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Commerzbank Ende des Gerangels

Konzernchef Müller will nächstes Jahr vorzeitig in den Aufsichtsrat wechseln. Nachfolger soll Vorstandsmitglied Blessing werden.
Von Ulric Papendick
aus manager magazin 9/2007

Wenn Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller (62) von seiner Vorstandstruppe erzählt, schwingt immer ein wenig Stolz mit. Nach einer solchen Ansammlung von Talenten, so die Erkenntnis des Geldmanagers, müsse man in anderen Banken lange suchen; mehr noch nach einem derart jungen Team.

Tatsächlich arbeiten in der Vorstandsetage der Commerzbank fünf Topleute unter 50, und da die allesamt von Müller geholt wurden, fällt derlei Lob auch auf den Chef zurück. Wobei die geballte Kompetenz der Jüngeren auch einen Nachteil mit sich bringt: Der eine oder andere Spitzenmanager der Bank würde seinen Chef lieber heute als morgen beerben. "Da scharren einige derart mit den Hufen, dass bald die Sohlen durch sind", sagt ein Commerzbank-Insider.

Damit solcher Sportsgeist nicht irgendwann zu schlechter Stimmung und Intrigen führt, haben sich die Aufsichtsräte der Commerzbank um Chefkontrolleur Martin Kohlhaussen (71) entschieden, bis Ende dieses Jahres Fakten zu schaffen. In der turnusmäßigen Aufsichtsratssitzung Anfang November, das haben Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat in informellen Vorgesprächen überlegt, soll ein um-fassendes Revirement der Führungsgremien auf den Weg gebracht werden.

Demnach wird Müller, dessen Vertrag eigentlich erst 2010 ausläuft, bereits zur Hauptversammlung im Mai nächsten Jahres an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln. Sein Nachfolger als Bankchef soll der bislang für das Mittelstandsgeschäft zuständige Commerzbank-Vorstand Martin Blessing (44) werden.

Müller löst im Kontrollgremium den früheren Commerzbank-Primus Kohlhaussen ab, der nächstes Jahr mit dem Erreichen der internen Altersgrenze von 72 Jahren ausscheiden wird.

Kohlhaussen hatte in der diesjährigen Hauptversammlung bekräftigt, sein Amt 2008 abgeben zu wollen. Zunächst wurde bankintern eine Interimsnachfolge für Kohlhaussen diskutiert. Danach sollte ein anderer Commerzbank-Aufseher den Vorsitz übernehmen, bis Müller 2010 nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand bereitgestanden hätte. Dies wurde jedoch verworfen.

Die Initiative dafür ging von einer großen Koalition im Kontrollgremium aus. Vertreter von Arbeitnehmern wie Anteilseignern plädierten für Müller als neuen Oberaufseher - ebenso wie die "jungen Wilden" im Vorstand. Letztendlich, so Commerzbank-Insider, habe auch Kohlhausen für den heutigen Bankchef als seinen Nachfolger votiert.

Zwar rät der Deutsche Corporate-Governance-Kodex, der Wechsel des Vorstandschefs an die Spitze des Kontrollorgans solle nicht die Regel sein. Der Kodex verlangt sogar, der Hauptversammlung eine besondere Begründung zu geben, falls ein Konzern gegen diese Empfehlung verstößt. Die wird Müller seinen Aktionären wohl liefern. Ein Kandidat, der die Bank weniger gut kennt, wäre mit der Kontrollaufgabe überfordert, verbreitet er intern.

Für Müller hat der vorzeitige Wechsel die Konsequenz, dass er auf seine letzten beiden Jahresgehälter als Vorstandschef - insgesamt rund sieben Millionen Euro - wird verzichten müssen. Als Chefkontrolleur kann er lediglich mit etwa 330 000 Euro jährlich rechnen.

Dem schlechten Vorbild der Deutschen Bank wollen die Commerzbanker dennoch nicht nacheifern. Der Branchenprimus hatte dem früheren Vorstand Clemens Börsig (59) beim Wechsel an die Aufsichtsratsspitze die Restlaufzeit

seines Vertrags größtenteils vergütet. "Das wird es bei uns nicht geben", betont ein Commerzbank-Aufsichtsrat.

Der künftige Vorstandschef Blessing gilt in der Frankfurter Bank seit Längerem als Kronprinz. Allerdings hatten sich auch einige seiner Kollegen Hoffnungen auf die Müller-Nachfolge gemacht, vor allem Privatkundenchef Achim Kassow (41) und Finanzvorstand Eric Strutz (42). Beiden fehle es jedoch an Erfahrung, um die Leitung eines Konzerns zu übernehmen, sagen Kenner der Bank. Dass schon jetzt entschieden wird, resultiert auch aus der Furcht, der ehrgeizige Blessing könnte wo-möglich auf einen Topjob außerhalb des Geldhauses abgeworben werden.

Der aus altem Bankeradel stammende Blessing - sein Großvater war Chef der Deutschen Bundesbank, sein Vater saß im Vorstand der Deutschen Bank - gilt als ebenso talentiert wie ambitioniert. Das von ihm betreute Mittelstandsgeschäft der Commerzbank steuert rund ein Viertel zum operativen Ergebnis des Konzerns bei. Zuvor hatte Blessing bereits das Privatkundensegment des Frankfurter Geldhauses geleitet.

Trotz dieser Erfahrung wird es der neue Mann nicht leicht haben, dem Geldhaus eine Perspektive zu geben. Die Bank ist zu klein - sowohl im heimischen Filialgeschäft als auch auf den internationalen Kapitalmärkten fehlt ihr die nötige Masse, um eine führende Rolle zu spielen.

Der bisherige Chef Müller hat unter diesen Umständen das Beste herausgeholt. Er hat die Kosten der Bank kräftig gesenkt und mit der Übernahme des Immobilienfinanzierers Eurohypo die nahezu einzige Möglichkeit zur Konsolidierung im Inland genutzt.

Auch beim Bieterwettstreit um die Landesbank Berlin (LBB) hielt Müller bis zum Schluss durch. Den Preis, den die Sparkassen für die LBB zu zahlen bereit waren, konnte und wollte der Commerzbank-Chef aber nicht bieten.

Nach der Niederlage in Berlin bleiben der Commerzbank nicht mehr allzu viele Optionen, um das Bankgeschäft in Deutschland aktiv mitzugestalten. Eine Vision, was aus der zweitgrößten privaten deutschen Bank langfristig werden soll, hat Müller nicht geliefert. Das wird Blessing tun müssen.

Ulric Papendick

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