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Die Auswanderung hat längst begonnen

Demographie: Die wirtschaftlichen Folgen der schrumpfenden Zahl der Bundesbürger (mm 12/2000)
aus manager magazin 2/2001

"Nur die Furcht vor der Auswanderung der Jungen wird die Alten davon abhalten, die Jungen auszubeuten", schreiben Sie. Leider sieht die Realität bereits anders aus - die Auswanderung der Jungen hat längst begonnen. Viele sehr gut ausgebildete Deutsche haben Deutschland bereits Richtung USA oder London verlassen oder planen dies.

Für eine wachsende Zahl global ausgebildeter und ausgerichteter deutscher Professionals ist Deutschland auf keiner Ebene konkurrenzfähig: hohe Steuern, ein einer Enteignung gleichkommendes Rentensystem, die bekannte Servicewüste (Stichwort: Ladenschluss), schlechtes Wetter, aktuelle und empfundene Kriminalität in Ballungszentren (Stichwort: Frankfurt Bahnhof), um nur einige Beispiele zu nennen.

Zwar kann Deutschland am Wetter nichts ändern, aber die anderen Faktoren lassen sich stark verbessern - wenn man nur will. Immigration könnte natürlich eine Emigration von Deutschen auffangen, aber dazu müssten die Einwanderungsquoten für ausländische Fachkräfte drastisch erhöht werden.

Bis dies geschieht, werde ich hier in New York wohl weiterhin Bewerbungen indischer Kandidaten erhalten, die als Teil ihrer exzellenten Ausbildung auch ein bis zwei Jahre an deutschen Unis verbracht haben, aber niemals in Deutschland arbeiten durften. Schade für Deutschland, dass sie nun in die US-Rentenkassen und -Steuersäckel einzahlen.

Dr. Michael Froehls, New York

Das "Patentrezept" (Mehr-) Arbeit für Junge, Frauen und Alte wird nicht greifen. Es ist unbestritten, dass die heutigen Senioren durchschnittlich aktiver und befähigter sind; ob sie ihre Selbstverwirklichung im Alter an der Arbeitsstätte erleben wollen, scheint jedoch fragwürdig.

Wie der Ethnologe und Kulturhistoriker Hans Peter Duerr sagt, ist der Feminismus auf so viel Zustimmung gestoßen, "weil der Markt die unabhängige, selbstständige Konsumentin braucht und eben nicht die sich aufopfernde Frau als Geliebte und Mutter". Weiterhin in diese Kerbe zu schlagen und die Frau - durch moderne Klischees - noch verstärkter zu mehr Arbeit, weg von der Familie zu orientieren, wird in der Konsequenz das Geburtenproblem nicht entschärfen.

Die wenigen arbeitenden Jungen werden sich eine "Gerontokratie" nur so lange gefallen lassen, bis ihnen klar geworden ist, dass alle ihr Abgaben von den Senioren ruck, zuck verfrühstückt werden und nichts für ihre Altersvorsorge bleiben wird. Diesen kognitiven Prozess schätze ich als kurzfristig ein.

Gunter Albrecht, Gengenbach

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