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Eine Frage des Ranges

Dienstwagen-Ordnungen: Seitenlange Regelwerke geben Managern vor, welche Autos ihnen zustehen.
Von Frank Scholtys
aus manager magazin 8/2002

Hans Michael Gaul gilt als Exot unter deutschen Dienstwagen-Fahrern. Das Vorstandsmitglied des Energieriesen Eon schwört auf seinen VW-Bus.

Dienstwagen sind hier zu Lande Statussymbole, die den Rang einer Führungskraft weithin sichtbar machen. Und gemeinhin schmückt sich die Beletage in den Unterneh- men mit einem Topmodell aus dem Haus DaimlerChrysler, BMW oder Audi.

In seitenlangen Dienstwagen-Ordnungen geben Firmenchefs ihren Managern vor, aus welcher Fahrzeuggruppe sie ihr Auto wählen können oder welche Höhe die monatliche Leasingrate eines Modells erreichen darf. Entscheidend ist stets die Hierarchieebene, auf der ein Beschäftigter tätig ist.

"Richtlinie für Bankwagen" ist etwa das 20 Seiten starke Regelwerk der Commerzbank überschrieben. Darin erfahren die Mitarbeiter, dass sie an ihren Wagen keine Spoiler anbringen dürfen oder Radkappen für Winterreifen aus eigener Tasche bezahlen müssen. Was die Beschäftigten am meisten interessiert, ist ihre Einstufung in "Limitgruppen".

Führungskräfte finden sich oft in drei Kategorien wieder: Vorstand, erste Leitungsebene, zweite Ebene. Daneben sind in Betrieben, die einen großen Außendienst benötigen, mitunter tausende Vertriebsleute in preiswerten Modellen unterwegs, die sie nicht selbst wählen. Das Logistikunternehmen Stinnes etwa unterhält eine Flotte von 6000 VW Golf.

Die Stinnes-Manager dürfen dagegen ihre Wagen innerhalb bestimmter Grenzen aussuchen. Dem Vorstand vorbehalten sind - wie in fast allen deutschen Firmen - Mercedes-S-Klasse, 7er-BMW und Audi A8.

Für die oberste Managerebene gelten bei der Fahrzeugwahl Budget- und Hubraumgrenzen. Höchstens 2,8 Liter Hubraum darf der Dienstwagen haben, der - bis Ende vergangenen Jahres - maximal 65 000 Mark netto kosten durfte. Für die zweite Ebene ist bei 2 Litern Hubraum und einem Nettopreis von 60 000 Mark Schluss.

Jetzt hat Stinnes die Budgetgrenzen auf Leasingraten umgestellt. Damit liegt das Unternehmen im Trend (siehe Seite 130). Mittlerweile leasen die meisten Firmen ihre Dienstwagen. Die Manager wählen ihre Fahrzeuge nun nach der Höhe der monatlich anfallenden Raten aus.

Manche Dienstwagen-Ordnungen lassen ein Überschreiten der Grenzwerte zu. Der Mitarbeiter muss dann den Differenzbetrag selbst zuzahlen.

Genau erfasst ist dies im Regelwerk des Baukonzerns Hochtief. "Jeder Berechtigte kann die zu seiner Dienstwagen-Gruppe gehörende Referenzrate um bis zu 30 Prozent überschreiten", heißt es da. "Bei einem Up-Grading um bis zu 20 Prozent tragen Hochtief und der Mitarbeiter jeweils die Hälfte der tatsächlich entstehenden Leasingmehrkosten. An den Leasingmehrkosten für ein Up-Grading zwischen 20 und 30 Prozent über der zulässigen Referenzrate beteiligt sich Hochtief nicht."

Derlei Spielräume sind sinnvoll, wenn gewünschte Modelle knapp über einer Budgetgrenze liegen. Das betrifft im Fall der zweiten Managerebene bei Stinnes selbst den preiswertesten 5er-BMW. So steuern bei dem Unternehmen viele Abteilungsleiter einen A4 oder A6 von Audi.

Ranghohe Manager schmücken sich gern mit der E-Klasse von Mercedes-Benz oder einem 5er-BMW. Darunter müssen die mittleren Audi-Reihen, 3er-BMW, Mercedes-C-Klasse, Opel Vectra oder Ford Mondeo genügen - und natürlich der VW Passat Kombi. Die Wolfsburger stellen auch bei Dienstwagen den "Volkswagen"; der Passat ist das am häufigsten georderte Flottenmodell.

Die Dominanz heimischer Hersteller belegt nicht nur die Vorliebe hiesiger Manager für deutsche Marken. Sie ist auch Auswirkung etlicher Dienstwagen-Ordnungen, die nur deutsche Fabrikate zulassen. Beispiel Ruhrgas: Bereichsleiter dürfen hier zwischen den Modellen BMW 318, Audi A4 und VW Passat wählen.

Immer mehr Regelungen werden aber gelockert. So rollt auch schon mal ein Renault, Alfa Romeo oder Peugeot auf den Firmenparkplatz.

Fast durchweg verboten bleibt den Managern jedoch die Anschaffung eines schicken Cabrios, Coupés oder gar eines Geländefahrzeugs.

Bus-Fahrer Gaul dürfte somit die Ausnahme unter den DienstwagenNutzern bleiben. Frank Scholtys

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n Königsklasse

Dienstwagen der Typen Mercedes-S-Klasse, 7er-BMW und Audi A8 sind hier zu Lande für Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer reserviert.

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n Obere Mittelklasse

Manager der ersten Führungsebene schätzen überwiegend den Komfort einer Mercedes-E-Klasse, eines 5er-BMW oder eines Audi A6.

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n Mittelklasse

Auf der zweiten Führungsebene dominieren Modelle der 3er-Reihe von BMW, der A4 oder der A6 von Audi sowie der VW Passat.

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Die beliebtesten Dienstwagen Deutsche Premiummarken beherrschen den Markt

Mercedes-Benz, BMW und Audi sind die Lieblingsmarken deutscher Topmanager. Fast ausnahmslos entscheiden sich die Chefs für eine S-Klasse (mittlere Reihe r.) oder E-Klasse (oben) aus Stuttgart, einen 7er oder 5er (mittlere Reihe l.) aus München oder für einen A8 oder A6 von Audi.

Im mittleren Management dominieren 3er-BMW, Audi A4 (untere Reihe r.) und Modelle aus Wolfsburg. Der VW Passat (untere Reihe l.) ist der am häufigsten gefahrene Fahrzeugtyp in deutschen Autoflotten. Importmarken wie Alfa Romeo, Volvo oder Peugeot haben gegen diese Übermacht einen schweren Stand.

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