Klimawandel "Verzicht ist keine Lösung"

Nur eine technologische Revolution kann die Gefahren des Klimawandels begrenzen, sagt Anders Levermann. Der Experte des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung erklärt im Gespräch mit manager-magazin.de, wie sich die Energieversorgung komplett umstellen ließe - und warum es bedrohlich ist, wenn in der Sahara plötzlich Gras wächst.

mm.de: Herr Professor Levermann, wir erleben derzeit ein unglaublich heißes Frühjahr, 30 Grad und mehr im Juni. Müssen wir uns jetzt dauerhaft auf solche Temperaturen einstellen?

Levermann: Man kann nie einzelne Ereignisse wie ein heißes Frühjahr nur auf den Klimawandel zurückführen. Die Zukunftsprognosen der Klimaforschung beziehen sich hauptsächlich auf Mittelwerte. Man kann aber beispielsweise Aussagen über den "durchschnittlichen Frühling" oder den "durchschnittlichen Sommer" der Zukunft machen.

In Bezug auf den extrem heißen europäischen Sommer im Jahr 2003 hat man festgestellt, dass solche Situationen in zehn bis 20 Jahren zum Regelfall werden. In 50 Jahren wird man den Sommer 2003 rückblickend sogar als ungewöhnlich kalt empfinden.

mm.de: Welche unmittelbaren Folgen hat die Erderwärmung?

Levermann: Bis zum Ende dieses Jahrhunderts erwarten wir einen Anstieg des Meeresspiegels im Bereich von einem halben bis einem Meter. Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Bei drei Grad globaler Erwärmung werden wir auf lange Sicht sogar einen Anstieg von 30 bis 50 Metern bekommen. Was tatsächlich geschieht, hängt stark davon ab, wie wir künftig politisch und ökonomisch handeln, für welchen Temperaturanstieg wir uns sozusagen entscheiden.

mm.de: Die warmen Frühjahrsmonate sind hierzulande bislang recht angenehm. Hat der Klimawandel nicht auch Vorteile - gerade für Deutschland?

Levermann: Laut einer Studie unseres Instituts hat sich tatsächlich die Situation für Weinbaugebiete in Deutschland verbessert. Klimaveränderungen sind aber generell problematisch - insbesondere, wenn sie zu schnell geschehen. Die Gesellschaft, die Wirtschaft und auch die Biosphäre brauchen im Allgemeinen Zeit, um sich auf Veränderungen einzustellen.

Außerdem sind selbst vermeintlich positive Veränderungen wie zum Beispiel eine mögliche Wiederbegrünung der Sahara oft mit unvorhersehbaren Nebenwirkungen behaftet. Der Staub der Sahara ist ein wichtiger Nährstofflieferant für das marine Ökosystem im Atlantik und sogar für den Amazons-Regenwald. Dieses System gerät aus dem Gleichgewicht, wenn in der Wüste plötzlich Gras wächst.

"Dritte technologische Revolution"

mm.de: Wie wahrscheinlich ist eine schnelle Klimaveränderung?

Levermann: Sie ist nicht nur wahrscheinlich, sondern völlig sicher. Wir registrieren einen CO2-Anstieg, wie es ihn noch nie gegeben hat. Wenn man sich die Entwicklung der vergangenen 10.000 Jahre ansieht, war die Konzentration nahezu konstant, erst seit 200 Jahren – seit der ersten industriellen Revolution - zeigt die Kurve stark nach oben. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich diese Entwicklung weiter verstärkt.

mm.de: Die Industrie ist bereits stark um Schadensbegrenzung bemüht. Es gibt Autos mit Hybridmotoren, schadstoffärmere Kohlekraftwerke und einen Boom der Solarwirtschaft. Reicht das nicht aus, um dem Klimawandel Herr zu werden?

Levermann: Moderne Kohlekraftwerke können Rußpartikel herausfiltern, nicht jedoch Kohlendioxid. Da muss man andere Methoden finden, wie beispielsweise das so genannte "carbon capture and storage" - die unterirdische Speicherung der ausgestoßenen Gase. Was die Industrie bis jetzt macht, reicht definitiv nicht aus. Es gibt das Ziel der Europäischen Union, bei der globalen Erwärmung unter zwei Grad Celsius zu bleiben. Dazu muss der Kohlendioxid-Ausstoß drastisch reduziert werden. Derzeit werden die Emissionen jedoch erhöht. Wir sind sogar noch weit davon entfernt, sie überhaupt ansatzweise zu stabilisieren.

mm.de: Sie haben unlängst bei einer Podiumsdiskussion gesagt, wir bräuchten eine dritte industrielle Revolution. Was muss Ihrer Meinung nach geschehen?

Levermann: Wir müssen unsere Energieversorgung komplett umkrempeln. Das bedeutet auf lange Sicht einen vollständigen Verzicht auf CO2-Emissionen. Effizienzsteigerungen oder die unterirdische Lagerung des Kohlendioxids können nur Übergangslösungen sein. Unser Klimasystem kann von sich aus auf lange Sicht kein CO2 aus der Atmosphäre entfernen.

Ökonomen unseres Instituts sprechen deshalb von der Notwendigkeit einer dritten industriellen Revolution, die ähnlich bahnbrechende Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft hat wie die Einführung des Computers. Entscheidend ist dabei, dass man den Klimawandel nicht nur vermeiden kann - sondern dass diese Vermeidung sogar ökonomisch sinnvoll ist.

Windkraft für alle

mm.de: Ist ein solches Szenario realistisch?

Levermann: Gewiss. Eine Studie der Universität Kassel hat ergeben, dass man ganz Europa vollständig mit Strom aus Windenergie versorgen könnte. Dazu bräuchten wir ein europaweites Stromnetz, sodass regionale Schwankungen ausgeglichen werden können. Zur Absicherung müssten die Wasserkraftwerke in Norwegen miteinbezogen werden. Trotz des Transportweges, so haben die Autoren der Studie errechnet, wären die Energiepreise durchaus wettbewerbsfähig.

Keiner sagt zwar, dass wir künftig nur auf eine Energieform wie die Windkraft setzen müssen. Es ist aber interessant, dass es wirtschaftlich und technologisch möglich wäre.

mm.de: Die Energiewirtschaft wird häufig als größter CO2-Sünder genannt. Aber daneben haben wir noch zahlreiche andere CO2-Emittenten. Die Autos beispielsweise. Gibt es auch hier Lösungsansätze?

Levermann: Einige Mineralölfirmen arbeiten intensiv daran, Biodiesel der zweiten Generation zu produzieren. Biodiesel der ersten Generation gibt es bereits - Kraftstoff, der beispielsweise aus Raps gewonnen wird. Allerdings konkurriert diese Erzeugungsweise direkt mit der Nahrungsmittelproduktion und ist deshalb kein Zukunftsmodell. Für die Produktion von Biodiesel der zweiten Generation werden hingegen Bioabfälle verwendet, die ohnehin anfallen. Die entsprechenden Forschungsansätze bestehen bereits – der Weg ist klar.

mm.de: Können wir in Zukunft immer noch guten Gewissens mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn sausen und zum Kurzurlaub nach Mallorca fliegen?

Wenn der Nordpol schmilzt

Levermann: Wenn man alle Probleme technologisch lösen kann, dann ja. Bis dahin müssen wir Übergangslösungen finden und die Energieeffizienz steigern, und da sind 200 km/h auf der Autobahn sicher nicht förderlich. Langfristig gehen wir jedenfalls nicht davon aus, dass Verzicht eine Lösung darstellt. Wir müssen unsere Probleme in den nächsten Jahrzehnten lösen, technologisch und vor allem auch strukturell.

Denn wir können nicht auf eine neue Generation hoffen, die plötzlich alles richtig macht. Es funktioniert sicher nicht, unseren Kindern und Enkeln plötzlich das Autofahren zu verbieten. Meine Hoffnung ist, dass es dann bessere Fortbewegungsmöglichkeiten gibt. Der derzeitige Zustand scheint mir den Begriff "Individualverkehr" ad absurdum zu führen. Denn es ist nicht besonders individuell, jeden Tag stundenlang im Stau zu stehen. Die Wege für Innovationen sind da, wir brauchen sie nur zu gehen.

mm.de: Beim G8-Gipfel haben die Staatschefs die Absicht bekundet, die CO2-Emmissionen global um 50 Prozent bis 2050 zu reduzieren. Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Levermann. Nein. Wenn das Ziel global umgesetzt wird, dann entspricht das genau dem, was wir benötigen, um unter zwei Grad globaler Erwärmung zu bleiben und hoffentlich die größten Risiken abzuwenden. Dies ist eine gute Zielvorgabe, um die Vermeidungskosten für CO2 gering zu halten und gleichzeitig einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern. Bisher haben wir zwar nur eine Absichtserklärung gehört, aber sie zeigt in die richtige Richtung.

mm.de: Selbst wenn die Zielvorgabe erreicht werden sollte - ist der Klimawandel damit tatsächlich ausreichend gebremst oder gar gestoppt?

Levermann: Nein. Selbst bei Erfüllung der Ziele könnte das Eis am Nordpol komplett abschmelzen. Aber das Risiko für andere, möglicherweise gefährliche Entwicklungen kann begrenzt werden. Wir haben beispielsweise die Chance, einen möglichen Anstieg der Hurricane-Gefahr in Grenzen zu halten. Komplett stoppen lässt sich der Klimawandel aber nicht mehr – denn er hat ja bereits begonnen.

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