon versteht Exxon in der Tat etwas. Der Konzern stellt nicht nur seine Aktionäre mit fetten Dividenden zufrieden, sondern investiert sehr viel Geld in immer aufwendigere Technologien, um auch noch an den letzten Tropfen Öl auf dieser Welt heranzukommen. Im Gegensatz zur Konkurrenz sind die Ölreserven bei Exxon gewachsen: Öl bringt derzeit noch mehr Rendite als Energie aus Sonne oder Wind. Also ran an das Öl.

Mit Lippenbekenntnissen zu umweltfreundlichen Energien gibt sich der Energieriese aus dem texanischen Irving gar nicht erst ab - und erntet bei Analysten überwiegend Lob für seinen "klaren Kurs".

Es geht auch anders - Multis denken um

Es geht auch anders

Exxon Mobil (Tankstellenmarke "Esso") ist damit das Gegenbild zu den europäischen Konkurrenten Royal Dutch Shell  ("Shell") und BP  ("BP", "Aral"). Shell und BP haben das Thema Klimawandel in ihre Unternehmenskommunikation aufgenommen und investieren wachsende Beträge in die Erforschung und Verbesserung umweltfreundlicher Technologien.

Der Graben verläuft jedoch nicht zwischen Europa und den USA. Der US-Konzern General Electric  zum Beispiel, größter Technologiekonzern der Welt, hat in seinem Programm "Ecomagination" festgelegt, bis zum Jahr 2010 jährlich 1,5 Milliarden Dollar in die Forschung und Entwicklung von Cleantech, also umweltfreundliche Energien, zu investieren. Die Investitionen sämtlicher US-Firmen auf diesem Gebiet dürften in diesem Jahr die Summe von 30 Milliarden Euro übersteigen.

"Ecomagination" als Zukunftskonzept

Mit "Ecomagination" hat GE-Chef Jeff Immelt nicht nur das Image des Konzerns kräftig aufpoliert, sondern damit nach eigener Überzeugung einen wichtigen Schritt für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens geleistet. Immelt will nicht die Welt retten, er will auch in Zukunft Geld verdienen.

Ähnlich argumentieren Shell  und BP . Die beiden Ölkonzerne haben ebenso wie Exxon im vergangenen Jahr Rekordgewinne eingefahren, beim britisch-niederländischen Konzern Royal Dutch Shell blieben rund 25 Milliarden Dollar und bei British Petroleum rund 22 Milliarden Dollar Gewinn hängen.

Im Gegensatz zu Exxon nimmt die Ölförderung bei Shell und BP jedoch mittelfristig ab: Nach einer Studie des Forschungsinstituts John S. Herold dürften die beiden Konzerne den Höhepunkt ihrer Ölförderung, den sogenannten Peak Oil, spätestens im Jahr 2008 erreichen. Zeit also, sich über eine Zukunft unter anderen Vorzeichen Gedanken zu machen.

"Alternativen durchsetzen"

Shell: "Alternativen am Markt durchsetzen"

Der Ölriese Shell  hat bereits vor zehn Jahren den Geschäftsbereich "erneuerbare Energien" gegründet. Seit dem PR-Desaster um die geplante Versenkung der Ölförderplattform "Brent Spar" kann Shell in der Öffentlichkeit mit verstärkten Investitionen in erneuerbare Energien punkten: Der Konzern widmet sich neben der Ölförderung auch der Energieerzeugung aus Sonne, Wind, Wasserstoff und Biokraftstoff. "Es ist unser Ziel, mindestens eine dieser Alternativen am Markt durchzusetzen", sagte Kurt Döhmel, Deutschland-Chef von Shell, im Juni während einer Veranstaltung in Hamburg.

Die Erforschung alternativer Energiequellen folgt auch einem geschäftlichen Kalkül. Je teurer die Förderung der knapper werdenden fossilen Brennstoffe wird, desto schneller werden alternative Energien als Alternative interessant: Das Argument, Energiegewinnung aus erneuerbaren Energien sei noch viel zu teuer, könnte angesichts sinkender Ölreserven schon bald hinfällig werden. Die wachsenden Förderkosten von Exxon weisen in diese Richtung. "Wir sind erst am Beginn der Reise", so Döhmel. Biokraftstoffe der zweiten Generation zum Beispiel würden größere Chancen haben, sich am Markt durchzusetzen.

Biokraftstoffe der zweiten Generation

Biodiesel aus Grundnahrungsmitteln wie Getreide oder Mais sind auch unter Umweltgesichtspunkten problematisch: Sie lassen die Preise für diese Nahrungsmittel steigen, fördern Monokulturen und weisen außerdem noch eine schlechte CO2-Bilanz auf, da zum Beispiel bei der Destillation von Mais zu Bioethanol auch CO2 entsteht. Ziel von Shell ist daher, Biokraftstoffe der zweiten Generation zu entwickeln, die nicht aus Nahrungsmitteln, sondern zum Beispiel aus Pflanzenresten, Stroh und Holz gewonnen werden.

Gemeinsam mit dem ostdeutschen Hersteller Choren betreibt Shell zum Beispiel im sächsischen Freiberg eine Anlage, die Biodiesel aus Holzresten herstellt. Auch VW und DaimlerChrysler gehören zu den Partnern. Rund 18 Millionen Liter "Sundiesel" sollen hier pro Jahr hergestellt werden, bei dem Verfahren soll außerdem deutlich weniger CO2 produziert werden als bei der Herstellung von normalem Dieselkraftstoff. Verbesserte Herstellungsverfahren von "Synfuels" (synthetischen Kraftstoffen) und "Sunfuels" (Kraftstoffen aus Pflanzen) werden bei Shell laut Döhmel weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Neue Energieformen entwickeln

BP: Langfristig neue Energieformen entwickeln

Der Öl- und Gaskonzern British Petroleum startete die Kampagne "Beyond Petroleum" im Jahr 2001, seitdem ziert auch eine grüne Pflanze das Firmenlogo. Der Geschäftsbereich alternative Energien ist mit einem jährlichen Budget von 800 Millionen Dollar ausgestattet und hat das Ziel, erneuerbare Energien zu fördern sowie den Ausstoß von CO2 zu verringern.

Gemessen daran, dass BP  jährlich mehr als zehn Milliarden Dollar in die Ölförderung investiert, ist dies für den Konzern noch ein vergleichsweise kleiner Betrag - doch er reicht bereits aus, um BP zu einem der größeren Spieler zum Beispiel im Solargeschäft zu machen.

Die Stärkung alternativer Energien beruhen laut BP auf der Einsicht, dass man langfristig Energieformen entwickeln muss, die nicht auf fossilen Brennstoffen beruhen: Der wachsende Energiebedarf in Boomregionen wie China oder Indien sowie die Endlichkeit fossiler Energiestoffe ließen keinen anderen Schluss zu.

Big Player der Solarbranche

Diese Strategie dürfte Ölmultis wie BP und Shell langfristig auch dabei helfen, in Zukunft die Risiken stark schwankender Ölpreise zu begrenzen. Die Konzerne haben sich in den vergangenen Jahren an Preise jenseits der 60 Dollar pro Barrel gewöhnt. Doch 2006 fiel der Preis für ein Barrel Öl der Sorte Brent zeitweise von 75 auf 50 Dollar, um sich jetzt wieder zu erholen. Schon ein Preisrückgang von einem Dollar kostet einen Ölriesen wie BP mehrere Hundert Millionen Dollar Gewinn. Vor diesem Hintergrund lassen sich schon 800 Millionen Dollar pro Jahr lockermachen, um die Erforschung der Ölalternativen voranzutreiben.

Mit Solaranlagen in den USA, Australien, Spanien und Indien und einer jährlichen Produktion von rund 100 Megawatt Solarstrom zählt BP bereits heute zu den Big Playern der Branche. Auch die Zahl der Windturbinen an Europas Küsten wird im Rahmen von "Beyond Petroleum" erhöht.

Kooperation mit Dupont und Berkeley

Kooperation mit Dupont und Berkeley

Gemeinsam mit dem Chemiekonzern Dupont arbeitet BP seit vier Jahren daran, Biokraftstoffe weiterzuentwickeln. Der Kraftstoff Biobutanol zum Beispiel soll künftig als Ergänzung zu Ethanol dienen, das bereits heute Kraftstoffen beigemischt wird. Zusammen mit Forschern der Universität Berkeley prüft BP außerdem, ob sich die nicht zum Verzehr geeignete Ölpflanze Jatropha eventuell als Bestandteil neuer Biokraftstoffe eignet. Der Bereich "BP Biofuels" konzentriert sich auf die Verbesserung von Herstellungsverfahren und Erzeugung neuer Biokraftstoffe, die in Zukunft als Beimischung oder Ersatz der bisher eingesetzten Kraftstoffe dienen können.

Für BP und Shell ist nicht nur die Verbesserung von Biokraftstoffen, sondern auch die Abtrennung und Lagerung des Klimakillers CO2 ein Thema. Bei BP arbeitet man zum Beispiel an einem Wasserstoffkraftwerk, das CO2 von fossilen Energieträgern abscheiden kann. Bei der sogenannten Dekarbonisierung von Öl, Erdgas oder Kohle wird CO2 abgespalten, aufgefangen und in unterirdische Gas- oder Ölfelder zurückgepumpt. Der durch die Abspaltung gewonnene Wasserstoff wird dann zur Stromerzeugung genutzt. Auch Shell-Mann Döhmel hält Speicherverfahren von CO2 für wichtige Schritte, um die Erderwärmung zu bremsen.

Die Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der Ölmultis sind vielfältig - sobald sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Öl nicht für immer das Geschäft bestimmen wird. Gemessen an den üppigen Gewinnen der großen Energiekonzerne sind es noch vergleichsweise kleine Beiträge, aber sie reichen aus, um in der jungen Branche einiges in Bewegung zu setzen. Es geht auch ohne Exxon.

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