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Ende eines Traums

Chipfabrik: Der Aufbau einer Halbleiterproduktion in Frankfurt an der Oder droht zu scheitern.
aus manager magazin 1/2003

Für die Leute in Frankfurt/Oder ist Abbas Ourmazd (47) eine Art Heilsbringer aus dem Morgenland. Der iranischstämmige US-Bürger schmeichelt den Brandenburgern: "Dies war das Zentrum der DDR-Halbleiterforschung. Die Forscher haben Kreativität. Sie entwickeln einfache, aber elegante Lösungen. Frankfurt war Silicon Town in Europa."

Zu einem solchen Technologiepol werde sich die Stadt wieder entwickeln, verheißt Ourmazd. So etwas hören die Leute gern in der tristen Region an der polnischen Grenze.

Und so treibt Abbas Ourmazd, seit 1995 Chef des staatseigenen Forschungsinstituts IHP in Frankfurt, das wohl fantastischste Industrieprojekt Deutschlands voran: Mit Hilfe von Investoren aus dem Emirat Dubai soll im östlichen Brandenburg eine Chipfabrik entstehen - und rundherum ein komplettes Ökosystem aus Chipdesignern, Zulieferern und Dienstleistern, die eines fernen Tages 16 000 Arbeitsplätze bieten könnten. Es klingt wie ein Märchen.

Das wird es möglicherweise auch bleiben: Wurde die Grundsteinlegung im Sommer 2002 noch mit viel Pomp gefeiert, so ruht die Baustelle inzwischen. Insider geben dem Projekt nur noch geringe Realisierungschancen.

Problem Nummer 1: das Management. 1999 hatte Ourmazd den Deutsch-Texaner Klaus Wiemer (65) als CEO der Betreiberfirma Communicant angeheuert. Der weltläufige Manager galt als Glücksgriff: Er hatte in Asien bereits Chipfabriken aufgebaut. Im Mai 2002 verließ Wiemer die Firma. Über die Gründe schweigt er.

Seither führt Ourmazd ("Wer nicht bereit ist, Risiken einzugehen, der soll zu Hause im Bett bleiben") die Geschäfte selbst. Der umtriebige Physikprofessor ist ins Gerede gekommen, weil er an allzu vielen Stellen mitmischt: Als IHP-Chef war er Technologielieferant und Aufsichtsratschef von Communicant; als Privatmann ist er an der Communicant-Gesellschafterin GSMC Planning beteiligt; als Experte beriet er das Land Brandenburg in Sachen Technologiepolitik. Eine Konstellation, die vielerlei Interessenkonflikte birgt.

Problem Nummer 2: die Finanzierung. Nach wie vor fehlt Communicant - einem Start-up, an dem das Land Brandenburg, Dubai, der Chipgigant Intel, das IHP und GSMC Planning beteiligt sind - der größte Teil der geplanten Investitionssumme von 1,3 Milliarden Dollar (siehe Grafik). Weder sind die nötigen Kredite eingeworben, noch haben die Gesellschafter ihre Mittel voll eingezahlt.

Communicant hat die Commerzbank und die Gulf International Bank in Bahrain beauftragt, bis Ende 2002 die Konditionen für ein Bankenkonsortium zu entwickeln. Bislang ohne Ergebnis - obwohl Bund und Land eine Bürgschaft über 80 Prozent des gesamten Darlehensvolumens übernehmen wollen. Kein gutes Zeichen.

Solange die Kredite nicht zugesagt sind, hält sich der Hauptinvestor, die staatseigene Dubai Airport Freezone Authority (Dafza), zurück. Die Dafza hat erst 40 der angepeilten 250 Millionen Dollar überwiesen. Insider vermuten, im Frühjahr werde Communicant das Geld ausgehen.

Problem Nummer 3: So recht weiß niemand, wer in der größten Krise, die die Elektronikbranche je erlebt hat, eine weitere Chipfabrik braucht. Unverdrossen sagt Ourmazd bessere Zeiten voraus. Er verkauft sogar die Bauverzögerung von inzwischen einem Jahr als strategische Leistung: Es sei doch "ein Glück, dass wir noch nicht produzieren. So sind wir in der Lage, den Beginn der Produktion vom Markt steuern zu lassen."

Problem Nummer 4: Der Ruch der Korruption umwabert das Projekt. Auf seinen Reisen zu potenziellen Chipfabrik-Investoren in den Golfstaaten nahm Wolfgang Fürniß (CDU), Ex-Wirtschaftsminister von Brandenburg, einen Millionenkredit von einem Scheich an. Angeblich ein privater Freundschaftsdienst. Fürniß musste am 11. November zurücktreten - der wichtigste politische Förderer des Projekts ist aus dem Spiel.

Offenkundig werden nun die Hauptinvestoren aus Dubai nervös. Ihnen geht es nicht nur ums Geld: Das Emirat will mit deutschem Know-how in die IT-Branche vorstoßen. 18 Monate nach Produktionsbeginn an der Oder soll ein weiteres Werk am Golf entstehen. Scheitert Frankfurt, wird auch in Dubai nicht gebaut. Kürzlich hat das Emirat die Überwachung von Ourmazd und Co. verstärkt: Seit Oktober sitzen Dafza-Generaldirektor Mohammed Al Zarouni und Khalifa Ahmed Sulaiman, Chairman der National Bank of Dubai, im Aufsichtsrat.

Finden sich keine weiteren Geldgeber, ist die Chipfabrik nicht mehr zu retten. Ourmazd jedenfalls hält sich den Notausstieg offen. Bis Februar 2003 ist er beim IHP beurlaubt. Eine Rückkehr auf die sichere öffentliche Stelle schließt er keineswegs aus: "Das IHP ist und bleibt meine erste Liebe." Henrik Müller

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