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Drei Musketiere

DaimlerChrysler: Das Management des Konzerns steht vor einer kaum zu meisternden Herausforderung.
Von Jörg Schmitt und Frank Scholtys
aus manager magazin 2/2001

Die Weihnachtsbotschaft versprach Hoffnung. Ja, man gehe 2001 bei Chrysler schweren Zeiten entgegen, räumte DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp (56) im hauseigenen Fernsehen ein. Aber wenn Dieter Zetsche (47), der neue Chrysler-Vorsteher, einen guten Job mache, sei Ende des Jahres "ein Silberschweif am Horizont" zu sehen.

Mit solchen Durchhalteparolen macht Schrempp wohl auch sich selbst Mut. Erstmals in seiner Karriere sind dem Macher die Hände gebunden, liegt das Wohl des Konzerns nicht mehr allein an seinen Fähigkeiten als Deal-Maker.

Die Akquisitionen - von Detroit Diesel bis Hyundai - sind eingefädelt. Ob Schrempps hochfliegende Pläne jedoch von Erfolg gekrönt sein werden, hängt nun vom operativen Geschick seiner Adjutanten ab.

Wie die Musketiere für ihren König ziehen Zetsche, Rolf Eckrodt (58) und Eckhard Cordes (50) für Schrempp ins Gefecht. Ihre Missionen in Amerika und Asien müssen gelingen - sonst sind Schrempps Tage als Konzernchef gezählt.

Den heikelsten Job hat Zetsche. Im November als Troubleshooter nach Auburn Hills entsandt, soll der Mercedes-Mann die US-Sparte sanieren.

Zetsche weiß: Auf lange Sicht hängt sein Erfolg davon ab, ob Chrysler mit neuen, attraktiven Modellen Kunden zurückgewinnen kann - aber gerade an tollen Autos mangelt es. Nur der PT Cruiser, in Nordamerika zum "Car of the Year" gewählt, und der neue Jeep Liberty gelten als Hoffnungsträger.

Der deutsche CEO muss so schnell wie möglich ein Gefühl für die Bedürfnisse seiner US-Klientel entwickeln. In jeder freien Minute setzt sich Zetsche ans Steuer eines Chrysler-Fahrzeugs, er testet die eigenen Erlkönige und fährt am Wochenende mit Autos der Konkurrenz durch die Vororte Detroits.

Doch es scheint ein Spiel wie das von Hase und Igel zu sein. Während Zetsche noch testet, greifen Konkurrenten wie Honda und Toyota den US-Autobauer mit neuen Modellen an - ausgerechnet im einst hoch profitablen Stammgeschäft mit Geländewagen und Großraumlimousinen.

Mit Autos wie dem Honda-Odyssey-Minivan und dem Lexus RX 300 Offroader jagen die Japaner Chrysler wie auch die amerikanischen Mitstreiter Ford und General Motors. Schlimmer noch: Weil der US-Automarkt in den nächsten beiden Jahren schrumpfen wird, kommt es zu einem knallharten Verdrängungswettbewerb. Der Druck auf die Margen nimmt weiter zu.

Chrysler steht ein bitteres Jahr bevor. In den vergangenen beiden Quartalen fuhr die Daimler-Sparte rund 1,8 Milliarden Dollar Miese ein. Nach Ansicht von Insidern könnten die Verluste im Jahr 2001 auf fast zwei Milliarden Dollar steigen.

Kurzfristig bleibt Zetsche nichts anderes übrig, als die Kosten massiv zu senken. Der Auto-Enthusiast aus dem jetzt so fernen Möhringen muss sich in Detroit zunächst einmal als feinfühliger Diplomat beweisen. Mit der US-Autobauergewerkschaft UAW verhandelt er über Personalabbau und Werksschließungen. Den Zulieferern will er Preissenkungen abringen.

Von einem schnellen Turnaround, wie von Schrempp noch im vergangenen Herbst vorausgesagt, ist keine Rede mehr. Zetsches Mission wird mindestens drei Jahre dauern - sofern bis dahin die Aussicht auf einen erfolgreichen Abschluss anhält.

Strategisch kaum weniger wichtig sind die Aufgaben von Schrempps Mitstreitern Eckrodt und Cordes in Asien. Der neue Daimler-Nutzfahrzeugchef Cordes muss dort die Angriffe des Lkw-Bauers Volvo abwehren. Gern würden die Schweden ihre Option auf 19,9 Prozent der Anteile an Mitsubishis Lkw-Sparte nutzen und darüber hinaus die Mehrheit an diesem Bereich erwerben.

Cordes setzt aber darauf, dass sich Volvo zurückzieht. Grund für den Optimismus: Die Schweden dürften bei Mitsubishi eine Rolle als Juniorparter der Stuttgarter kaum akzeptieren. Die Entscheidung fällt 2001.

Noch ganz am Anfang seiner Mission steht Rolf Eckrodt (siehe Kasten rechts). Schrempps Statthalter in Tokio muss zunächst seine Position gegenüber den japanischen Managern festigen, ehe er darangehen kann, den gigantischen Schuldenberg von rund 18 Milliarden Dollar abzubauen und Synergien mit Chrysler anzuschieben.

Kein Zweifel, Schrempps Dreigestirn steht ein schweres Jahr bevor. In der Konzernzentrale ist die Stimmung mau. Wegen der Chrysler-Verluste und des dramatisch gesunkenen Aktienkurses fürchten Manager und Ingenieure um Gewinnbeteiligungen und Aktienoptionen.

Die Anspannung ist so groß, dass gute Nachrichten aus dem Haus DaimlerChrysler kaum noch Beachtung finden. Etwa die Meldung, dass im vergangenen Jahr in Deutschland erstmals mehr Fahrzeuge der Marke Mercedes als des Massenherstellers Opel verkauft wurden. Mercedes steht in der Zulassungsstatistik auf Platz zwei hinter Volkswagen. Die Börse jedoch honorierte das nicht.

Jörg Schmitt/Frank Scholtys

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