Unter Deutschlands jüngsten Unternehmern "Ich schaue in den Spiegel und sehe die Persönlichkeit, die mich erfüllt"

Amir Gdamsi ist 16 Jahre alt, hat zwei Unternehmen gegründet und sagt von sich, dass er 90 Stunden pro Woche arbeitet. Neben der Schule. Kann das gut gehen?
Chef mit 16: Jungunternehmer Amir Gdamsi

Chef mit 16: Jungunternehmer Amir Gdamsi

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Patrik Temme

Es ist kurz nach 16 Uhr, Amir Gdamsi (16) ist zu spät. Sein Kunde, Inhaber eines Autohauses in Dortmund, wartet schon. Kurzes Abklatschen. "Moin, alles klar?" Dann schaltet Gdamsi in den Businessmodus. "Ich habe eine neue Strategie aufgebaut – wir müssen mehr Content-Kuratierung und Crowdsourcing betreiben." Gdamsi spult Fachwort an Fachwort herunter, der Autohausbesitzer nickt.

Amir Gdamsi ist 16 Jahre alt, Schüler und seit zwei Jahren Unternehmer. Unter Deutschlands jüngsten Unternehmern, wie Gdamsi selbst betont. Jeden Tag nach der Schule hastet er zu Kunden. "Zuerst habe ich ihn nicht ernst genommen, schließlich bin ich fast 30 Jahre älter", sagt der 44-Jährige Autohausbesitzer. "Aber der Junge ist in kein typischer Teenager." Er ist inzwischen begeistert von dem Jungunternehmer.

Für seinen Traum zeigt Gdamsi vollen Einsatz. Er arbeite 90 Stunden in der Woche, sagt er. Neben der Schule. Gerade hat er sein zweites Start-up gegründet. Wie geht das? Und geht das gut?

Die Anfänge des Jungunternehmers

Zwei Jahre ist es her, dass Amir Gdamsi seine Berufung fand. Er bekommt damals einen Brief, eine Einladung für ein Event, bei dem sich junge Gründer Schülern vorstellen. Gdamsi, Bezirksschülervertreter von Dortmund, fährt ohne große Erwartungen hin. Doch dann ist er elektrisiert. "Der Karriereweg eines Unternehmers, das selbstständige und freie Handeln, die Aufmerksamkeit – das hat mich gereizt", sagt Gdamsi heute.

Damals beschließt er, Unternehmer zu werden. Doch mit 14 Jahren ist er noch gar nicht geschäftsfähig. Seine Eltern, das Jugendamt, die Schulleitung müssen zustimmen. Vor Gericht. Aber Gdamsi ist überzeugt. Er sei mit der Schule nicht ausgelastet gewesen, sagt er heute, habe einen sehr guten Notendurchschnitt gehabt. "Ich habe einen IQ von 130 und ich beabsichtige, meine Fähigkeiten auszuschöpfen."

Als er zuhause von seiner Idee erzählte, ist seine Mutter skeptisch. "Ich bin mir nicht sicher gewesen, ob Amir das neben der Schule schafft", sagt sie. Doch die Euphorie ihres Sohnes und das Versprechen, die Schule nicht zu vernachlässigen, überzeugen Marta Gdamsi. Auch das Jugendamt prüft – und lässt sich überzeugen. Die Schulleitung aber bleibt skeptisch, will nicht zustimmen. "Ich nehme kein Blatt vor den Mund und spreche auch Dinge aus, die der Schule nicht passen", sagt Gdsami. Schließlich aber stimmt nach einem Gespräch auch der Schulleiter zu.

Die erste Gründung

Nun ist der Weg frei. Gdamsi gründet die Marketingagentur AGM. Jeden Tag nach der Schule fängt sein Arbeitsalltag an, nun schon seit zwei Jahren. Gdamsi ist damit heute sehr zufrieden. "Ich schaue in den Spiegel und sehe die Persönlichkeit, die mich erfüllt", sagt der 16-Jährige.

Sein Businessplan besteht anfangs darin, Webseiten für kleinere Unternehmen zu bauen und Social-Media-Kanäle zu steuern. Heute ist das nur noch ein kleiner Baustein. Gdamsi hilft mit seinen vier Mitarbeitern Unternehmen, Personal zu gewinnen, vor allem junges Personal – in Zeiten zunehmender Knappheit an Fachkräften. Die vier festen Mitarbeiter der Agentur sind dabei kaum älter als der 16-jährige Chef. "Mit 24 ist man bei uns schon alt", sagt Gdamsi lachend.

Bis zu 90 Stunden Arbeit in der Woche – neben der Schule: Gdamsi mit Laptop

Bis zu 90 Stunden Arbeit in der Woche – neben der Schule: Gdamsi mit Laptop

Foto: Patrik Temme

Während seine Kunden manchmal noch darüber nachdenken, Stellenzeigen in der Zeitung zu schalten, weiß Gdamsi, wo sich seine Generation bewegt: in den sozialen Medien. Für die Kunden betreut seine Firma Social Media Kanäle, erstellt Webseiten und Werbefilme, schaltet Anzeigen. Offenbar sind die Kunden dabei bereit, einige Nachlässigkeiten zu verzeihen: Auf Gdamsis eigener Webseite finden sich eine Reihe Rechtschreibfehler.

Dennoch könnte das Unternehmen dauerhaft Erfolg haben, sagt der Experte für Unternehmensgründungen, Andreas Kuckertz. "Wenn das Start-up mit seinem Angebot junge Zielgruppen für Unternehmen zugänglich macht, dann ist auch das junge Alter der Mitarbeiter eine große Stärke." Nach eigenen Angaben macht Gdamsi mit dem Geschäft aktuell monatlich einen Umsatz im fünfstelligen Bereich.

Eine weitere Idee

Die Selbstständigkeit liegt Amir Gdamsi in den Genen: Seine Mutter hat ein Café, sein Vater leitet ein Handelsunternehmen, einen Lebensmittelladen und eine Immobilienfirma. Auch Amir Gdamsi ist ein Unternehmen nicht genug. Vor einigen Monaten hat er zusammen mit Noah Trojanowski (19) sein zweites Start-up gegründet: Breams.

Die beiden Gründer vermieten Werbeflächen, die mit dem Fahrrad transportiert werden. Als Noah Trojanowski für die Bundestagswahl in diesem Jahr kandidierte, suchte er Hilfe bei AGM Marketing. Dort kamen die beiden auf die Idee, Werbeplakate nicht einfach nur aufzuhängen, sondern mit dem Fahrrad durch die Stadt zu transportieren. Jeder habe sich nach dem Plakat umgedreht, erzählt Gdamsi. Von da an war klar: "Die Idee muss vermarktet werden".

Werbung auf dem Fahrrad: Die zweite Unternehmensidee von Gdamsi

Werbung auf dem Fahrrad: Die zweite Unternehmensidee von Gdamsi

Foto: Amir Gdamsi

Gdamsi hat sich nach eigenen Angaben mit der Marketingagentur ein großes Unternehmensnetzwerk aufgebaut und konnte einige Kunden auch von seiner neuen Idee überzeugen – unter anderem die Volksbank und die Stadt Dortmund. Seit der Gründung starte Breams bisher jede Woche eine Kampagne. Die mobile Werbung kostet 100 Euro pro Tag. Ob das lukrativ ist? Den Druck übernimmt Breams, auch die Fahrer müssen noch bezahlt werden. "Viel bleibt da nicht mehr übrig", sagt Gdamsi.

So groß ist die langfristige Chance der Start-ups

Christine Volkmann, Professorin für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung an der Bergischen Universität Wuppertal, ist trotzdem verhalten zuversichtlich, was die Startups von Gdamsi angeht. "Beide Unternehmensgründungen haben Erfolgschancen". Zwar gebe es bereits sehr viele Agenturen für digitales Marketing – aber kaum welche, die von Personen geleitet werden, die so intensiv mit den sozialen Medien aufgewachsen sind, beziehungsweise noch damit aufwachsen. Und auch Breams sei eine innovative, kreative Geschäftsidee. Fraglich sei allerdings, ob sich damit langfristig Geld verdienen lasse, wenn das Geschäftsmodell nicht noch weiter ausgebaut werde.

Bleibt die Frage: Ist das zu schaffen – gleichzeitig Unternehmer und Schüler zu sein? "Manchmal weiß Ich selbst nicht, wie ich alles unter einen Hut bekommen soll", sagt Gdsami. Er arbeite etwa 90 Stunden die Woche, 12 Stunden täglich, auch am Wochenende. Zwar versuche er so oft es geht den Kopf mit Sport freizubekommen, doch selbst dafür fehle ihm oft die Zeit. "Nicht jeder würde diesem physischen Druck standhalten."

Unter dem Druck ist inzwischen eingetreten, was Gdamsis Mutter vor zwei Jahren fürchtete. War Amir früher ein sehr guter Schüler, sind seine Noten heute nur noch durchschnittlich. Er habe keinen freien Kopf für die Schule, sagt er. Während des Unterrichts beantworte er E-Mails, denke über seine Geschäfte nach. Und nach der Schule arbeite er jeden Tag noch bis 23 Uhr.

Trotzdem beabsichtigt der 16-Jährige weiterzumachen. Als Nächstes plane er, genau wie sein Vater, in das Immobiliengeschäft einzusteigen, sagt er. Nach seinem Abitur möchte er International Management studieren. "Ich habe viele Ideen für neue Gründungen – aber ich muss noch die Zeit finden, die umzusetzen."

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