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Ein Segen für die Alte Welt

Amerika wird eine europäische Macht bleiben, wie sie es seit 1945 ist. Appelle an antiamerikanische Ressentiments ändern an diesem Zustand nichts.
Von Klaus Harpprecht
aus manager magazin 3/2000

VON KLAUS HARPPRECHT

Die Vereinigten Staaten seien keine europäische Macht - Punktum, stellte William Pfaff, der brillanteste Kopf unter den amerikanischen Journalisten unserer Tage, mit lapidarer Entschiedenheit fest. Amerika hätte sich nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums aus der Alten Welt zurückziehen sollen, fuhr er fort. Dann wären heute die transatlantischen Beziehungen sehr viel gesünder.

Mr. Pfaff, der in Paris residiert, kann des (verhaltenen) Beifalls der Franzosen sicher sein. Auch außenpolitische Querdenker in der Bundesrepublik - wie Egon Bahr - werden nicht zögern, ihm zu applaudieren. Dennoch, er täuscht sich.

Wohl ist es wahr: Die West-Europäer begegnen der hegemonialen Weltmacht Amerika mit zunehmender und manchmal gereizter Skepsis - auch die Chefs der Finanz- und Industrieunternehmen, deren Interessen aufs Engste mit denen der Vereinigten Staaten verflochten sind. Man durfte Europas Topmanager getrost die Avantgarde der Amerikanisierung nennen. Nun regen sich auch in ihren Reihen Zweifel.

Zweifel, obwohl das deutsche Modell des rheinischen Kapitalismus, das so viele Jahrzehnte eine Balance zwischen den Mächten des Marktes und dem Verlangen nach sozialer Sicherheit garantierte, brüchig geworden ist. Zweifel, obwohl das japanische Ideal der kollektiven Harmonie, das dem pazifischen Inselreich eine so glorreiche Renaissance bescherte, längst aufgehört hat, weltweite Bewunderung herauszufordern; dem "Turbokapitalismus", der über den Erdkreis hinwegfegt, scheint Japan nicht gewachsen zu sein. Die sozialistische Ordnung, die in einem monströsen Bankrott zusammenstürzte, wird ohnedies von keinem aufgeklärten Geist mehr als eine Alternative betrachtet, über die nachzudenken sich lohnte.

Dennoch: Das Unbehagen an Amerika wächst. Welchen Aufwand an zäher Überredungskunst braucht es, den deutschen Kandidaten als Geschäftsführenden Direktor des International Monetary Fund in Washington zu etablieren. Zu oft reiben sich die europäischen Partner an der demonstrativen Überlegenheit auf, die von den Repräsentanten der transatlantischen Hypermacht so oft mit rüder, ja brutaler Entschlossenheit ausgespielt wird. Sie sind sich keineswegs sicher, dass die amerikanischen Bäume - wie die gigantischen kalifornischen Redwoods - tatsächlich in den Himmel wachsen.

Voller Misstrauen fragen die Bürger der Alten Welt, ob die riesige Kluft zwischen den Einkommensschichten, die in Amerika tiefer und tiefer wird, nicht eine Ideologie der Ressentiments nährt; ob es inmitten solch üppigen Reichtums erträglich ist, dass an die 40 Millionen Amerikaner ohne jeden Versicherungsschutz sind (den sie sich nicht leisten können); ob es angeht, dass eine neue Unterklasse der "working poor" entsteht, die von den Segnungen des nationalen Wohlstands ausgeschlossen ist.

Könnte die Superkonjunktur, von der die Börsenkurse (nicht nur in New York) zu schwindelnden Höhen emporgetrieben werden, nicht eines schwarzen Tages zu einem knirschenden Halt kommen? Wie lange funktioniert das Wachstum auf Pump? Wann stolpert die private Überschuldung in die Katastrophe? Wird eines Tages die Blase platzen? Wird die Weltwirtschaft, das Opfer überhitzter Träume, nicht am Ende in eine Depression gestürzt, in der uns Hören und Sehen vergeht?

Man fragt weiter, ob die politische Realität der Vereinigten Staaten der Verantwortung einer nahezu unangefochtenen Herrschaft über die Welt gewachsen ist. Die Kandidaten im Kampf um die Präsidentschaft bieten - mit der Ausnahme des demokratischen Ex-Senators Bill Bradley - den Eindruck bedrückender Mediokrität. Für den republikanischen Hoffnungsträger George Bush junior sind die Probleme der fremden Kontinente böhmische Dörfer: Bisher erwies er sich kaum als gelehriger Schüler seines weltpolitisch erfahrenen Vaters, sondern eher als ein texanischer Populist, der lieber Köpfe rollen lässt als Köpfe um sich zu sammeln. Vizepräsident Al Gore, immer noch der aussichtsreichste Bewerber unter den Demokraten, muss sich - nach acht Jahren im Schatten Clintons - verzweifelte Mühe geben, ein eigenes Profil zu gewinnen: Gefangener seiner berüchtigten Langeweile, die immerhin als halbwegs solide gilt. Über die behände Intelligenz seines Chefs im Weißen Haus verfügt er nicht.

Der Kongress aber verharrt in einer provinziellen Verengung, die den Aufgaben einer Weltmacht weder gewachsen noch würdig ist. Eine deprimierende Schar von Abgeordneten und Senatoren, denen mit dem Ende der Sowjetunion der Feind abhanden gekommen ist, überlässt sich der gefährlichen Neigung, in China den großen Popanz zu sehen, den man ohne Hemmungen hassen kann.

Jesse Helms, der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Senat - ein bigotter Nationalist -, drohte dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, er werde die Weltorganisation finanziell ausbluten lassen, wenn sie es wage, sich amerikanischen Interessen entgegenzustellen. Dieser raunzende Kleingeist aus North Carolina, der ein Meister der Obstruktion ist, fand sich nur unter fragwürdigsten Auflagen bereit, wenigstens einen Teil der Milliardenschuld, die sein Land bei der Uno hat, bezahlen zu lassen.

Überdies schockierte der Senat die Verbündeten wie die Gegner, als er in einem Taumel parteiischen Hochmuts dem Vertrag über das Verbot von nuklearen Tests die Ratifizierung verweigerte: dies im Angesicht der indischen und pakistanischen Atomversuche. Es fügt sich ins Bild, dass die Regierung ein Raketenabwehrsystem zu installieren gedenkt, das den bestehenden Abkommen widerspricht.

Natürlich wäre es zu wünschen, dass die Welt ein halbwegs verlässliches Gleichgewicht fände. Aber wie soll das zugehen? China ist der fast unlösbaren Herausforderung konfrontiert, immense Probleme zu bändigen, die überdies einander den Weg verlegen: die wirtschaftlichen Energien des Milliardenvolkes produktiv zu entwickeln, zugleich die Gesellschaft dem Gehorsam gegenüber der allmächtigen Partei zu unterwerfen und das Riesenreich vor zentrifugalen Tendenzen zu bewahren. Die Versuchung ist groß, aus den inneren Spannungen in äußere Abenteuer zu flüchten: Das prosperierende Taiwan stellt eine stete Versuchung dar. Also sind die Vereinigten Staaten aus dem Auftrag einer asiatischen Ordnungsmacht nicht entlassen.

Russland, der kranke Koloss, der noch immer die Menschheit vernichten kann, rettet sich unter dem einstigen Geheimdienst-Apparatschik Putin aus den Bedrückungen seiner Schwäche, seines Elends, seiner Demütigung in einen trotzigen Nationalismus. Die Macht der Generale wächst. Jelzin scheute sich nicht, am Ende seiner Amtszeit mit den Atomwaffen zu rasseln. Sein Nachfolger verschärfte die Doktrin der Nuklearstrategie.

Das heißt aber: Die Nato hat sich nicht überlebt. Es braucht nach wie vor eine militärische Präsenz der Vereinigten Staaten - selbst für die Zähmung begrenzter Konflikte, wie die Krise auf dem Balkan bewies. Die Amerikaner bestritten mehr als zwei Drittel der Kampfeinsätze im Kosovo-Krieg, und die technische Unterlegenheit der europäischen Partner trat auf blamable Weise ans Tageslicht.

Um ihre Rückständigkeit auszugleichen und endlich aus eigener Kraft handlungsfähig zu werden, beschlossen die Regierungs- und Staatschefs der Europäischen Union in Helsinki, bis zum Jahre 2003 eine schnelle Eingreiftruppe von 50 000 bis 60 000 Soldaten zu mobilisieren. Das "Europa der Sicherheit" beginnt eine Realität zu werden. Es könnte ein gewaltiger Schritt nach vorn sein, der europäischen Konföderation entgegen.

Aber er macht die Nato nicht völlig überflüssig, und er entlässt die USA nicht aus den Pflichten der Führungsmacht. Von einem Gleichgewicht kann keine Rede sein, solange die Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Staaten um 40 Prozent unter denen der Vereinigten Staaten verharren (und - laut Verteidigungsminister Cohen - nur 10 Prozent der amerikanischen Leistungsfähigkeit aufweisen).

Überdies suchen die neuen Mitglieder der Nato im europäischen Osten (samt den potenziellen Kandidaten) Sicherheit gegenüber dem unheimlichen russischen Nachbarn nicht bei der Europäischen Union, sondern bei den Vereinigten Staaten. Die Polen, die Tschechen, die Ungarn fühlen sich geschützter, auch das zählt noch immer, wenn sie nicht auf die Partnerschaft mit Deutschland angewiesen sind - trotz der ausgleichenden Nähe Frankreichs und Großbritanniens.

Mit anderen Worten: Amerika wird eine europäische Macht bleiben, wie sie es seit 1945 sei - zum Segen der Alten Welt. Der Appell an antiamerikanische Ressentiments, denen sich nicht nur die Franzosen gern überlassen, ändert an diesem Zustand nichts. u

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