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Einsturzgefahr

Aktien: Gewinnwarnungen und Rekordverluste - die Kurse der US-Hightech-Aktien bleiben auf Talfahrt. Jetzt hat die IT-Flaute Europa erreicht. manager magazin sagt, wie Anleger handeln müssen.
aus manager magazin 9/2001

Es ist noch gar nicht lange her, da galten Nokia, Siemens und Marconi als Symbole eines kraftvollen Aufbruchs.

Nokia-Chef Jorma Ollila (51) formte aus einem Gemischtwarenladen den weltweit führenden Mobilfunkspezialisten. Siemens-Lenker Heinrich von Pierer (60) ordnete den unübersichtlichen Elektronikriesen neu, und George Simpson (59) drehte Marconi vom Rüstungskonzern zum führenden britischen Telekommunikationsausrüster um.

Die drei Traditionsfirmen galten den Anlegern als Garanten für hohe Wachstumsraten und Kursgewinne.

Von der Begeisterung ist heute wenig geblieben.

Nokia kämpft mit den sinkenden Zuwachsraten im Mobilfunk, Marconi leidet unter der Sparwelle der großen Telekomkonzerne, und Siemens schreibt wegen des rapiden Preisverfalls an den Halbleitermärkten inzwischen rote Zahlen im operativen Geschäft. Die Folge: Seit Jahresbeginn büßten die drei Konzerne rund 160 Milliarden Euro Börsenwert ein.

Die drei europäischen Schwergewichte sind mitten in den Abwärtssog geraten, der mit dem Kursrutsch an der US-Technologiebörse Nasdaq im Frühjahr 2000 begann. Und es hat nicht nur die Größen der Hightech-Industrie getroffen. Überall sinken die Zuwachsraten, brechen die Gewinne ein.

Fondsmanager, Analysten und Vermögensverwalter sind verunsichert. Kaum ein Finanzexperte hatte damit gerechnet, dass der US-Abschwung so schnell und so massiv auf Europa durchschlagen würde.

Noch vor wenigen Monaten waren sich Chefvolkswirte und Wirtschaftsforschungsinstitute einig: Die Folgen von Hightech-Crash und Dotcom-Sterben würden sich auf die USA beschränken. Europas Internet-Ökonomie sei viel zu klein, um die übrige Wirtschaft beschädigen zu können. Euroland werde stabil mit 3 Prozent weiterwachsen.

Es kam anders. Geirrt haben sich die Experten in zwei Punkten:

m Die Verflechtungen zwischen europäischen und amerikanischen Konzernen sind weitaus enger als noch Mitte der 90er Jahre. So erwirtschaften die 500 größten europäischen Unternehmen heute im Durchschnitt 20 Prozent ihres Umsatzes in den USA, rund ein Viertel mehr als noch 1996. Damit macht sich auch ein US-Abschwung hier zu Lande sehr viel früher und stärker bemerkbar als bislang gewohnt.

m Die Finanzierungskosten der milliardenschweren UMTS-Lizenzen schlugen sich dramatischer in den Bilanzen der Telekommunikationskonzerne nieder als erwartet. Weil gleichzeitig die Erlöse aus der dritten Mobilfunkgeneration später und wohl wesentlich spärlicher fließen werden als ursprünglich gedacht, verdüsterten sich die Aussichten für Nokia, Siemens & Co.

Angesichts des Schwächeanfalls der europäischen Konjunktur setzen viele Anleger auf die Hilfe von Uncle Sam. Die bislang sechs Zinssenkungen, mit denen US-Notenbankpräsident Alan Greenspan die lahmende US-Wirtschaft anzukurbeln versucht, sollten bald wirken.

Mit der Erholung der amerikanischen Technologiekonzerne, so die Hoffnung, werden sich auch die Auftragsbücher der europäischen Hightech-Firmen schon wieder füllen.

Ob die Rechnung aufgeht, wird sich zuerst an der Wall Street zeigen. Die Entwicklung der vergangenen Monate ist wenig ermutigend. Fundamentale Schwächen lassen die Zinsimpulse verpuffen. Das US-Wirtschaftswachstum kam im zweiten Quartal beinahe zum Stillstand, die Investitionen sanken im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 13 Prozent, die Gewinne der Unternehmen brachen um 17 Prozent ein.

Hinzu kommt: Von den einstigen Wunderfirmen aus dem Silicon Valley sind auf absehbare Zeit keine positiven Signale zu erwarten, im Gegenteil. Cisco etwa, der weltweit führende Internet-Ausrüster, muss Kapazitäten abbauen und Lagerbestände abschreiben. Der Glasfaserspezialist JDS Uniphase musste die Wertansätze seiner viel zu teuer gekauften Beteiligungen vor wenigen Wochen korrigieren. Die Folge: Der Konzern meldete mit über 57 Milliarden Euro für das kürzlich abgeschlossene Geschäftsjahr den größten Verlust der US-Wirtschaftsgeschichte.

In den kommenden Monaten sieht es nur unwesentlich besser aus. Nach einer Umfrage der Investmentbank Merrill Lynch unter 65 IT-Vorständen wollen fast drei Viertel der Konzerne ihre Ausgaben für Informationstechnologie im zweiten Halbjahr nicht erhöhen.

Schlimmer noch, das Geld fließt nicht mehr in große und lang laufende Projekte, mit denen die Technologieunternehmen hohe Gewinne einfahren. Bewilligt werden im Wesentlichen kleinere, weitaus weniger lukrative Aufträge. Trotz niedriger Zinsen investieren die Unternehmen also noch immer zurückhaltend.

Wie sollten die Anleger nun auf die konjunkturelle Hängepartie reagieren?

Hightech-Papiere sind derzeit allenfalls für besonders wagemutige Investoren interessant. manager magazin hat zusammen mit renommierten Vermögensverwaltern neun Unternehmen aus drei Branchen zusammengestellt, die sich auch in unsicheren Zeiten stabil entwickeln sollten. Dazu gehören

m Pharmaunternehmen aufgrund ihrer vergleichsweise sicheren und gut prognostizierbaren Wachstumsraten,

m Nahrungsmittelkonzerne wegen ihrer stetigen Umsatzentwicklung,

m Finanzdienstleister, weil sie am stärksten vom Umbau der staatlichen Rentensysteme profitieren dürften.

Pharmaaktien

Pillen & Salben

Das Geschäft mit der Gesundheit wird auch in den kommenden Jahren boomen, und das nahezu unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung. Wachstumstreiber sind das zunehmende Durchschnittsalter in den westlichen Industriestaaten und die verbesserte Gesundheitsversorgung in den Schwellenländern.

Medtronic. Der Anbieter von Herzschrittmachern sowie Überwachungsgeräten für Hirn- und Rückenmarksoperationen hat eine in der Medizintechnologie wohl einmalige Marktstellung.

Das Unternehmen ist hochinnovativ. Etwa 70 Prozent des Umsatzes werden mit Produkten erzielt, die weniger als zwei Jahre alt sind.

Die meisten Analysten erwarten deshalb für die Zukunft ein jährliches Wachstum von 15 Prozent bei Umsatz und Gewinn.

Pfizer. Der weltweit größte Pharmakonzern beeindruckt durch Gewinnsteigerungen,

die weit über dem Branchendurch-

schnitt liegen. Allein im zweiten Quartal war es ein Plus von 30 Prozent. Rund 25 Prozent sollen es in diesem und im nächsten Jahr werden.

Keine andere Pharmafirma hat eine ähnlich starke Produktpalette.

Acht Präparate des Viagra-Konzerns bringen Umsätze in Milliardenhöhe.

Fresenius Medical Care (FMC). Der Spezialist für Dialysebehandlungen gehört zu den sichersten Wachstumstiteln im Deutschen Aktien Index. Die Marktposition ist exzellent, die Gewinne steigen stärker als die Umsätze. Das Bad Homburger Unternehmen, das Dialysekliniken betreibt und mit den hauseigenen Präparaten beliefert, operiert in einem lukrativen Segment: Bis zum Jahr 2005 soll das weltweite Umsatzvolumen für Dialyseprodukte und -behandlungen von derzeit 30 auf über 50 Milliarden Euro anwachsen.

Konsumgüterpapiere

Ketchup & Mayonnaise

Global orientierte Markenkonzerne bieten vergleichsweise guten Schutz vor drastischen Kursverlusten. Anleger sollten vor allem auf Marktführer mit exzellentem Management setzen.

Nestlé. Der Schweizer Lebensmittelmulti hat sich in den vergangenen drei Jahren behutsam umstrukturiert.

Vorstandschef Peter Brabeck verordnete dem Konzern ein Kostensenkungsprogramm (1,6 Milliarden Euro Volumen), verkaufte ertragsschwache Geschäfte konsequent und investierte gezielt in zukunftsträchtige Aktivitäten. Die Gewinnmarge des weltweit größten Nahrungsmittelproduzenten stieg von knapp 10 auf über 12 Prozent.

Philip Morris. Viele Jahre ignorierten die Anleger den weltgrößten Zigarettenkonzern. Milliardenteure Klagen geschädigter Raucher und Schwierigkeiten bei der Brauereitochter Millers Brewery drückten den Kurs der Aktie kräftig. Der Abwärtstrend ist gestoppt, die Prozessrisiken sind in der Bilanz weitgehend verarbeitet. Das Unternehmen hat seinen Marktanteil ausgebaut. Das Gewinnwachstum lag im vergangenen Jahr bei 10 Prozent.

Perle des Konzerns ist allerdings die Lebensmittelsparte. Kraft, seit Sommer dieses Jahres ebenfalls börsennotiert, ist weltweit nach Nestlé die Nummer zwei. Die Philip-Morris-Tochter (rund 84 Prozent) erzielt einen Umsatz von rund 39 Milliarden Euro, Tendenz stark steigend. Die Gewinne aus dem Geschäft mit Ketchup (Kraft), Frischkäse (Philadelphia) und Schokolade (Toblerone) werden nach Analystenmeinung in den kommenden Jahren um 15 Prozent wachsen.

Suiza Foods. Der Aufsteiger aus Dallas ist eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte. Vor acht Jahren startete Gregg Engles als Chef der Molkerei, inzwischen ist der Konzern mit einem Marktanteil von knapp 20 Prozent und einem Umsatz von 6,5 Milliarden Euro die unangefochtene Nummer eins auf dem amerikanischen Markt. Das Rezept: systematische Akquisition und Integration kleinerer Konkurrenten. Erst im Frühjahr kündigte Suiza die Übernahme von Dean Foods, der Nummer zwei (fünf Milliarden Euro Umsatz), an. Trotz rasanter Expansion ist das Unternehmen noch immer vergleichsweise günstig bewertet.

Finanztitel

Fonds & Policen

Gefragt sind wachstumsstarke und konservative Unternehmen, deren Erträge durch die derzeitigen Börsenturbulenzen nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden.

Citigroup. Der New Yorker Gigant zählt zu den weltweit größten Finanzkonzernen. Die Angebotspalette reicht von allen Facetten des Privatkundengeschäfts über Versicherungen und Hypothekenfinanzierung bis hin zum Investmentbanking. Die in der Finanzbranche wohl einmalige globale Positionierung ermöglicht jährliche Wachstumsraten des Konzerngeschäfts von rund 15 Prozent.

Wie stark die Citigroup aufgestellt ist, zeigt sich in der momentan schwierigen Börsensituation. Trotz erheblicher Einbußen im Investmentbanking schafften die New Yorker im zweiten Quartal eine Gewinnsteigerung pro Aktie von 14 Prozent.

Münchener Rück. Der weltweit größte Rückversicherer glänzt durch konstante Prämien- und Ertragsentwicklung, und das trotz seines stark schwankenden Kerngeschäfts mit Katastrophen- und Großschadensrisiken.

An dieser Positionierung dürfte sich künftig wenig ändern. Schließlich gilt die Münchener Rück als heimlicher Gewinner der Konsolidierung im inländischen Finanzgewerbe. Mit der Ergo-Gruppe, der Nummer zwei unter den deutschen Erstversicherern, und der Hypo-Vereinsbank kontrollieren die Münchener zwei im Privatkundengeschäft stark aufgestellte Anbieter.

Der Konzern sollte sich damit einen beträchtlichen Anteil des in den nächsten Jahren stark wachsenden Geschäfts mit der privaten Altersvorsorge gesichert haben.

Washington Mutual. Die größte US-Sparkasse glänzt durch hohe Margen und niedrige Kosten. Mit einer aggressiven Übernahmepolitik erzielte die Bank in den vergangenen Jahren hohe Wachstumsraten. Durch den angekündigten Zusammenschluss mit der New Yorker Dime Bancorp schloss der Konzern die letzte bedeutende Lücke in seinem landesweiten Filialnetz. Trotz der Kurssteigerungen der vergangenen Monate gilt die Aktie noch immer als günstig bewertet. Dietmar Palan

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Bär oder Bulle - Wer setzt sich durch?

u Überkapazitäten und der Zwang zu Wertberichtigungen der im Aktienrausch zusammengekauften Beteiligungen bergen Kursrisiken.

uNiedriges US-Wachstum verzögert den Neustart an der Börse.

uSinkende Investitionen lassen längere Flaute befürchten.

uHightech-Aktien sind immer noch zu hoch bewertet.

u Niedrige Zinsen und eine expansive Geldpolitik der US-Notenbank stützen die Aktienmärkte.

u Hohe Beträge, die derzeit in Geldmarktfonds parken, dürften bei einer Kurserholung schnell an die Börse zurückfließen.

u Steuersenkungen stabilisieren die Nachfrage und damit auch die Ertragslage vieler Unternehmen.

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Krisensymptome

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