Frauen in Familienfirmen Noch 50 Jahre bis zur Parität in den Vorstandsetagen

Nur 8,3 Prozent Frauen arbeiten in der Geschäftsführung der 100 größten Familienunternehmen. Das zeigt der neue Bericht der AllBright-Stiftung. Die Schwarz-Gruppe und Fressnapf schneiden besonders schlecht ab. Sollten die Familienfirmen ihr Tempo beibehalten, wäre die Parität erst 2072 erreicht.
Besser als der Schnitt: Der Autozulieferer Continental hat mit Katja Dürrfeld (im Bild) und Ariane Reinhardt zwei Frauen im fünfköpfigen Vorstand. 68 der Top100 Familienunternehmen haben dagegen ausschließlich Männer in der Führung

Besser als der Schnitt: Der Autozulieferer Continental hat mit Katja Dürrfeld (im Bild) und Ariane Reinhardt zwei Frauen im fünfköpfigen Vorstand. 68 der Top100 Familienunternehmen haben dagegen ausschließlich Männer in der Führung

Foto: Continental

Sie gelten als Herz des Mittelstandes und sehen es als ihre Pflicht, gesellschaftlich verantwortlich zu wirtschaften: Familienunternehmen. Ihre Bemühungen um Chancengleichheit und Diversität lassen dabei jedoch zu wünschen übrig: In der Geschäftsführung der 100 umsatzstärksten deutschen Familienunternehmen arbeiteten am 01. März dieses Jahres nur 8,3 Prozent Frauen, wie der neue Bericht der AllBright Stiftung zeigt.

"Damit werden Familienunternehmen ihrem selbst gesteckten Anspruch nicht gerecht", erklärt Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der deutsch-schwedischen Stiftung, die sich für mehr Vielfalt einsetzt. "Selbst die Daxkonzerne sind da schon weiter, und deren Zahlen sind im internationalen Vergleich auch deutlich unter dem Durchschnitt." Bei den 160 an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen liegt der Anteil von Frauen in der Geschäftsführung bei 14,3 Prozent.

Familienunternehmen verlieren den Anschluss

100 größte Familienunternehmen
8,3 %

160 Unternehmen in DAX, MDAX, SDAX
14,3 %

Frauenanteil in den Geschäftsführungen bzw. den Vorständen der 100 größten deutschen Familienunternehmen und der 160 an der Frankfur ter Börse notierten Unternehmen am 1. März 2022 im Vergleich

Die meisten der 100 größten deutsche Familienunternehmen sind bereits in der zweiten, dritten oder vierten Generation im Familienbesitz. Nur vereinzelte Firmen werden operativ noch von ihren Gründern geführt, die meisten anderen von angestellten Geschäftsführern. Die Auswahl für Spitzenjobs ist damit längst nicht mehr auf weibliche oder männliche Nachkommen beschränkt. Sie können aus einem großen Pool an Fachkräften schöpfen aus dem auch die 160 Börsenunternehmen ihre Führungskräfte rekrutieren - treffen seit Jahren aber eine andere Wahl.

"Traditionsreich und frauenarm"

Im März 2020 untersuchte die AllBright-Stiftung erstmals den Frauenanteil innerhalb der größten deutschen Familienunternehmen und hielt als Diagnose damals fest, dass diese "traditionsreich und frauenarm" seien. Der Frauenanteil betrug damals sieben Prozent und hat sich in den vergangenen zwei Jahren kaum verändert. "Das hat uns wirklich überrascht", erklärt die AllBright-Geschäftsführerin.

Dabei gab es nicht weniger Neubesetzungen als in den Unternehmen des DAX, MDAX und SDAX. Die seit dem 1. März 2020 neu rekrutierten 126 Personen in den Geschäftsführungen der Familienunternehmen sind fast alle familienfremde Führungskräfte, nur zwei Personen kamen aus den Eigentümerfamilien.

Die Chance für mehr Diversität war da, doch Familienunternehmen scheinen weiterhin auf Vertrautes und Altbewährtes zu setzen: Männermannschaften.

Männlich, deutsch, über 50

Das durchschnittliche Geschäftsführungsmitglied in den 100 größten Familienunternehmen ist zu 92 Prozent männlich, zu 87 Prozent deutsch, 1967 geboren und hat zu 79 Prozent eine Ausbildung in Westdeutschland absolviert. "Dass den Firmen dann das Zusammenspiel verschiedener Perspektiven fehlt, versteht sich von selbst", so Ankersen.

Stefan ist dabei der häufigste Name in den Geschäftsführungen der Familienunternehmen und er stellt am liebsten Personen ein, die ihm sehr ähnlich sind – besonders in Krisenzeiten wie den letzten zwei Jahren: Lag der Frauenanteil bei den Neurekrutierungen zwischen 2019 und 2020 noch bei 22 Prozent, hat er sich im Zeitraum zwischen 2020 und 2022 fast halbiert und liegt nur noch bei 12 Prozent. "Diversität ist an der Unternehmensspitze noch nicht verankert und fällt in der Krisen dann als erstes unter den Tisch", erklärt Ankersen den Rückgang. Am extremsten ist diese Entwicklung bei den Unternehmen, die zu 100 Prozent in Familienbesitz sind: hier wurden in den vergangenen 2 Jahren mehr Personen mit dem Vornamen Stefan in die Geschäftsführung berufen, insgesamt sieben, als Frauen, insgesamt fünf.

Familienfremde Akteure steigern den Frauenanteil

Je höher die Transparenz und der Einfluss familienfremder Akteure, desto höher ist der Frauenanteil in der Geschäftsführung. Von den 100 größten Familienunternehmen sind 19 an der Frankfurter Börse notiert und die Familie hält einen signifikanten Anteil der Aktien, beispielsweise BMW, Continental oder Henkel.

Der Frauenanteil in den Geschäftsführungen dieser börsennotierten Familienunternehmen ist mit 16,4 Prozent deutlich höher als beim Durchschnitt der Familienunternehmen. Am schlechtesten schneiden die 70 Unternehmen ab, die sich zu 100 Prozent in Familienbesitz befinden: hier gibt es nur 4,8 Prozent Frauen in den Geschäftsführungen.

Schwarz-Gruppe und Fressnapf sind reine Männer-Veranstaltungen

Der Tiernahrungsspezialist Fressnapf und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) schneiden am schlechtesten ab. Die beiden Unternehmen haben große Geschäftsführungsteams von jeweils zehn und neun Mitgliedern. Keiner der Posten ist dabei von einer Frau besetzt. "Das muss man im Jahr 2022 schon erklären, wie da wirklich keine einzige geeeigete Frau gefunden werden konnte", so Ankersen. Als Hoffnungsträger nennt sie Henkel und Haniel. Die Familien hätten die vielfältige Weiterentwicklung schon fest im Kopf verankert. "Sie wollen bis 2025 Parität in den Führungspositionen erreichen, das ist ambitioniert."

Frauenanteil in der Geschäftsführung

Je höher die Transparenz und der Einfluss externer Akteure, desto höher ist auch der Frauenanteil in der Geschäftsführung:

4,8 % beträgt der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der Familienunternehmen, die zu 100 Prozent in Familienbesitz sind.

19,8 % beträgt der Frauenanteil in den Vorständen der 40 großen DAX-Unternehmen.

Familienunternehmen kämpfen immer mit der Herausforderung, Tradition und Wandel in ihrer Firma zu vereinen. "In den letzten Jahren gab es allerdings kein bisschen Wandel, sondern nur die Fortführung von veralteten Führungskonzepten", so Ankersen. Es sei wichtig, den Schritt nicht zu verpassen und für Top-Führungskräfte nicht als Arbeitgeber zweiter Wahl zu gelten. "Die besten Köpfe fühlen sich in einer offenen Unternehmenskultur wohler und ziehen weitere vielfältige Talente an."

Noch 50 Jahre bis zur Parität

Sollten Sie ihr Tempo der vergangenen zwei Jahre beibehalten, wird der Wandel vor allem langwierig. Bis ein 50:50-Verhältnis von Männern und Frauen in der Geschäftsführung erreicht ist, dauert es in den 100 größten Familienunternehmen 58 Jahre. In den 160 Unternehmen im Dax, MDax, SDax noch 17 Jahre.