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manager unterwegs Die Schlafkabine

Kontrolle ist gut, Entspannung ist besser. Beides zusammen geht leider nicht.
aus manager magazin 12/2008

So, denkt Achtenmeyer, mit scharfem "S" und kurzem "O", die Kerze brennt, das Tannenzweigerl schmiegt sich malerisch an ihren roten Bauch, dann kann's ja losgehen mit dieser Relax-Kiste. Er kuschelt sich in die reinweiße Bettwäsche seiner "Napcab", eine der neuen Schlafkabinen am Flughafen München. Entwickelt von Studenten der TU München für Business-Traveller, die tote Zeit nicht auf harten Sitzen im Gate verbringen, sondern sich entspannen möchten. Entspannung also. Actually hat er die zu keiner Jahreszeit nötiger als jetzt, da alle Welt nur Glühwein und Besinnlichkeit im Kopf hat sowie Glocken, die süßer nie klingen. Achtenmeyers Kopf dagegen ist voll mit Jahresabschlüssen, forecasts und change requests. Am schlimmsten ist die Weihnachtsfeier, jedes Jahr der gleiche nightmare mit Zimtaroma. Und das, obwohl er sich eigentlich als kontaktfreudiger big linker begreift. Das Problem ist: Die Zeitungen strotzen vor Ratschlägen, wie sich Mitarbeiter dem Vorgesetzten gegenüber während der Festivität verhalten sollten (nicht duzen, nicht küssen, keine Bitte um Gehaltserhöhung). Zum Verhalten als Chef hat er nichts gefunden. Ein grundlegender downside unserer Zeit, die unzählige Optionen, aber kein vernünftiges manual anbietet. Das Leben, übt sich Achtenmeyer als Philosoph, ist wie ein Ikea-Regal: Die Anleitung ist unverständlich, und es sind immer zu wenige Schrauben da. Oder zu viele. Jedenfalls hat er ständig das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.

Letztes Jahr etwa hat sich Frau Schnitzel über seinen Scherz bezüglich Weihnachtsfeier und Beckenbauer nicht gerade ausgeschüttet vor Lachen. Rückblickend wäre der harmlose Spaß besser angekommen, wenn Achtenmeyer den Gürtel geschlossen gehalten hätte. Aber nachdem ihm im Jahr zuvor Sauertöpfischkeit attestiert worden war, wollte er halt einen humorigen footprint hinterlassen. Solch peinliche Erinnerungen sind leider nicht sehr entspannungsfördernd. Seufzend setzt er sich an den Arbeitsplatz, um seine alljährliche Weihnachts-Dinnerspeech zu aktualisieren. Erster Satz: "Wieder liegt ein erfolgreiches Jahr hinter uns." Achtenmeyer streicht "erfolgreich". Hm. "Wieder liegt ein Jahr hinter uns." Inhaltlich absolut korrekt, dennoch irgendwie unbefriedigend. Müßig checkt er Börsennews per Blackberry, sieht den Aktienkurs seiner company und muss vor Schreck an seine forecasts denken. Er ersetzt "erfolgreich" durch "schwierig". Das ist bitter, hat aber den Vorteil, dass er zumindest diesen Satz im nächsten Jahr gleich übernehmen kann. Der Nachteil ist: Von Entspannung ist Achtenmeyer jetzt weiter entfernt als China von Demokratie. Sogar seine schöne Kerze erinnert ihn in der kleinen Kammer plötzlich an ein Grablicht. Vielleicht war es ein Fehler der "Napcabs"-Gründer, Schlummerkammern mit Handyempfang anzubieten. Zumindest eine Relax-Gebrauchsanweisung sollten sie beilegen. u

Schallgedämpfte Napcabs: Bett, Arbeitsplatz, Musik- und Filmauswahl, Licht- und Klangeffekte. Eine Stunde 15 Euro, circa 80 Euro pro Nacht. Flughafen München, im Sicherheitsbereich von Terminal 2. Buchung und Zahlung per Kreditkarte. Telefon: 0 89/122 21 64 37. www.napcabs.com

Schallgedämpfte Napcabs: Bett, Arbeitsplatz, Musik- und Filmauswahl, Licht- und Klangeffekte. Eine Stunde 15 Euro, circa 80 Euro pro Nacht. Flughafen München, im Sicherheitsbereich von Terminal 2. Buchung und Zahlung per Kreditkarte. Telefon: 0 89/122 21 64 37. www.napcabs.com

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