Zur Ausgabe
Artikel 2 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Interview "Eine Watschen für den Vorstand"

Porsche-Enkel Wolfgang über den Machtkampf um VW und die Defizite des Autokonzerns.
aus manager magazin 6/2008

Herr Porsche, die Übernahme von Volkswagen durch Porsche nimmt skurrile Züge an. In den Medien ist von einem "Kriegstagebuch Porsche-VW" die Rede, VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh spricht von "Schützengräben"; unter dem Stichwort "Babyphonaffäre" scheint der Kasus nun auch noch ins Schlapphutgenre abzugleiten. Macht Ihnen Ihr Job als Porsche-Aufsichtsratschef eigentlich noch Spaß?

Porsche: Klar. Wenn ein Kleiner wie Porsche sich an einem Großen wie Volkswagen beteiligt, geht das nicht ohne den einen oder anderen Rückschlag. Damit haben wir rechnen müssen. Aber dass sich die Sache so extrem entwickeln würde, mit Schlägen unterhalb der Gürtellinie, das - gebe ich ehrlich zu - habe ich nicht erwartet.

Porsche wurden "Allmachtsfantasien" unterstellt, bei VW kursiert das Wort "feindliche Übernahme" ...

Porsche: ... und Wendelin Wiedeking wurde als Napoleon dargestellt. Das ist doch absurd, so geht man nicht mit einem Menschen um, der seit vielen Jahren unter Beweis gestellt hat, dass er ein Unternehmen erfolgreich führen kann, und der bei den eigenen Mitarbeitern höchstes Ansehen genießt.

Sie sagen, Ihre größte Schwäche sei Ungeduld. Im Übernahmefall Porsche-VW ist gerade das Gegenteil gefordert.

Porsche: Und Diplomatie. Wir müssen einerseits unsere Interessen als Porsche SE konsequent vertreten, zur Not eben auch vor Gericht. Andererseits sehe ich meine Hauptaufgabe in der Deeskalation. Weil jedes Öl, das in dieses Feuer gegossen wird, den Brandherd vergrößert.

Haben Sie mit VW-Betriebsratschef Osterloh schon Gespräche vereinbart, um den Rechtsstreit um die Mitbestimmung in der Porsche SE zu beenden?

Porsche: Ich bin mit ihm nach der VW-Hauptversammlung am 24. April gemeinsam im Aufzug gefahren. Und da habe ich ihm Gespräche angeboten. Am nächsten Tag hat er die Lage durch öffentliche Äußerungen wieder verschärft. Da konnten wir in der Zeitung lesen, mehr als 1000 VW-Beschäftigte hätten gegen Porsche demonstriert. Zum einen waren es höchstens 300, zum anderen war diese Aktion völlig unnötig. Die brauchten wir wie ein Loch im Kopf.

Das klingt nicht nach Befriedung.

Porsche: Wir werden sicher einen Kompromiss finden. Aber dazu müssen wir miteinander reden. So wie es die Herren Wiedeking und Osterloh ja bereits getan haben.

Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Porsche: Die Arbeiter könnten einfach an ihre Bänder gehen und arbeiten. Diese Empfehlung hat ja auch der Richter am Stuttgarter Arbeitsgericht ausgesprochen, als er die Klage des VW-Betriebsrats abgewiesen hat. Das Problem sei nicht vor Gericht zu lösen, sondern nur in Verhandlungen. Und die beiden Parteien sollten das tun, was sie am besten können: schöne Autos bauen.

Osterloh möchte die Mitbestimmungs-regelung von Porsche-VW neu verhandeln. Wie könnten Sie ihm entgegenkommen?

Porsche: Eine Vereinbarung ist doch schon längst so gut wie ausverhandelt. Es bleibt bei der paritätischen Verteilung der Aufsichtsratsmandate für Arbeitnehmer zwischen Porsche und VW, drei zu drei ...

... obwohl VW ungleich mehr Beschäftigte hat als Porsche.

Porsche: Dafür gewähren wir VW im Holding-Betriebsrat weit mehr Mandate als ursprünglich vorgesehen.

Das scheint kein großes Opfer zu sein.

Porsche: Ist es aber. Es gibt ja Dutzende freigestellter Arbeitnehmervertreter bei VW, im Konzernbetriebsrat, im Europa-Betriebsrat, im Welt-Betriebsrat.

Sie müssen sich nicht nur mit Osterloh verständigen. Auch mit Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff liegen Sie über Kreuz. Der will die VW-Sperrminorität bei 20 Prozent halten - das entspricht dem derzeitigen Stimmrechtsanteil des Landes - und durch ein neues VW-Gesetz absichern. Sie glauben, nachdem der Europäische Gerichtshof das alte VW-Gesetz gekippt hat, gelten bei VW die üblichen aktienrechtlichen Bestimmungen; danach besteht eine Sperrminorität erst ab 25 Prozent. Kann man sich einigen?

Porsche: Ich habe mit Herrn Wulff neulich zu Mittag gegessen. Und da hatte ich eigentlich das Gefühl, dass wir ganz vernünftig reden können.

Mit welchem Resultat?

Porsche: Es gibt bisher noch kein Resultat. Ein Politiker hat ja auch immer verschiedene Hüte auf, je nachdem, ob gerade Wahlkampf ist oder nicht. Und irgendwo ist immer Wahlkampf, und irgendein Politiker meldet sich in Sachen Porsche/VW immer zu Wort, selten mit konstruktiven Beiträgen.

Wen meinen Sie?

Porsche: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zum Beispiel. Der hat laut "Braunschweiger Zeitung" im Rahmen einer Parteiveranstaltung behauptet, wenn wir die Mehrheit an VW übernähmen, würden wir als Erstes das Komponentenwerk in Salzgitter schließen. Wie kommt er darauf? Es liegt wohl in der Natur der Politiker, dass sie immer irgendein Gerücht in die Welt setzen, um anschließend die Lösung für ein Problem zu präsentieren, das es gar nicht gibt. Vielleicht müssen die Wahlperioden verlängert werden, damit ein Politiker auch mal substanziell etwas beitragen kann.

Die Bundesregierung hat einen Entwurf für ein neues VW-Gesetz vorgelegt. Das würde Ihnen nach einer Übernahme von Volkswagen das Regieren erschweren. Was werden Sie dagegen unternehmen, falls es so kommt?

Porsche: Wir glauben, dass ein neues VW-Gesetz, genauso wie das alte, vor der EU-Rechtsprechung keinen Bestand haben wird. Das VW-Gesetz ist doch ein Anachronismus. Es gibt ja auch kein Daimler-Gesetz. Herr Wulff sollte doch froh sein, dass wir uns bei VW engagiert haben. Seitdem ist die VW-Aktie von rund 30 Euro auf 180 Euro gestiegen. Und auch das Land Niedersachsen kassiert üppige Dividenden.

Herr Wulff baut offenbar schon vor. Für den Fall, dass die Reform des VW-Gesetzes scheitert, denkt er darüber nach, den Landesanteil auf 25,1 Prozent aufzustocken.

Porsche: Das würde auf jeden Fall teuer für ihn. Ich bezweifle, dass das den niedersächsischen Steuerzahlern gefallen würde.

Sie sitzen nicht nur als Vorsitzender im Porsche-Aufsichtsrat, sondern seit April dieses Jahres auch im Kontrollgremium von Volkswagen. Warum sind Sie dort hineingegangen?

Porsche: Ich möchte dort Flagge zeigen.

Aber Ihr Cousin Ferdinand Piëch ist doch bereits Aufsichtsratsvorsitzender, mehr Flagge geht kaum.

Porsche: Ich vertrete die Porsche-Seite unseres Clans. Die Porsches und die Piëchs sind nur gemeinsam gut.

War nicht auch ein Beweggrund, ein Gegengewicht zum oft praktizierten Zweckbündnis von Ferdinand Piëch mit den Arbeitnehmern zu bilden?

Porsche: Für die Vergangenheit mag Ihre These zutreffen. Da hat er sich als VW-Vorstandsvorsitzender das eine oder andere Kleinod, den Bugatti oder den Lamborghini, leisten können. Wichtig ist, dass auch diese Marken Geld verdienen. Bei Lamborghini ist dies ja schon der Fall.

Müssen Sie Wendelin Wiedeking, der im VW-Aufsichtsrat mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält, beistehen, ihn schützen vor Ihrem Cousin, dem die Kritik an VW bisweilen zu weit geht?

Porsche: Herr Wiedeking muss nicht geschützt werden. Der weiß, was er will, und ist Manns genug, das auch zu vertreten. Die Familien Porsche und Piëch sind sich einig in dem Ziel, was sie bei VW erreichen wollen. Sicher, der eine will mehr diesen, der andere eher jenen Weg gehen. Ich möchte Herrn Wiedeking im VW-Aufsichtsrat unterstützen, um die Dinge bei VW vernünftig zu ordnen.

Wann werden Sie die Mehrheit bei VW übernehmen?

Porsche: Der Porsche-Aufsichtsrat hat ja schon entschieden, dass wir aufstocken können. Aber wir brauchen noch die Genehmigung der europäischen und 15 weiterer Kartellbehörden. Eine Entscheidung wird wohl frühestens im August fallen.

Volkswagen und Porsche werden als Teilkonzerne unter dem gemeinsamen Dach der Porsche SE geführt. Warum hat man nicht die beiden Firmen verschmolzen?

Porsche: Nein, nein, nein - das machen wir nicht. Die beiden Unternehmen dürfen nicht ineinander aufgehen. Porsche bleibt Porsche, und Volkswagen bleibt Volkswagen.

Aber wäre die Steuerung von Porsche-VW nicht viel einfacher? So muss man über zig Aufsichtsräte und Vorstände das Gebilde lenken.

Porsche: Man muss sich doch im Klaren darüber sein, was eine Verschmelzung mit dem viel größeren Volkswagen-Konzern bedeutet hätte: Porsche wäre die x-te VW-Marke geworden. Das hätte man keinem Porsche-Kunden klarmachen können. Schauen Sie sich doch den Fall DaimlerChrysler an. Mercedes-Benz ist wirklich eine tolle Marke, die Fusion mit Chrysler wurde bekanntlich rückabgewickelt, und trotzdem hat das Unternehmen Blessuren behalten nach diesem Abenteuer.

Der Holdingvorstand besteht derzeit aus Wendelin Wiedeking und dem Porsche-Finanzvorstand Holger Härter. Wird der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn in das oberste Führungsgremium aufrücken, wenn Porsche demnächst die VW-Mehrheit besitzt?

Porsche: Zurzeit ist so etwas nicht vorgesehen.

Die Betonung liegt auf zurzeit?

Porsche: Ich schließe nicht aus, dass es irgendwann mal dazu kommt. Herr Dr. Winterkorn leistet hervorragende Arbeit in Wolfsburg. Aber es muss auch die Chemie in einem Gremium stimmen. Es geht ja nicht um Sachen, die man herumschiebt, sondern um Menschen.

Stimmt die Chemie zwischen Wiedeking und Winterkorn?

Porsche: Die verstehen sich besser, als viele glauben und schreiben. Weil es beiden um die Sache geht.

Aber Sie verfolgen fundamental unterschiedliche Ansätze: Winterkorn ist technikgetrieben, Wiedeking eher kostenorientiert.

Porsche: Was soll daran schlimm sein? Diese Synthese aus technischem und kaufmännischem Ansatz kann in Zukunft zu guten Ergebnissen führen. Im Moment beschäftigen wir uns mit allerlei Formalien wie Rechtsstreitigkeiten und VW-Gesetz. Mir wäre es viel lieber, wir könnten uns endlich den eigentlichen Aufgaben zuwenden und die richtigen Entscheidungen treffen.

Was muss sich denn aus Ihrer Sicht am dringendsten bei VW ändern?

Porsche: Da gibt es viel zu tun. Und ich bin froh, dass wir bei Audi bereits ein wenig mitwirken konnten.

Sie haben den Porsche-Vertriebsmanager Peter Schwarzenbauer in den Audi-Vorstand entsandt.

Porsche: Der ist für Audi sicher eine Bereicherung, weil er den Markt in Nordamerika, in dem sowohl Audi als auch VW Probleme haben, sehr genau kennt. Der Vertrieb ist für mich im VW-Konzern die größte Schwachstelle, und das hat der Vorstand von VW auch erkannt. Da weiß bisweilen die Linke nicht, was die Rechte tut. Die Marken machen sich untereinander Wettbewerb. So kommt es dazu, dass das Doppelkupplungsgetriebe in den Fahrzeugen von VW und Skoda eingebaut ist, weil sie auf der gleichen Plattform basieren, bei der Premiummarke Audi - mit Ausnahme des A3 - aber nicht.

Auch Porsche und Audi konkurrieren. Mit dem Sportwagen R8 greift Audi Porsche aggressiv an.

Porsche: Wir sollten sicher darauf achten, dass wir den Wettbewerb hauptsächlich draußen suchen und nicht im eigenen Konzern. Auch aus kaufmännischer Sicht sollte man aufpassen, dass man sich nicht aus Prestigegründen Deckungsbeiträge kaputt macht.

VW will so gut werden wie Toyota. Glaubt man dem Management, sind die Japaner bald eingeholt.

Porsche: Nein. Da müssen wir uns vorher noch ordentlich die Wadeln richten. Es ist doch blamabel, wenn der VW-Vorstand auf der Hauptversammlung gute Zahlen präsentiert und kaum einer nimmt sie zur Kenntnis, weil die eigenen Leute lieber gegen Porsche rebellieren. Für den Vorstand von VW war das schon eine gewisse Watschen. Und dabei hat VW in der Produktion über 150 Autos verloren, weil sich die Arbeiter zu Diskussionsrunden getroffen haben und die Fließbänder stillgestanden haben.

Vielleicht waren es ja Phaetons. Die werfen ohnehin keinen Gewinn ab.

Porsche: Nein, es betraf den Golf und vor allem den neuen Tiguan, der extrem lange Lieferzeiten hat.

VW wird einen neuen Phaeton auf den Markt bringen. Wiedeking und Sie haben das Modell wegen Unwirtschaftlichkeit stets kritisiert. Konnten Sie sich nicht durchsetzen?

Porsche: Der neue Phaeton wird auf einer Audi-Plattform gebaut. Das heißt: VW kann ihn profitabler herstellen.

Gerade auf wichtigen Auslandsmärkten hängt VW, mit Ausnahme Chinas, weit hinter Toyota zurück.

Porsche: In den USA verliert VW seit Jahren Geld, und zwar auch in Dollar gerechnet. Die einzelnen Konzernmarken unterbieten sich dort gegenseitig. Hier muss sich dringend etwas ändern.

Herr Porsche, angesichts der vielfältigen Missklänge, die das Projekt Porsche-VW begleiten: Wann ziehen Sie die Reißleine und verkaufen die VW-Anteile wieder? Beim jetzigen Kursniveau brächte das rund zehn Milliarden Euro Gewinn ein.

Porsche: Moment mal. Wir haben dieses Projekt doch nicht begonnen, um mit dem VW-Konzern Kasse zu machen. Wir sind dort aus strategischen Erwägungen eingestiegen, weil wir als Porsche zu klein sind, um alles selbst machen zu können. Wir brauchten einen Partner. Es gab sogar mal die Überlegung, ob wir uns mit Toyota zusammentun. Da waren uns die Wolfsburger dann doch lieber. Die sprechen wenigstens Hochdeutsch. Schwaben und Österreichern fehlt bekanntlich diese Fähigkeit. Auch in dieser Beziehung bereichert uns VW.

Noch einmal: Wann ist für Sie der Punkt erreicht, wo die Opfer und Zugeständnisse bei der VW-Übernahme zu groß werden?

Porsche: Wir haben genug damit zu tun, unser Ziel zu erreichen. Da bleibt gar keine Zeit, um uns mit der Frage zu beschäftigen, wann wir möglicherweise wieder aussteigen. Ich kann jedenfalls versichern, dass unsere Familie die Entscheidung für den Einstieg bei VW keine Sekunde bereut hat - trotz aller Hindernisse. u

Das Interview führten die mm-Redakteure Arno Balzer und Dietmar Student.

Das Interview führten die mm-Redakteure Arno Balzer und Dietmar Student.

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel