Michael Machatschke

Deutsche Bahn Genug von der Chauvi-Schiene

Michael Machatschke
Ein Kommentar von Michael Machatschke
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Digitalvorständin Sabina Jeschke verlässt die Bahn. Das zeigt erneut: Die Konzern-Spitze hat ein Problem mit Frauen in Führungspositionen.
Enttäuschte Digitalchefin: Ende Mai schmeißt Sabina Jeschke bei der Bahn hin

Enttäuschte Digitalchefin: Ende Mai schmeißt Sabina Jeschke bei der Bahn hin

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Kappeler/ picture alliance/dpa

In schweren Zeiten wie der aktuellen Pandemie halten viele Führungskräfte erst recht an ihrem Job fest – wer weiß schon, ob sich anderswo noch eine passende Stelle fände? Umso erstaunlicher, das Bahn-Digitalvorständin Sabina Jeschke (52) per Ende Mai hinschmeißt. Ihr Vertrag galt noch bis Ende 2025. Als versierte Digitalexpertin dürfte sie bald eine andere Beschäftigung finden. Doch hinter dem Cut stecken offenbar weniger ihre Karrierepläne, sondern der Frust über das, was ihr bei der Deutschen Bahn widerfahren ist. Mit ihr ist erneut eine Managerin am latenten Chauvinismus der Bahn-Spitze gescheitert.

Von Anfang an nahmen die führenden Herren – Vorstandschef Richard Lutz (56) sowie Netz- und Politvorstand Ronald Pofalla (61) – sie offenkundig nicht ernst. Um das wichtigste Tech-Projekt der Bahn, die Digitalisierung der Schiene, dufte sie sich nicht kümmern. Statt der Maschinenbau-Professorin übernahm der gelernte Jurist und Sozialpädagoge Ronald Pofalla die Aufgabe – und genoss sichtlich die vielen PR-Termine, die mit diesem aufwendigen Vorhaben verbunden sind.

Und von Anfang an zeichneten hohe Konzernkreise ein Bild von ihr, das die Quereinsteigerin als schrullig abwertete. Dazu gehörte die endlos strapazierte Anekdote, dass die Neue zum Amtsantritt in ihrem Bürotrakt einen grünen Teppich – angeblich Kunstrasen – habe verlegen lassen. Sollte wohl heißen: Wer so aus dem Rahmen fällt, kann gar nichts sein!

Sabina Jeschke mag auch selbst Fehler gemacht haben, zu wenig Aufmerksamkeit in alltägliche Probleme der Bahn gesteckt haben. Doch viele Indizien belegen, dass es weibliche Topkräfte bei dem Staatsunternehmen besonders schwer haben.

Nikutta und Bohle wurden auch Opfer des Chauvinismus

Das hat auch Sigrid Nikutta (51), heute Vorständin für Güterverkehr, erlebt. Die Führungsspitze um Lutz und Pofalla unternahm schier alles, um sie fernzuhalten. Sogar eine große Rochade im Vorstand spielten sie durch, um zu verhindern, dass Nikutta zur Bahn kommen kann. Sachliche Einwände gegen die energische Managerin – vor der DB erfolgreich Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe – waren nicht zu vernehmen. Vielmehr ein allgemeines Unbehagen über eine furchtlose Frau, die die selbstgefällige Ruhe im Bahn-Tower stören könnte.

Eine Leidtragende der Chauvi-Tour dürfte auch die frühere Fernverkehrschefin Birgit Bohle (47) sein, die Anfang 2019 als Personalvorständin bei der Deutschen Telekom anheuerte. Einerseits ein Karriereschritt; der ihr andererseits wohl auch sehr gelegen kam. Bei der Bahn jedenfalls soll sie häufig bevormundet worden sein. Zudem wurde sie bei Negativereignissen vorgeschickt, für die sich Konzernvorstand Pofalla hätte verantworten müssen.

Dass die Herren der Bahn ein Problem mit Frauen in Führungspositionen haben, legten sie nicht zuletzt mit einem Brief offen, den sie im Juni an mehrere Ministerien schrieben. Lutz, Pofalla und Personalchef Martin Seiler wandten sich darin gegen Pläne der Bundesregierung, bei Staatsunternehmen eine Frauenquote für Führungskräfte von 50 Prozent einzuführen. Das Vorhaben sei "mit erheblichen negativen Auswirkungen verbunden", warnte das Trio. Weil Frauen für bestimmte Positionen schwer zu finden seien, drohe ein zusätzlicher Aufwand von 42 Millionen Euro jährlich. Eine absurde Rechnung, gerade für Bahn-Verhältnisse. Wer Milliarden durchbringt, wird kaum behaupten können, keine vergleichsweise lächerlichen Beträge für die Gleichberechtigung übrigzuhaben. Sofern die Summe überhaupt stimmt.

Die Crux der Bahn sind nicht die Frauen. Sondern die falschen Männer an der Spitze.