Michael Machatschke

Ende einer Irrfahrt Ronald Pofalla verlässt die Deutsche Bahn – und kommt damit seinem Rauswurf zuvor

Michael Machatschke
Ein Kommentar von Michael Machatschke
Ein Kommentar von Michael Machatschke
Der Netz-Vorstand Ronald Pofalla hat sich von der Deutschen Bahn zurückgezogen. Mit seinem Abgang reagiert der umstrittene Manager auf einen Machtverlust – und auf die Signale des neuen Verkehrsministers Volker Wissing.
Deutsche Bahn: Rückzug von Netz-Vorstand Ronald Pofalla

Deutsche Bahn: Rückzug von Netz-Vorstand Ronald Pofalla

Foto: Z5597 Robert Schlesinger/ dpa

Vorzeitige Abgänge von Topmanagern folgen fast immer einer festen – wenn informellen – Regel: die wahren Gründe dürfen auf keinen Fall genannt werden. Die aktuelle Mitteilung der Deutschen Bahn zum Rückzug von Netz-Vorstand Ronald Pofalla (62) hält sich daran. Pofalla, heißt es dort, räume seinen Posten per Ende April "aus persönlichen Gründen". Tatsächlich hatte er wohl vor einigen Wochen einen Schicksalsschlag in seinem persönlichen Umfeld zu verkraften, wie Weggefährten berichten.

Die Gründe für seinen eiligen Rückzug jedoch dürften andere sein. Mit seinem Abgang reagiert der umstrittene Manager offenbar auf einen schon Monate währenden Machtverlust, vor allem aber auf die sublimen Signale des neuen Verkehrsministers Volker Wissing (51), ihn ohnehin bald abzusetzen.

Die schwindende Fortüne Pofallas zeichnete sich bereits im vergangenen Herbst ab. Mit dem Regierungswechsel verlor er seinen wichtigsten Trumpf: enge Beziehungen zur Bundesregierung . Seit seinem Antritt bei der Bahn 2015 hatte der frühere Kanzleramtschef seine exzellenten Beziehungen zur Merkel-Regierung ausgespielt. Vor allem konnte er viele Milliarden zusätzlichen Steuergelds für die Bahn mobilisieren, freilich, ohne dass der Staatskonzern dadurch spürbar bessere Leistungen erbracht hätte. Auch für ihn selbst war einiges drin: Viel schneller als geplant stieg er zum Vorstand auf, mit der Infrastruktur-Sparte übernahm er den Kern des Konzerns und avancierte zum heimlichen Chef. Tauchten doch einmal lästige Rivalen auf, wie der zeitweilige Finanzvorstand Alexander Doll, waren sie bald schon wieder beiseite geräumt.

In seinem eigentlichen Metier hingegen blieb Pofalla jeden Erfolg schuldig. Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, dass er als Politiker einst selbst mit angetrieben hatte, eskalierte vollends zum Milliardengrab. Die Digitalisierung des Fahrwegs kam kaum voran, trotz prunkvoller Veranstaltungen. Versagen auch beim Management der vielen Baustellen im Netz. Sogar Konzernchef Richard Lutz (57) räumte unlängst intern ein, im vierten Quartal des vergangenen Jahres habe deswegen zeitweilig ein Verkehrskollaps gedroht.

Zur Reizfigur wurde Pofalla aber auch wegen seiner fragwürdigen Selbstdarstellung. Da inszenierte er sich bei Einweihungen aller Art als großer Wohltäter. Und tauchte ab, wenn etwas schiefging. Als etwa ein Eisenbahntunnel bei Rastatt kollabierte – mit verheerenden Folgen für den europäischen Güterverkehr – blieb der zuständige Vorstand über Wochen unsichtbar. Gerade dieses Doppelspiel hat Ronald Pofalla ein miserables Image eingebracht, besonders bei den Verkehrspolitikern der Ampelkoalition.

Wie wenig der neue Verkehrsminister offenbar von ihm hält, zeigt sich schon darin, dass Pofalla bis heute keinen Gesprächstermin bei Volker Wissing  gehabt haben soll. Stattdessen sandte der Minister sublime Signale, dass er die Bahn grundlegend reformieren will – ohne Pofalla. Getreu dem Koalitionsvertrag will Wissing eine neue, unabhängige Einheit schaffen, in der die Infrastruktur der Bahn gebündelt ist. Als deren Chef oder Chefin kommt nur eine neutrale Fachkraft infrage, keinesfalls aber ein Politiker und Strippenzieher wie Pofalla.

Dass es eng werden könnte für ihn, hat Ronald Pofalla offenkundig früh geahnt. Es soll maßgeblich er gewesen sein, der dafür sorgte, dass sein Vertrag im März 2021 vorzeitig um fünf Jahre verlängert wurde, ebenso die Kontrakte von Konzernchef Lutz und der eines weiteren Vorstands. Insofern hätte er nun einfach auf seine Demission warten und dann eine Abfindung in Millionenhöhe kassieren können. Mit dem freiwilligen Rückzug entfällt diese Option. Doch wieder tauchen Zweifel an der Selbstlosigkeit auf. In Gewerkschaftskreisen ist zu hören, Pofalla habe eine andere Stelle in Aussicht. Es scheinen also Arbeitgeber zu existieren, die Pofalla wertvolle Arbeit zutrauen. Nur nicht mehr bei der Bahn.