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Porträt Der Zeitzauberer

Erst hat der Luxemburger Jean-Claude Biver der Schweizer Vorzeigebranche neues Leben eingehaucht. Heute gilt er in der Welt der Luxusuhren als graue Eminenz. Und kennt alle Techniken und Tricks eines hochprofitablen Gewerbes.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner
aus manager magazin 6/2008

Eine Schönheit ist dieser Mann nicht, der da aus seinem schwarzen Mercedes CL 600 vor dem Hotel in Montreux steigt. Kahler Schädel mit zu Stoppeln gestutztem weißem Haarkranz, Knollennase im von Falten zerfurchten Gesicht, Dreitagebart am wuchtigen Kinn. Und dann dieser Bauch, den er - nachdem er die Gäste eingeladen hat - wieder in die Limousine wuchtet.

Sobald man ihm aber gegenübersitzt, verschwindet alles Behäbige, blitzen und funkeln seine wasserblauen Augen, beginnen seine Pranken mit großen Gesten die Worte zu unterstreichen, die aus ihm hervorsprudeln wie Schweizer Gebirgsquellen. So formt er Sätze, die erst anschwellen zu reißenden Sturzbächen mit Donnergetöse, um dann wieder in raunendes Murmeln abzuebben. Charisma nennt man das wohl. Und das ist in der Branche, in der es der Luxemburger Jean-Claude Biver zu einem der ganz Großen gebracht hat, allemal wichtiger als ein schmiegsames Äußeres.

Der eher lässig gekleidete Mann von 58 Jahren ist die Unruh im Getriebe der Schweizer Uhrenindustrie. Biver hat in den 80er Jahren die Rückkehr zur mechanischen Uhr eingeleitet, als die Branche am Boden lag, niedergestreckt vom fernöstlichen Quarzgetriebe. Er hat einen wesentlichen Anteil am Erfolg der alles bestimmenden Swatch Group des Nicolas Hayek, in dessen Verwaltungsrat er Pionierarbeit leistete. Er wurde immer wieder gern als Helfer gerufen, wenn eine Uhrenmarke in Schieflage geraten war. Er ist der Scout, wenn es gilt, den Pfad der Schweizer Uhrenbranche in die Zukunft zu bahnen. Gerade jetzt, da ganz neue Herausforderungen auf die Uhrmacher zukommen: Sollen sie weiterhin im Sinne des alten Mechanikus Breguet an den Traditionen des Handwerks festhalten? Oder sollen sie eher mit neuen Hightech-Materialien im industriellen Stil hantieren?

Und Biver hat in den vergangenen drei Jahren ein Husarenstück ohnegleichen hingelegt, indem er die defizitäre Nischenmarke Hublot zu einem raketenartigen Aufstieg führte. Ein Höhenflug, der jetzt mit der freundlichen Übernahme durch den Luxuskonzern LVMH des Franzosen Bernard Arnault endete und den Besitzern - 80 Prozent Carlo Crocco, 20 Prozent Biver - knapp 500 Millionen Franken bescherte. Chapeau.

Der Preis, den Biver für seine Rettungsdienste bezahlt hat, ist ihm anzusehen. 33 Kilo hat er während der vergangenen drei Jahre zugenommen und seine Gesundheit riskiert. Der Marathonläufer und Rennradler von einst spürt mitunter Erschöpfung, dann verspricht er: "Ich baue Biver wieder auf."

Aufbauen ist seine Leidenschaft. Vom 68er-Aussteiger, der nach dem Studium der Betriebswirtschaft sein Heil im Naturtrip im Schweizer Jura suchte, brachte er es zum Besitzer einer schlossartigen Villa über dem Genfer See samt Bauernhof mit Milchviehwirtschaft. Ein Besitz, den er stolz herzeigt.

Auf einem Hügel zwischen Spalierobstreihen, versteckt unter 40 Meter hohen Zedern, bewacht von fünf freundlichen Hunden, steht der mächtige sandsteinfarbene Prachtbau, knapp 150 Jahre alt. Am Fuß der Anhöhe ein Bauernhof mit Stallungen für 80 Rinder, verpachtet an einen Landwirt. Fünf Tonnen Käse im Jahr bringe ihm die Landwirtschaft, verkündet er frohgemut.

"Samstag gehe ich mit Brunette, meiner schönsten Kuh, zum Wettbewerb", erzählt Biver stolz mit breitem Lachen. "Ich trainiere schon jeden Abend mit ihr, damit sie richtig geht, nicht zu schnell, und dann auch richtig stehenbleibt, damit man sieht, woher ihre Milch kommt."

Biver stürmt die wenigen Stufen durch den Korridor in das Vestibül und verschwindet um die Ecke im großen, in Rottönen gestalteten Salon mit wuchtigen roten Polstersofas. Über dem Kamin ein Barockporträt, rechts und links daneben expressionistische Gemälde und Grafiken in der Manier Ernst Ludwig Kirchners. Am Fenster links eine zwei Meter hohe Leinwand mit einer heftigen Abstraktion aus jüngster Zeit. Biver ist auch Kunstsammler.

Und er vertritt auch eigene, bisweilen widerborstige Ansichten, was seine Branche und ihr Produkt angeht. So hält er es für absolut aberwitzig, eine Uhr zu kaufen, um die Zeit abzulesen. Punkt.

"Uhren bedeuten Luxus, bedeuten Exklusivität, bedeuten Status", trommelt er mit den Fäusten auf die hölzerne Tischplatte. Dabei überdehnt er die Vokale, als seien sie aus dem Kautschuk seiner Uhrenarmbänder. "Wir bewegen uns im Irrationalen, wer 5000 Euro ausgibt, um die Zeit abzulesen, ist ein Idiot."

Und wer sich in so einem irrationalen System bewege, für den spiele die Rationalität der Technologie keine Rolle, auch nicht die Frage: Ist das von heute, ist das von gestern? Biver hat sich bei Hublot für das Heute entschieden, für den Entwurf der Zukunft, für Hightech und neue Materialien, Zirkonium statt Stahl, Keramik statt Gold.

Alle großen Uhrenhersteller haben sich auf die Suche nach neuen Werkstoffen gemacht, seit 2001 der Schweizer Uhrenerfinder Ludwig Oechslin mit einem - wartungsfreien - Ankerrad aus Silizium für ein Modell der Marke Ulysse Nardin das neue Jahrhundert eingeläutet hat. Die Swatch Group, Rolex und Patek Philippe gründeten eigens eine gemeinsame Forschungsstätte, in der sie neue Anwendungen für das Wundermaterial ausprobieren. Derweil Jaeger-LeCoultre in einem Modell von 2007 dank der Verwendung einer modernen Keramik mit Namen "Easium" ohne Schmierstoffe wie Öl und Fett auskommt. Und der Luxusanspruch der Uhr bleibt gewahrt: Nur sieben Uhren der "Master Compressor Extreme Lab" können pro Jahr gefertigt werden, eine kostet um die 200 000 Euro.

Biver hatte seine eigene Antwort auf die Herausforderung der Technologie. Er brachte bei Hublot 2005 das Modell "Big Bang" heraus, fürwahr ein Uhrknall. Nämlich die harmonische Verschmelzung so disparater Materialien wie Kevlar, Karbon, Keramik und Magnesium in einer Uhr. Zwei Metallurgen von der Universität Lausanne waren ihm auf der Suche nach neuen Materialien behilflich. Das Zauberwort, was Biver für seine Kreation erfand: Fusion.

"Der Marketingfachmann, der sich von den eigenen Ideen berauschen lässt", ätzte die "Neue Zürcher Zeitung", "hat damit einen geeigneten Ursprungsmythos gefunden."

Das Konzept ging blühend auf. Das eigenwillig martialisch gestaltete Gehäuse mit den klassischen sechs Verschraubungen und den wohlerprobten Eta-Werken, mal als Chronograf, mal mit Tourbillon, mal als diamantenglitzernde Schmuckuhr, verkaufte sich leichthin. Trotz eines Preises um die 12 000 Euro für das günstigste Modell.

"Uhren haben in den 90er Jahren aufgehört, Uhren zu sein", sagt Biver mit heftiger Betonung, "sie wurden zu Botschaften, mit denen sich der Träger als Mitglied eines bestimmten Zirkels legitimiert." Wieder packt Biver der Überschwang. "Ein junger Chinese hat mir in Hongkong erklärt", erzählt er, "warum er die Uhr gekauft hat. Er hat gesagt: ,The watch connects me to my future', sie ist ein Instrument, das mich in die Zukunft führt. Seitdem weiß ich, was ich hier tue."

Bivers Ehefrau, eine zierliche Deutsche aus Wiesbaden, einst zum Studium nach Lausanne aufgebrochen, heute Mutter seiner drei jüngeren Kinder (neben zwei älteren aus erster Ehe), kehrt vom Einkauf heim, gibt der Haushaltshilfe ein paar knappe Hinweise. Und versucht ihren Mann per Handzeichen zu beschwichtigen - der Blutdruck, der Blutdruck.

Es gelingt ihr nur für Augenblicke. Dann ist Biver wieder bei seiner Kernthese, nach der das Getriebe der Haute Horlogerie mit ihren vielen Marken und Manufakturen, angesiedelt hoch im Schweizer Jura, tickt: die Botschaft.

Der Mann holt weit aus. Beginnt mit seinen, wie er sagt, 68er Jahren, als er nach dem Studium dort hinaufstieg, um in menschenleerer Natur zu leben, Nachtwanderungen im Schnee, Pilzsammeln in einsamen Wäldern, Bekanntschaften mit eigenbrötlerischen Uhrmachern.

Einer von ihnen, der junge Jacques Piguet, Spross einer alten Uhrmacherfamilie und Erbe der Marke Audemars Piguet, wurde sein Freund. Zusammen mit ihm kaufte er 1981 den Namen Blancpain, eine leblose Hülle, und setzte eine Handvoll Feinmechaniker, die wegen der Quarzkrise billig zu haben waren, in einen alten Bauernhof und ließ sie mechanische Uhren bauen - damals ein irres Unterfangen. Aber Biver hatte eine Botschaft: "Seit 1735", verkündete seine Werbung trotzig, sehr wohl auf den traditionsreichen Namen setzend, "gibt es bei Blancpain keine Quarzuhren. Es wird auch nie welche geben."

Elf Jahre später, die mechanische Uhr war von den Toten auferstanden, verkaufte Biver die inzwischen hochprofitable Firma an die Swatch Group - seine erste Ehefrau hatte ihn über der Aufbauarbeit bei Blancpain verlassen, für ihn eine ernste Lebenskrise. Und Grund für eine Neubesinnung.

Und so heuerte er bald darauf als Manager in eben jener Gruppe an, wo der 20 Jahre ältere Nicolas Hayek so etwas wie eine Vaterrolle bei ihm übernahm. Nicht lange, und der wendige Biver saß in der Konzernleitung des größten Uhrmacherunternehmens und nahm Einfluss auf die ungeahnte Blüte der Uhrenmechanik.

2004, zwölf Jahre nach Eintritt bei der Swatch Group und der erfolgreichen Sanierung der Marke Omega, war Biver das Managerdasein leid. Er wollte wieder auf die freie Wildbahn des Unternehmertums. Und erbat sich bei Hayek ein Sabbatical, aus dem er nie in die Uhrengruppe zurückkehrte.

Noch im Juni kaufte sich Biver bei der maroden Marke Hublot ein. Die damals mit 2,6 Millionen Schweizer Franken Verlust dastand, 2007 aber 34 Millionen Gewinn machte. Für 2008 rechnet Biver mit der Produktion von 33 000 Uhren, 250 Millionen Franken Umsatz und 40 Millionen Gewinn.

Das Erfolgsgeheimnis ist schnell erzählt. Biver hat - erstens - ein neues Modell entwickelt, die Big Bang. Und - zweitens - dieses Modell in einem anderen, weniger stark besetzten Marktsegment angesiedelt, statt vorher 3000 Euro kosteten die neuen Uhren nun 12 000 Euro. Obendrein waren sie - drittens - knapp, sodass der Kunde auf seine neue Uhr warten musste.

Jetzt will er in einer eigenen Manufaktur ein eigenes Werk bauen lassen - der Zunft höchstes Ziel.

"Wir haben superleichte Gehäuse", sagt Biver, "aber bauen dort immer noch die schweren Werke aus Messing und Stahl ein. Sind wir eigentlich verrückt?"

Aber was tun, wenn es zurzeit nur diese schweren Uhrwerke gibt? Dann muss man das leichte Werk eben selbst bauen. Und dafür eine Manufaktur. Die Kräne für den 8000-Quadratmeter-Bau stehen bereits am Stadtrand von Nyon nördlich von Genf.

Biver serviert Brot, Schinken und selbstgemachten Käse zu einem knappen Imbiss. Auch die Küche ist für ihn kein fremder Ort.

Vor den Investitionen für die Manufaktur ist ihm nicht bange. Die steigende Nachfrage nach Luxusuhren gibt Anlass zu Optimismus.

"Der Markt entwickelt sich phänomenal", sagt Biver. "Und wenn ein Markt sich so entwickelt, dann kann jeder ein Stück davon partizipieren." Und dann erst die Zukunftsaussichten!

"Wir stehen erst am Anfang. 90 Prozent der Leute, die sich eine Luxusuhr leisten könnten, sind noch gar nicht darauf gekommen. Schauen Sie sich etwa alle möglichen wohlhabenden Leute an, was die so an den Armen haben - Casio, Seiko, lauter Billiguhren. Das ist ein ungeheures Potenzial."

Klaus Ahrens/Hanno Pittner

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