Sanierungskonzept DB Cargo neben der Spur

Die Deutsche-Bahn-Managerin Sigrid Nikutta will die Güterverkehrstochter DB Cargo auf Wachstumskurs bringen. Eine Herkulesaufgabe. Erste Ideen hat sie nun präsentiert.
DB-Vorstand Sigrid Nikutta


DB-Vorstand Sigrid Nikutta

Foto: Friso Gentsch / dpa

Die Deutsche Bahn nimmt neuen Anlauf, den Güterverkehr aus den roten Zahlen zu holen. "Wir werden größter Bahnlogistiker Europas", kündigte die Chefin der Gütersparte DB Cargo, Sigrid Nikutta (51), vollmundig an. Das Angebot soll erweitert werden, um mehr Kunden ohne Gleisanschluss Transporte anbieten zu können. Dienstleistungen rund um das Gleis in der Bahnlogistik - spätestens Mitte der 20er Jahre dieses Jahrhunderts soll der chronisch defizitäre Güterverkehr wieder profitabel sein.

Eine Herkulesaufgabe - denn die Finanzlage des größten deutschen Staatskonzerns ist so schlecht wie nie seit der Bahnreform 1994. In diesem Jahr droht nicht nur, aber auch wegen der Corona-Krise ein Milliardenverlust, die Fahrgastzahlen erholen sich nur langsam. Über die Lage ließ sich am Mittwoch der Aufsichtsrat informieren. Beschlüsse wurden aber nicht bekannt.

Das neue Cargo-Konzept stand derweil schon am Dienstag auf der Tagesordnung einer Strategie-Sitzung. Dazu gehört etwa die Stärkung des teuren und aufwendigen Einzelwagenverkehrs. Dabei werden einzelne Waggons beim Kunden abgeholt, in Rangierbahnhöfen zu langen Zügen zusammengeschlossen und am Zielort wieder einzeln weiter transportiert. Bislang mussten die Kunden dafür einen Gleisanschluss vorhalten. Das soll sich nun ändern.

"Wir werden sehr stark reingehen in das Thema 'Abholen beim Kunden', natürlich, wenn er einen Schienenanschluss hat, aber auch, wenn er eben keinen hat", sagt Nikutta. Die Managerin, die einst die Berliner Hochbahn führte, legt Wert darauf, dass ihr Konzept als Wachstumsprogramm verstanden wird, nicht als Sanierungskonzept, heißt es in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Ziel: Weniger Einzelwaggons auf der Schiene

Damit das Konzept funktioniert, sollen neue Umschlagterminals gebaut werden, wo Güter von der Straße auf die Schiene verladen werden können. Außerdem will die DB-Cargo-Chefin Partnerschaften mit anderen Dienstleistern eingehen, etwa beim Betrieb der Terminals. Auch will Nikutta die Zusammenarbeit mit der DB-Tochter Schenker intensivieren.

Geplant sind beispielsweise auch sogenannte Übernachtverbindungen zwischen einzelnen deutschen Wirtschaftszentren. Kunden könnten demnach einzelne Waggons einstellen, die beim Kunden abgeholt und dann zu Zügen zusammengestellt und dann zum Empfänger gebracht werden. Damit sollen Fahrten von einzelnen Waggons, die als unrentabel gelten und für hohe Verluste bei DB Cargo sorgen, reduziert werden. Pro Tag rollen dem "Handelsblatt" zufolge 10.000 beladene und 8000 unbeladene Waggons im Einzelwagenverkehr durch Deutschland. Eine erste dieser Verbindungen sei zwischen Hamburg und Köln eingerichtet worden, Hauptkunde sei Coca-Cola, heißt es. Bis Mitte nächsten Jahres sollen noch weitere Verbindungen folgen.

Die Gewerkschaften fürchten indes eine Auslagerung von Arbeit an Dritte, um Kosten zu sparen. Das Thema spielt auch bei den derzeit laufenden Tarifverhandlungen mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG eine Rolle. Die Cargo-Sparte mit ihren rund 30.000 Mitarbeitern zählt seit Jahren zu den Sorgenkindern im Konzern. Im vergangenen Jahr wurden 232 Millionen Tonnen Güter transportiert. Seit 2010, als es noch 415 Millionen Tonnen waren, geht die Menge zurück. 72 Prozent der Verkehrsleistung im bundesweiten Güterverkehr erbringen Lastwagen; für mehr Klimaschutz soll diese Quote sinken.

Hoher Investitionsbedarf

Die neue Strategie ist verbunden mit hohen Investitionen in neue Technik wie modulare Güterwaggons und die digitale automatische Kupplung. Derzeit müssen Güterwaggons noch per Hand aneinander gekoppelt und kontrolliert werden. Das ist teuer, zeitaufwendig und nicht ungefährlich. Bis 2030 soll das nun automatisch funktionieren. Das bedeutet jedoch, dass europaweit rund 500.000 Güterwaggons umgerüstet werden müssten. Die Kosten dürften nach bisherigen Angaben dazu zwischen 6,5 und 8,5 Milliarden Euro liegen. Auf der nächsten Aufsichtsratssitzung im Dezember soll Nikutta ihr Programm erläutern und mit konkreten Zahlen beziffern, auch wie hoch der Investitionsbedarf ist.

Der Bund hat der Deutschen Bahn in der Vergangenheit viele Milliarden Euro an Eigenkapitalerhöhungen zugesagt - zuletzt rund fünf Milliarden Euro aufgrund der Corona-Krise. Diese Mittel sollen ausschließlich in die Infrastruktur fließen. Die Güterkonkurrenten der Bahn haben aber die EU-Kommission kontaktiert. Sie fürchten, dass mit dem Geld vor allem der bundeseigene Konzern zulasten der Wettbewerber gefördert wird.

Der Umsatz der Deutschen Bahn sank konzernweit in den ersten sechs Monaten dieses Jahres stark. Die Erlöse schrumpften um 11,8 Prozent auf 19,4 Milliarden Euro. Für das gesamte Jahr wird mit Einbußen in ähnlicher Höhe gerechnet. Die Bahn rechnet mit einem operativen Verlust fürs Gesamtjahr von 3,5 Milliarden Euro.

akn/dpa
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