Handel im Wandel Die größten Lebensmittelhändler in Europa - wer herrscht und wer jetzt angreift

Deutsche Lebensmittelriesen wie Aldi, Rewe, Lidl oder Edeka dominieren das Ranking der größten Lebensmittelhändler Europas. Doch sie bekommen immer stärkere Konkurrenz von digitalen Herausforderern aus USA und China, die zudem stark wachsen. Ein Überblick.
Lidl-Markt: Die Schwarz Gruppe ist der größte Lebensmittelhändler in Europa

Lidl-Markt: Die Schwarz Gruppe ist der größte Lebensmittelhändler in Europa

Foto: Matthias Balk/ picture alliance / dpa

Für die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland)  ist das Corona-Jahr 2020 bislang mehr als ordentlich verlaufen. Nach Schätzungen des Fachblatts "Lebensmittel Zeitung (LZ)"  dürfte der Bruttoumsatz in diesem Jahr um rund 12 Prozent auf knapp 140 Milliarden Euro steigen - und damit noch stärker als im Jahr 2019. Mit einem Marktanteil von 5,4 Prozent verteidigt der Handelsriese, der mit seinen Lidl-Märkten in Großbritannien und Südeuropa kräftig expandiert, die Pole-Position als größter Lebensmittelhändler Europas. Aktuell kommt der Konzern auf 12.492 Märkte in Europa - Tendenz steigend. Die Corona-Krise hat zwar den stationären Einzelhandel in eine schwere Krise gestürzt, den Lebensmittelhändlern aber einen Schub verschafft. Sie sind systemrelevant, denn gegessen wird immer. Anlass für Lidl-Gründer Dieter Schwarz, der naturgemäß zu den reichsten Deutschen  gehört, auch in den USA kräftig zu expandieren .

Auch die weiteren drei deutschen Branchengrößen Rewe, Aldi und Edeka dürften ihren Umsatz in diesem Jahr deutlich steigern, wie aus dem Ranking der "LZ" hervorgeht. Die Schätzungen per Ende des dritten Quartals basieren auf Euro-Umsätzen und berechnen alle Warengruppen sowie den stationären wie auch den Online-Handel ein. Auf Basis dieser Prognose sind die vier deutschen Platzhirsche unter den Top 7 der größten Lebensmittelhändler Europas vertreten und dominieren damit die europäische Spitzengruppe: Rewe schafft - auch durch kräftige Zukäufe und Übernahmen - ein Umsatzwachstum von rund 30 Prozent auf 82 Milliarden Euro. Mit rund 13.000 Märkten und einem Marktanteil von 3,2 Prozent sichert sich die Rewe Group Platz 3 im Ranking, knapp vor der britischen Tesco (Platz 4).

Aldis Wachstum schwächelt

Der ehemalige deutsche Marktführer Aldi kommt mit einem prognostizierten Bruttoumsatz von 71 Milliarden Euro auf Platz 5: Bei Aldi wächst der Umsatz europaweit nur noch um rund 7 Prozent - da man im Heimatmarkt Deutschland kaum noch Wachstumschancen sieht, setzt man auch in Essen auf die Expansion in europäische Nachbarländer. Mit nur noch 2,8 Prozent Marktanteil sichert sich Aldi noch den fünften Platz knapp vor dem französischen Handelsriesen Carrefour (Platz 6). Auf Platz 7 folgt dann bereits der vierte deutsche Handelsriese, Edeka, derseinen Bruttoumsatz 2020 um rund 6 Prozent auf 65 Milliarden Euro steigern dürfte. Die französische und britische Konkurrenz Leclerc, Auchan und Sainsbury's wird damit auf die Plätze 8, 9 und 10 verwiesen.

Starkes Online-Wachstum: Amazon klettert auf Platz 2, Alibaba auf Rang 22

Doch der Blick auf die traditionellen Konkurrenten wie Tesco, Carrefour, Auchan oder Sinasbury's reicht für die deutschen Lebensmittelriesen nicht aus. Bereits der Blick auf Platz 2 des Rankings offenbart, welche neuen Konkurrenten die Branche nicht nur angreifen, sondern sie auch zu überrollen drohen: Der Online-Handelsriese Amazon hat mit Angeboten wie "Amazon Fresh" seinen Bruttoumsatz in Europa um 21 Prozent auf 103 Milliarden Euro gesteigert - das ist mehr als dreimal so viel Umsatz wie vor drei Jahren, als Amazon auf Platz 10 im Ranking landete. Mit einem Umsatzwachstum von rund 30 Prozent verzeichnet der US-Konzern mit Abstand das stärkste Wachstum unter den 15 umsatzstärksten Konzernen, wenn man von dem übernahmebedingten Umsatzsprung bei der Rewe Group einmal absieht. Amazon ist als Angreifer in der Branche nicht neu - aber das Wachstum des US-Konzerns ist auch im Bereich Lebensmittel so stark, dass er die Regeln für die gesamte Branche neu schreibt. Wer seine digitalen Verkaufsstrategien nicht weiter ausbaut, dürfte sehr bald aus den Top-10 herausfallen.

Zumal Amazon kein Einzelfall ist. Der chinesische Online-Handelsriese Alibaba hat sich als Neueinsteiger aus dem Stand auf Rang 22 des Rankings katapultiert - mit einem rasanten Wachstum von 24 Prozent auf rund 22 Milliarden Euro Umsatz in Europa in diesem Jahr. Bereits im kommenden Jahr dürfte Alibaba seinen Marktanteil von derzeit knapp 1 Prozent deutlich ausgebaut haben und unter den Top 15 in Europa landen.

Zu den wenigen Lebensmittelriesen, die im Jahr 2020 einen Umsatzverlust erlitten haben, gehört die Metro mit einem Rückgang von 22 Prozent auf knapp 30 Milliarden Euro Umsatz (Platz 14). Die deutschen Einkaufsketten Tengelmann und dm , die mit jeweils rund 12 Milliarden Euro Umsatz auf den Plätzen 35 und 36 rangieren, haben immerhin noch ein zartes Umsatzplus geschafft - wobei dm derzeit deutlich stärker wächst, während die Tengelmann-Eignerfamilie Haub vor allem mit Erbstreitigkeiten beschäftigt ist. Auch in diesem Rennen dürfte die Digitalstrategie den Ausschlag über den künftigen Erfolg geben.

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