Globale Erwärmung UN-Experten warnen vor Klimaschock

Stürme, steigende Meeresspiegel, Dürren: Im neuen UN-Bericht zeichnen die Experten ein Horrorbild über das zukünftige Klima. Deutlich wie nie zuvor geben sie dem Menschen die Verantwortung für die globale Erwärmung.

Paris/Berlin/New York - Die beobachteten Veränderungen in der Atmosphäre und den Weltmeeren sowie der Verlust von Packeis seien ohne äußere Einwirkung nicht zu erklären, heißt es in der Studie des Uno-Klimaausschusses, die heute vorgestellt wird.

Es sei "sehr wahrscheinlich", dass diese Entwicklung nicht allein auf natürliche Ursachen zurückzuführen sei, sondern durch den Menschen verursacht werde - hauptsächlich durch das Verfeuern fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl.

Die mehr als 500 Autoren der Studie äußerten sich damit schärfer als noch 2001. Damals erklärten sie lediglich, es sei wahrscheinlich, dass der Mensch die Verantwortung für die Erderwärmung trage. Weiter hieß es in dem 20-seitigen Bericht, die Erderwärmung werde noch Hunderte Jahre weitergehen, selbst wenn die Konzentration der Treibhausgase stabilisiert werden könnte.

Erwärmung um bis zu 6,4 Grad

Die Wissenschaftler gingen von einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur zwischen 1,1 und 6,4 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 aus. Das war eine größere Spanne als im letzten Bericht. Die Meeresspiegel könnten bis zum Ende des Jahrhunderts nach Einschätzung der Experten um 18 bis 59 Zentimeter ansteigen. Weitere zehn bis 20 Zentimeter seien möglich, wenn die schnelle Abschmelze des Polareises fortschreite. Die Folge der Erwärmung seien auch zunehmende Dürreperioden sowie Wirbelstürme bisher unbekannten Ausmaßes.

Die Autoren der Studie setzen darauf, dass ihr Weckruf den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, aber auch den Verbrauchern einen heilsamen Schock versetzen wird.

Zahlen zum dramatischen Klimawandel

Der UN-Bericht fasst den Klimawandel in Zahlen:

  • Der Kohlendioxidgehalt der Luft ist seit 1750 um 35 Prozent gestiegen - von 280 auf 379 Teilchen pro Million im Jahr 2005. Der heutige Wert ist der größte seit 650.000 Jahren. 78 Prozent der Erhöhung gehen auf die Nutzung fossiler Brennstoffe zurück, 22 Prozent auf die Nutzung von Landflächen wie etwa Rodungen.
  • Andere wichtige Treibhausgase wie Methan oder Lachgas sind zusammen etwa halb so stark an der Erwärmung beteiligt wie der Anstieg des Kohlendioxids. Die Konzentration von Methan und Lachgas hat seit 1750 um 148 beziehungsweise 18 Prozent zugenommen.
  • Die Erwärmung des Klimasystems ist "ohne jeden Zweifel vorhanden". Die globale Oberflächentemperatur ist um 0,74 Grad gestiegen; elf der letzten zwölf Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen.
  • Die Temperaturzunahme der letzten 50 Jahre ist doppelt so hoch wie die der letzten 100 Jahre.
  • Die Arktis hat sich doppelt so stark erwärmt wie im globalen Mittel.
  • Die Häufigkeit heftiger Niederschläge hat zugenommen.
  • Klimarekonstruktionen besagen, dass die Temperaturen der vergangenen 50 Jahre sehr wahrscheinlich höher waren als jemals zuvor in den vergangenen 1300 Jahren.
  • Die schneebedeckte Fläche hat seit 1980 um etwa 5 Prozent abgenommen.
  • Die Gletscher schmelzen weltweit und lassen die Weltmeere derzeit um 0,8 Millimeter pro Jahr zusätzlich steigen.
  • Das Meereis in der Arktis ist seit 1978 im Jahresmittel um 8 Prozent zurückgegangen und im Sommer um 22 Prozent. In der Antarktis ist dagegen kein Rückgang zu beobachten.
  • Neben dem Meereis geht auch das Festlandeis in Grönland und der Antarktis zurück: Die Schmelze und Gletscherabbrüche und tragen 0,4 Millimeter pro Jahr zum Meeresspiegelanstieg bei.
  • Die Temperaturen in den oberen Schichten des Permafrostsbodens sind seit 1980 um drei Grad gestiegen, die Fläche des saisonal gefrorenen Bodens hat seit 1900 um 7 Prozent abgenommen, im Frühling sogar um 15 Prozent.
  • Die Ozeane sind im globalen Mittel wärmer geworden, bis zu Tiefen von 3000 Meter. Diese Erwärmung trägt durch die Ausdehnung des Wassers ebenfalls zum Anstieg des Meeresspiegels bei.
  • Der Meeresspiegel ist seit 1993 durchschnittlich um etwa drei Millimeter pro Jahr gestiegen, im 20. Jahrhundert um 17 Zentimeter. Mehr als die Hälfte davon geht auf die thermische Ausdehnung des Ozeans zurück, etwa 25 Prozent durch Abschmelzen der Gebirgsgletscher und rund 15 Prozent durch das Abschmelzen von der Eisschilde.

Politiker schlagen Alarm

Spektakuläre Aktion in Frankreich

Selbst wenn alle CO2-Emissionen sofort gestoppt würden, stiege die Temperatur noch um weitere 0,6 Grad, da das Klimasystem nur sehr träge reagiert, heißt es im IPCC-Bericht. Der Meeresspiegel werde auch dann noch "über viele Jahrhunderte" steigen. Sollte die Erwärmung aber deutlich über drei Grad bis zum Jahr 2100 liegen, würde das Festlandeis Grönlands vollständig abschmelzen - mit wahrscheinlich katastrophalen Folgen für die Küstengebiete der Welt.

Gestern Abend machten Umweltaktivisten in Frankreich mit einem spektakulären fünfminütigen Stromboykott auf die Energieverschwendung und den Klimawandel aufmerksam. Auch die 20.000 Lichter des Eiffelturms erloschen zwischen 19.55 und 20 Uhr.

UN-Direktor fordert Weltklimagipfel mit Regierungschefs

Nach den dramatischen Warnungen des vierten UN-Klimaberichts hat der Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP, Achim Steiner, einen Weltklimagipfel der Staats- und Regierungschefs vorgeschlagen. An diesem sollten unter anderen auch US-Präsident George W. Bush und die politischen Führer der Schwellenländer China, Indien und Brasilien teilnehmen, forderte Steiner in der "Frankfurter Rundschau" (Samstagausgabe).

Der UNEP-Direktor forderte die Politiker auf, Gesetze, Steuern und Subventionen so zu gestalten, dass umweltfreundliches Konsumverhalten belohnt werde und nicht das Gegenteil, wie es heute noch der Fall sei. Steiner nannte den Streit der deutschen Autoindustrie mit Brüssel wegen der von EU-Umweltkommissar Stavros Dimas angekündigten CO2-Obergrenzen völlig anachronistisch. Einen solchen Rückschritt könnten wir uns nicht mehr leisten, sagte er.

"Große politische Konsequenzen" mahnte auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) an. Nötig sei eine rasche Einigung über die Klimaschutzpolitik in der EU und ein neues Ziel zur Verminderung der gefährlichen Treibhausgase um 30 Prozent weltweit bis 2020, erklärte der SPD-Politiker am Freitag in Berlin. Zur Chance auf ein Ende des deutschen Klimastreits mit der EU über Emissionshandel und Autoabgase äußerte sich Gabriel zuversichtlich.

Berlin kündigt Programm zur Klimaforschung an

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte angesichts der alarmierenden UN-Zahlen ein Aktionsprogramm zur Klimaforschung an. Innerhalb von drei Jahren sollten 255 Millionen Euro investiert werden, sagte sie am Freitag in Berlin anlässlich der Vorstellung des Weltklimaberichts in Paris. Es gehe um einen "intelligenten Technologiewandel". Die Bundesmittel sollen unter anderem für den Ausbau des Deutschen Klimarechenzentrums Hamburg und für ein Forschungsnetz verwendet werden. Der Parlamentarische Umweltstaatssekretär Michael Müller (SPD) sprach von einer "sehr ernsten Bedrohung".

manager magazin.de mit Material von ap, dpa und reuters

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