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Die 100 reichsten Deutschen

Superreichtum: Wer sind sie - jene 100 Menschen und Familien, die mit ihren Unternehmen, ihren Ländereien oder Wertpapieren zu den Wohlhabendsten im Lande gehören? Das mm-Ranking (ab Seite 68) bietet eine bunte Mischung von altem Vermögen und neuem Reichtum, von untätigen Erben und aktiven Unternehmern, von bekannten und weniger bekannten Namen.
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 2/2001

"It''s all about bucks, kid. The rest is conversation."

Gordon Gekko, "Wall Street"

Über Reichtum wurde viel geschrieben, doch selten in so guter Besetzung: Diesmal treten neben den Quandts auch Stammesangehörige der Kwakiutl auf, in Nebenrollen der Philosoph George Bataille und ein Narwal und gegen Ende, schreibe und schäm dich, natürlich und warum nicht: Gunter "Häschen" Sachs. Selbst Thomas Haffa darf in einem kecken Rückblick seiner tollen Milliarden ein weiteres, ärgerliches Mal verlustig gehen.

Es bleibt zunächst festzuhalten, dass es der Milliardär als solcher immer noch schwer hat. Selbst wenn er ganz versteckt und friedlich vor sich hin lebt, gönnt ihm die Mehrheit in der unförmigen Gestalt der breiten Masse seinen Reichtum noch immer nicht so ganz.

Doch der Mensch lebt ja nicht vom Neid allein. Eindringlich warnte uns schon der Ökonom Friedrich A. von Hayek: ,,Wenn der Neid bestimmte außergewöhnliche Lebensformen unmöglich macht, werden wir am Ende alle eine materielle und geistige Verarmung erleiden."

Die außergewöhnliche Lebensform, ein Häufchen Milliarden zu besitzen, ist eine einsame Angelegenheit und selten ein Exzess. Jedenfalls, wenn wir glauben, was wir über die Albrecht-Brüder auch nicht wissen, nämlich wie sie ihre Tage verbringen in ihrer großen, weißen Villa auf Teneriffa und anderswo.

Wer hätte je die Boehringers oder die Engelhorns dabei erwischt, wie sie sich vor großem Publikum in Ruhm, so feucht, und Luxus, so knisternd, aalten? Alles volkstümliche Wahnvorstellungen. Folklore.

Und selbst wenn die Verschwendung sich in Taumel und Orgien ihre Ventile suchte, selbst wenn die vom Schicksal oder sonst was Begünstigten diamantene Bonbons wie tausend glitzernde Sternenbilder unters Volk würfen - ja und? Schad'' doch nix. Ein Leo Kirch oder eine Heidi Horten-Charmat erfüllen mit ihren Milliarden eine Mission tiefsten Sinns und höchster Sinnlichkeit: Sie sind die Fixpunkte einer fantastischen, Funken sprühenden Fantasie vom Himmel auf Erden, vom Oben und vom Unten, vom Glück und vom Pech. Sie sind der Norden und der Süden aller Gier.

Die Erfüllung ihrer Aufgabe wird in der zeitgenössischen Spaß- und Quatschgesellschaft freilich immer komplizierter: Irgendwo zwischen Cash & Carry und Cartier ging dem Saus & Braus das Rätsel, dem Nabob das Geheimnis aus.

Wachsenden Trost spendet den Unbetuchten die Lehre vom abnehmenden Grenznutzen. Was die Anhänger dieser Theorie lächeln lässt, ist die Gewissheit, dass der subjektive Nutzen einer Sache abnimmt, je mehr von ihr zur Verfügung steht. Jeder Biertrinker weiß das.

Der Grenznutzen entfaltet seine Wirkung auch beim Geldmachen selbst: Die erste Milliarde mag Status und Prestige noch mehren, die zweite auch - doch dann wird''s zunehmend nutzlos. Von guter alter Triebbefriedigung kann keine Rede mehr sein.

Über 500 000 Vermögensmillionäre gibt es in Deutschland. Jeden Tag kommen sieben hinzu. Alle können sich, wenn sie nur ehrgeizig genug sind, noch ein Ziel stecken: die Erste Liga der 100 Milliardäre.

Allein die fünf reichsten Clans in Deutschland - die Familien Albrecht, Engelhorn, Mohn, Otto und Herz - verfügen über ein Vermögen von geschätzten 124 Milliarden Mark (siehe Ranglisten und Porträts ab Seite 68). Das ist so viel wie 320 000 Haushalte mit einem Nettovermögen von 390 000 Mark. Grenze hin, Nutzen her.

Was liegt jenseits des Staunens, das einen vor so vielen Abermilliarden durchschauert? - Die Ungeheuer der Maßlosigkeit und reine, nackte Metaphysik samt VWL-Proseminar: Superreichtum ist nicht nur unvermeidlich, sondern nötig.

Als Belege für die Notwendigkeit des Mehr-als-man-Braucht, führt der Publizist Hans Magnus Enzensberger die Farbenorgie tropischer Schmetterlinge an und das Horn des Narwals, auch die hübsch geringelten Stoßzähne des Mammuts.

Ethnologen berichten in Luxuszusammenhängen gern und ausführlich von den amerikanischen Kwakiutl-Indianern, die in einem Ritual namens Potlatsch den Häuptling eines feindlichen Stammes durch den Wert ihrer Geschenke demütigten: Der Wettstreit gipfelte nicht selten in der Vernichtung der Präsente, Kerzen, Fisch oder Walfischöl. So was muss man sich erst mal leisten können.

Eines ist gewiss, politische und wirtschaftliche Macht beruht auch auf der Fähigkeit zur Verschwendung und auf einem staunenden Publikum, das sich davon hinreißen lässt.

Ob Kwakiutl oder Quandt - ein rätselhaftes kosmisches Gesetz zwingt die Menschen offenbar, die Grenzen jedes Nutzens ständig zu übertreten und sich in Lustbarkeiten notfalls zu ersäufen. Weder die Angst vor Verlust noch vor Revolutionen kann sie bremsen. Welchen Sinn hat das? Nützlichkeitserwägungen, wie sie orthodoxe Anhänger der Grenznutzenlehre so sehr schätzen, greifen beim Thema Geld offensichtlich zu kurz.

Dass Susanne Klatten, geborene Quandt, ihre geschätzten 13 Milliarden Mark nicht braucht, dass sie eine Milliarde davon ohne weiteres verschenken könnte, ohne die geringste Schmälerung ihres Lebensstandards nur zu spüren und ohne auch nur den Geist irgendeines Gesetzes zu verletzen - dies wird notfalls auch die nette Frau Klatten gern bestätigen. Nur die wenigsten sind zufrieden, wenn sie haben, was sie brauchen. Alle anderen wollen mehr. Diese Gier, die Leben in Luxus verwandeln soll, ist nicht nur ärgerlich, sondern, wie der Soziologe Werner Sombart mutmaßte, eine der Ursachen für die Entstehung des Kapitalismus selbst.

Dass die Reichen dieser These vorbehaltlos zustimmen, wundert dabei am wenigsten. Trotz aller ästhetischen Vorzüge, die ein Lotterleben in Ekstase bieten mag, sind die Kreationen dieser Räusche indes so sinnlos fürs menschliche Überleben wie das Panorama der New Yorker Skyline. Wenn die Mystik des Geldes sich ausdrückt, dann nur als Form.

Der französische Philosoph George Bataille erkannte das "beherrschende Ereignis" der Weltgeschichte gar in der "Entwicklung des Luxus, der Erzeugung immer kostspieligerer Lebensformen".

Dies zu erkennen ist gar nicht so einfach. Man erinnert sich an den Frankfurter Bankierserben Tom Koenigs, der Anfang der 70er Jahre den ihm unnatürlich erscheinenden Zustand, stinkreich zu sein, dadurch beendete, dass er sein Erbe den harten Jungs vom Vietcong schenkte. So viel zum Thema "Dümmste Katharsis".

Zivilisation und Zeiten haben sich geändert: Seit Mitte der 90er Jahre machte sich auch in Deutschland jene sentimentale Hochachtung und jenes ehrfürchtige Pathos für den Scharf- und Geschäftssinn der Business-Class breit. Dem Zusammenbruch des Kommunismus folgte der Börsenboom der 90er Jahre - und beides zusammen entfesselte den unbedingten Reflex fürs schnelle Geld.

Ideologien, mit deren Hilfe sich Unersättlichkeit geschliffen geißeln ließe, stehen nicht mehr zur Verfügung. Nicht mal mehr ein Proletariat.

Was früher noch als sozialer Skandal galt und immer wieder zu nervösen Aufständen führte - die Prunk- und Genusssucht der Leisure Class -, dem begegnet die Welt der Satten nur mehr mit amüsierter Gleichgültigkeit und Millionenshows auf RTL.

Welche glücklichen Umstände das Leben der Stabreim-Diadochen Mick und Muck (Flick) erleichtern, mit welchen Requisiten sie es schmücken und mit welchen Exzessen sie es krönen, ist den Leuten herzlich Wurscht; keiner mühevolleren Betrachtung wert als eines Blicks in "Gala".

Weiteste Reisen, allerbestes Essen, Aktiendepots - man hat''s ja selbst. Erstmals in der Geschichte des Abendlands hat niemand mehr ernstlich etwas gegen Reiche einzuwenden. Auch nicht gegen ihren Hang zur Exzentrik. "Großer Reichtum", sagt Jürgen Espenhorst, Volkswirt an der Universität Münster, "steigere Verhalten", spitze es zu, verwandele Sparsame in Geizige, Bescheidene in Asketen und Dumme in Angeber.

Haarsträubende Akteure des Müßiggangs wie Gunter Sachs bleiben die Ausnahme und erinnern die Volksmassen heute allenfalls noch daran, dass niemand jünger wird, auch Playboys nicht. Geschäftemacher wie der Börsen-Schnellverdiener Thomas Haffa zeigen, dass aller Zaster, kunsthistorisch gesehen, zum Illusionismus zu rechnen ist.

Als Symbol der Grenzenlosigkeit bieten die reichsten Reichen ein ex-orbitantes Schauspiel der Zurückgezogenheit (die Albrechts), der Unsichtbarkeit (die Engelhorns) der Askese (die Mohns), des Unbekannten (die Reimanns).

Woher rührt die vornehme Zurückhaltung? Sicherlich bereitet Geldhaben heutzutage nicht mehr so viel Spaß wie weiland, als die Ernstauguste noch Narren halten, Gesetze machen, Lakaien knechten konnten. Als Distinktion noch möglich war. Aber heute? Gibt es eine sinnvolle Methode, Milliarden auszugeben?

Das Vermögen der Allerreichsten, sagt Reichtumsforscher Espenhorst, sei "Lenkungsgeld", ein Abstraktum: Es strömt, es fließt, es schwillt. Der Bundesfinanzminister verfügt über Lenkungsgeld, die Albrechts, die Boehringers auch. Stellen wir also ein letztes Mal fest, dass es der Milliardär als solcher schwer hat. Selbst wenn er ganz versteckt und friedlich vor sich hin lebt. Wohlstand und Wohlergehen können weit auseinander liegen.

Nicht die Missgunst verleidet dem Superreichen das Dasein, sondern ein Reichtum, für den es nichts mehr zu kaufen gibt. Eine Seifenblase, die in die Nacht aufsteigt. Ein embarras de richesse. Ein großer Triumph der Grenznutzenlehre. Klaus Boldt

Auf den folgenden Seiten: Kurzporträts und Rang-listen der 100 reichsten Deutschen.

----------------Methode

Bei allen Vermögensangaben des manager-magazin-Rankings "Die 100 reichsten Deutschen" handelt es sich ausdrücklich um Schätzungen.

Bewertungsgrundlage sind ausführliche Recherchen bei Vermögensverwaltern und etlichen anderen Insidern der Hochfinanz sowie in Archiven und Registern.

Unter Vermögen wird verstanden: Grund- und Immobilienbesitz, Firmenbeteiligungen, Aktienvermögen (Kurs 1. 1. 2001), Kunstsammlungen, Stiftungsvermögen und so weiter.

Familien, deren Mitgliederzahl kaum überschaubar ist, wie etwa bei den Werhahns oder den Henkels, konnten in der Liste der 100 reichsten Deutschen in den meisten Fällen nicht berücksichtigt werden.

Auf den folgenden Seiten: Kurzporträts und Rang-listen der 100reichsten Deutschen.

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