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Kolumne Die doppelte Rendite von Vertrauen

Menschliches Fehlverhalten führt nicht selten geradewegs in die Pleite.
Von Jürgen Kluge
aus manager magazin 6/2008

MEHR VERANTWORTUNG! Höhere ethische Standards! Solche Forderungen werden in jüngster Zeit immer massiver an Unternehmen und ihre Manager herangetragen. Unsere Wirtschaft leidet unter einer Vertrauenskrise - nicht nur auf den globalen Finanzmärkten. Vor allem das Fehlverhalten Einzelner bis hin zu illegalen Praktiken hat die Öffentlichkeit auf den Plan gerufen. "Building Trust" hieß vor Jahren schon das Leitmotiv beim World Economic Forum in Davos. Davon ist bis heute nicht viel zu spüren, im Gegenteil. Tatsächlich laufen wir Gefahr, dass die Mehrheit der Menschen das Vertrauen in unser ökonomisches System verliert. Dann geriete nicht nur unser aller Wohlstand ins Wanken, sondern die Basis des Wirtschaftens an sich.

Internationale Studien zeigen: Je mehr die Menschen in einem Land einander vertrauen, desto glücklicher und wohlhabender sind sie. Für die Wirtschaftswelt gilt Ähnliches, fand das World Economic Forum heraus: Je ethischer das Verhalten der Unternehmen und je geringer die Korruption, desto höher das Bruttoinlandsprodukt. Vertrauen beschert den Menschen also Glück und Wohlstand - mit anderen Worten: Vertrauen rentiert sich doppelt.

Warum aber sind auch Unternehmer und Manager auf Vertrauen so dringend angewiesen? Weil Wirtschaft - spieltheoretisch betrachtet - nichts anderes ist als ein "kooperatives Spiel". Man sieht sich eben wirklich nicht nur einmal im Leben. Alle nachhaltig erfolgreichen ökonomischen Beziehungen basieren auf Vertrauen und auf Kooperation. Besäßen Unternehmenslenker nicht ein Mindestmaß an Zutrauen, dass sich die Vertragspartner auch an den Geist der Verein- barungen halten, würde kaum jemand von ihnen Geschäfte machen wollen.

Konsumenten gehen hier sogar noch weiter. Sie verlangen nicht mehr nur hochwertige, fehlerfreie Produkte zum niedrigen Preis, sondern auch, dass sich Unternehmen über ihr ökonomisches Interesse hinaus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Eine von McKinsey in Europa, Asien und den USA durchgeführte Studie hat gezeigt, dass je nach Land zwischen 50 und 90 Prozent der Konsumenten schon einmal den Kauf eines Produkts oder einer Dienstleistung abgelehnt haben, weil sie gesellschaftliche Interessen durch den Anbieter missachtet sahen.

Vertrauen entsteht durch Glaubwürdigkeit. Imagekampagnen und Spenden für wohltätige Zwecke reichen dazu nicht aus. Unternehmen müssen ihren Gesellschaftsvertrag erfüllen - nicht bloß auf dem Papier. Sondern durch gute Produkte und Dienstleistungen, die auf verantwortungsvolle Weise produziert werden, durch die Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsplätze und durch nachhaltiges Wirtschaften, das den Wohlstand sichert. Nur so gewinnen Unternehmen das Vertrauen, das sie benötigen, um auf Dauer erfolgreich zu sein.

Unternehmen scheitern weniger an fehlerhafter Organisation oder falscher Strategie als vielmehr am Fehlverhalten von Menschen. Ein Drittel der Unternehmenskrisen lässt sich auf individuelles Versagen zurückführen, während schlechte Unternehmensstrategien oder Markteinflüsse eine vergleichsweise geringe Rolle spielen und überdies leichter korrigierbar sind. Menschliches Fehlverhalten hingegen führt nicht selten geradewegs in die Pleite. Ein gutes Viertel der 20 größten Unternehmensinsolvenzen des letzten Jahrzehnts sowohl in Deutschland als auch in den Vereinigten Staaten ging auf das Konto illegaler Machenschaften Einzelner. Meist handelte es sich um Betrug, Bilanzfälschung oder Steuerhinterziehung.

Fälle wie diese bleiben nicht folgenlos. Unternehmer und Manager stehen zunehmend unter Beobachtung, und sie sind sich dessen wohlbewusst. Laut einer aktuellen McKinsey-Umfrage glauben mehr als 95 Prozent der Führungskräfte, dass die Erwartungen der Gesellschaft an die soziale Verantwortung von Unternehmen gestiegen sind, und zwei Drittel gehen davon aus, dass der Druck weiter steigen wird. Viele wissen indessen nicht, wie sie mit den neuen Anforderungen umgehen sollen. Rund die Hälfte der Befragten sieht sich vor Zielkonflikte gestellt, hervorgerufen durch die unterschiedlichen Interessen ihrer Stakeholder und die widerstreitenden Vorstellungen in der Welt darüber, was gute Corporate Social Responsibility ausmacht. Hinzu kommt: Ein solches Engagement lässt sich nur schwer messen und noch schwerer mit dem Unternehmenserfolg in Verbindung bringen.

Um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden, setzen die meisten Unternehmen derzeit auf PR-Kampagnen und Lobbyarbeit. Dass dies auf Dauer nicht genügt, ist ihnen klar. Weitergehende Maßnahmen, wie die Entwicklung neuer Ethikregeln, halten viele Manager auch selbst für die besseren Instrumente, um ihr Image zu verbessern und in der Öffentlichkeit mehr Vertrauen zu gewinnen. So möchten 17 Prozent der Unternehmen umweltfreundlicher werden.

An guten Einsichten und noch besseren Vorsätzen fehlt es also nicht in der deutschen Wirtschaft. Jetzt müssen den Plänen nur noch Taten folgen. u

Prof. Dr. Jürgen Kluge ist Director bei McKinsey & Company und Leiter der Initiative "McKinsey bildet".

Prof. Dr. Jürgen Kluge ist Director bei McKinsey & Company und Leiter der Initiative "McKinsey bildet".

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