Verlust wohl höher als erwartet Bahn-Schulden steigen auf fast 30 Milliarden Euro

Schlimmer geht nimmer? Bei der Deutschen Bahn schon. Der Konzern hat im Corona-Jahr offenbar 5,7 Milliarden Euro Verlust eingefahren. Schon vor der Krise steckte die Bahn tief im Loch. Die FDP fordert nun Sofortmaßnahmen.
Schuldenturm wächst und wächst: Fällt Bahn-Chef Richard Lutz noch etwas ein?

Schuldenturm wächst und wächst: Fällt Bahn-Chef Richard Lutz noch etwas ein?

Foto: Soeren Stache/ dpa

Die Deutsche Bahn hat Konzernkreisen zufolge im vergangenen Jahr einen noch größeren Verlust eingefahren als befürchtet. Unter dem Strich stehe ein Rekordminus von 5,7 Milliarden Euro, sagten zwei Konzernvertreter der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Davon seien gut vier Milliarden Euro auf die Corona-Krise zurückzuführen.

So fuhren etwa im Fernverkehr mit ICE und IC nur noch halb so viele Passagiere wie 2019, im Nahverkehr waren es fast 40 Prozent weniger. Entsprechend schnellten die Schulden des Staatskonzerns nach oben: Ende 2020 beliefen sie sich auf mehr als 29 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatten sie 24 Milliarden betragen. Damals konnte die Bahn noch einen Nettogewinn von fast 700 Millionen Euro ausweisen.

Eine Sprecherin des Konzerns wollte sich dazu nicht äußern und verwies auf die Bilanzvorstellung nächste Woche. Hauptgrund für die Höhe des Minus ist, dass die Bahn ihr Angebot trotz drastisch gesunkener Passagierzahlen im Lockdown weitgehend aufrechterhalten hat. Dies war auch der Wunsch der Bundesregierung. Im Fernverkehr fuhren den Konzernkreisen zufolge nur noch 81 Millionen Menschen mit IC und ICE. 2019 waren es mit gut 150 Millionen fast doppelt so viele. Im Nahverkehr war der Rückgang nur etwas geringer. Allein für zusätzliche Hygiene wandte das Unternehmen über 100 Millionen Euro auf.

Corona allein taugt nicht als Ausrede

Den Konzernvertretern zufolge bezifferten die Wirtschaftsprüfer den Corona-Effekt so auf insgesamt 4,5 Milliarden Euro. Rund 400 Millionen Euro hätte die Bahn aus einem Hilfspaket der Regierung für den öffentlichen Nahverkehr bekommen.

Es wirkt fast, als trüge die Corona-Krise die Hauptschuld an dem schlechten Abschneiden der Bahn. Eine Analyse der Bundesnetzagentur kam zuvor zu einem anderen Ergebnis . Sie taxiert den Corona-Schaden für den gesamten deutschen Schienenverkehr 2020 auf 2,5 Milliarden Euro. Nach Abzug der Schäden bei den Wettbewerbern dürften gut zwei Milliarden Euro Extralast auf die DB entfallen – was deutlich macht: Mehr als drei Milliarden Euro Defizit haben Bahn-Chef Richard Lutz (56) und seine Mitstreiter ganz coronafrei aufgeschüttet. 2019 hatte die Bahn noch 680 Millionen Euro Gewinn ausgewiesen.

Umsatz so niedrig wie 2014

Robuster gegen die Corona-Krise zeigte sich das internationale Geschäft der Spedition Schenker, die etwa von dem gestiegenen Luftfracht-Aufkommen profitierte, wie ein Konzernvertreter sagte. Auch die Güterbahn DB Cargo habe sich vergleichsweise gut geschlagen. Daher sei der Umsatz des Gesamtkonzerns nur um rund zehn Prozent auf etwas unter 40 Milliarden Euro gesunken. Dennoch ist dies der niedrigste Umsatz seit 2014.

Der FDP-Verkehrsexperte Torsten Herbst verlangte eine schnelle Unternehmensreform: "Der schwindelerregende Schuldenstand macht deutlich, dass es bei der Deutschen Bahn kein 'Weiter so' geben darf." Der Konzern verfange sich in einer Schuldenspirale. "Es braucht jetzt einen schnellen Kassensturz zu den täglich steigenden Defiziten nach einzelnen Geschäftsbereichen und Sofortmaßnahmen zur Begrenzung der Schulden."

Bereits vor der Corona-Krise war die Bahn in massiven Schwierigkeiten und konnte ihre Investitionen aus eigenen Mitteln nicht mehr finanzieren. Im Schienengüterverkehr hat der einstige Fast-Monopolist mehr als die Hälfte der Marktanteile verloren. Der Verkauf der Auslandstochter Arriva, wo der Nahverkehr in Europa gebündelt ist, scheiterte. Die Bahn musste auf Arriva nun 1,4 Milliarden Euro abschreiben, was den Nettoverlust weiter erhöhte.

Milliardenabschreibung auf Arriva - doch auch operativ lief es schlecht

Aber auch das operative Ergebnis (Ebit) - also vor Zinszahlungen für Kredite und Steuern - lag mit fast drei Milliarden Euro in den roten Zahlen. In diesem Jahr soll es laut Mittelfristplanung noch rund 1,8 Milliarden Euro im Minus liegen. Erst für 2022 wird demnach wieder mit Gewinn gerechnet.

Die Bahn setzt daher auf eine Stützung durch den Eigentümer: So waren im Klimapaket elf Milliarden Euro bis 2030 als Eigenkapitalspritze in Aussicht gestellt worden. Dies wurde angesichts des Widerstands der EU auf die Hälfte gestutzt und soll in die Schienennetzsparte fließen. Aber bis jetzt sind diese Mittel ebenso wenig freigegeben wie eine zusätzliche Corona-Hilfe von fünf Milliarden Euro. Die Schienen-Konkurrenten des Staatsunternehmens beklagen bei der EU-Kommission Wettbewerbsverzerrung.

rei/Reuters
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