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Allianz Einsatz in Manhattan

Vor der AIG-Verstaatlichung verhandelten die Münchener über den Einstieg bei der US-Firma.
aus manager magazin 11/2008

Es ist ein beispielloser Ausverkauf, den Edward Liddy (62), seit Ende September Nummer eins des Versicherungsgiganten American International Group (AIG), am 6. Oktober ankündigte: Die US-Autoversicherungssparte, das internationale Lebensversicherungsgeschäft, die konzerneigene Flugzeugleasingfirma - alles muss raus.

Dem neuen Mann an der AIG-Spitze muss nun gelingen, woran sein Vorgänger Robert Willumstad (63) noch wenige Wochen zuvor gescheitert war.

Für das Wochenende vom 5./6. September hatte Willumstad die Führungsspitzen einer Handvoll großer Konkurrenten in die Konzernzentrale an die Südspitze Manhattans gebeten - darunter auch Abgesandte des deutschen Versicherungsriesen Allianz.

Die Botschaft hinter der Einladung Willumstads, der zu diesem Zeitpunkt selbst gerade erst einmal 82 Tage im Amt war, schien unmissverständlich. Die AIG, noch Mitte Juni der wertvollste Versicherer der Welt, war durch die waghalsigen Geschäfte ihrer Financial-Services-Sparte derart in Schwierigkeiten geraten, dass nur eine milliardenschwere Kapitalinjektion die einstige Ikone der Assekuranz würde retten können. Im Gegenzug zeigte sich Willumstad bereit, lukrative Teile des Konzerns abzugeben. Es war der letzte verzweifelte Versuch, die Krise aus eigener Kraft zu meistern.

Für die von Finanzchef Paul Achleitner (52) geleitete Allianz-Delegation wären vor allem Teile des internationalen Industrieversicherungsgeschäfts und die asiatischen AIG-Aktivitäten, insbesondere die japanischen Lebensversicherer, interessant gewesen.

Doch je länger sich die Verhandlungen hinzogen, desto weiter rückte eine Lösung in die Ferne. Zu komplex erschienen die verschachtelten AIG-Strukturen, zu groß die Gefahr, dass die Krise der Finanzdienstleistungssparte auch die potenziellen Krisenhelfer des Konzerns in Mitleidenschaft ziehen könnte. Am Ende brach Achleitner die Gespräche ab.

Auch sieben Wochen später, nach einem von US-Finanzminister Hank Paulson (62) orchestrierten 123 Milliarden Dollar schweren Notkreditprogramm, gibt sich die Allianz reserviert gegenüber den AIG-Offerten.

Dies mag unter anderem daran liegen, dass die AIG-Teile, die zum Portefeuille der Allianz-Industrieaktivitäten passen würden - wie etwa der US-Spezialversicherer Hartford Steam Boiler (HSB) -, gar nicht auf der Verkaufsliste der Amerikaner auftauchen.

Die von Allianz-Chef Michael Diekmann (53) Mitte September ausgerufene US-Wachstumsoffensive soll nun zunächst auf andere Weise vorangetrieben werden: Über den Zukauf von durch die Krise billiger gewordenen Unternehmen.

Der erste Schritt in diese Richtung war eine insgesamt 2,5 Milliarden Dollar schwere Beteiligung am US-Versicherer und -Finanzdienstleister Hartford Financial Services, die den Münchenern am Ende rund ein Viertel des Unternehmens sichern soll.

"Beteiligungen dieser Art sind weitaus lukrativer und sicherer als der AIG-Schlussverkauf", heißt es intern dazu im Konzern. Dietmar Palan

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