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Der Tele-Trick

Bertelsmann AG: Der Medienmulti bekommt einen neuen Vorstand, die CLT-Ufa eine neue Führung.
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 3/2000

Bertelsmann-Anführer Thomas Middelhoff (46) ist ein kluger, ist ein rascher Mann. Er sieht die Dinge kommen, noch bevor sie da sind (Chancen im Internet). Er sieht sie gegebenenfalls auch wieder verschwinden, noch bevor sie weg sind (Chancen im Internet).

Andere Höhen der Erkenntnis erklimmt der Mann unter Zuhilfenahme der bewährten "Wenn-dann-also"-Technik. Oder er merkt sich einfach, was man ihm steckt.

Seit Middelhoff die Regie beim Gütersloher Medienriesen übernommen hat, gilt: Nicht die Schnellen fressen die Langsamen, sondern meis- tens die Schlauen auch die Blöden.

Aber was macht so einer in der Speed-Economy, dem ein ökonomisch-ideologischer Katechismus jeden Börsengang von Kerngeschäften untersagt? Wie geht so einer mit dem Firmenpatron und Unabhängigkeitsromantiker Reinhard Mohn (78) um?

Die Akquise von Time Warner durch AOL war ein gewaltiger, Funken sprühender Deal, wie geschaffen dazu, die Begrenztheit der Gütersloher Möglichkeiten und Ansprüche zu betonen.

Das Selbstbewusstsein der Westfalen flackerte indes nur kurz, wie bei einer Stromschwankung in Überlandleitungen. Und dann ging's los.

Middelhoff will beweisen, wie viel Wind man mit dem Flügel eines Schmetterlings machen kann. Eines ist sicher: Es wird mächtig zugig.

Erst mal lehnte Middelhoff ein angebliches Angebot seines Freundes, AOL-Chef Steve Case (41), ebenso an- geblich ab, zu AOL Time Warner zu wechseln, ins Sanctum Americanum der Weltwirtschaft, um dort mit Cybercash nur so um sich zu schmeißen.

Und dann sublimierte er sozusagen die schnürende Handlungsenge, die ihn, den Westfalen-Turbo, bisweilen so quält, trickreich ins Personelle, mithin geradewohl ins Expansive.

Jetzt krempelt Middelhoff den Vorstand der Bertelsmann AG um und begradigt, strategisch aufgeladen, die Führungsstruktur des Fernsehkonzerns CLT-Ufa (unter anderem RTL, RTL2, Vox) gleich mit, des 50:50-Gemeinschaftswerks mit der belgischen Audiofina.

Rolf Schmidt-Holtz (51), einer von zwei Vorstandschefs der Luxemburger CLT-Ufa, rückt in den Gesamtvorstand der Bertelsmann AG ein.

In dem Führungsgremium ist der Manager mit der sehenswerten journalistischen und unternehmerischen Vergangenheit ("Stern"-Chefredakteur, Vorstand Gruner + Jahr) künftig zuständig für Inhalte und Programmstrategie.

Michael Dornemann (54), bis dato Doppelspitze für Musik und Fernsehen, gibt, wie lange geplant, die operative Verantwortung für das TV-Geschäft ab. Künftig soll eine Art Fernseh-Komitee, dem Dornemann und Chefkämmerer Siegfried Luther (55) angehören, die Bertelsmann-Interessen bei der CLT-Ufa wahrnehmen.

Dornemann hatte den Medienmulti 1996 mit dem Einstieg bei der CLT nahezu im Alleingang zum größten TV-Veranstalter des Kontinents gemacht und den Konzern in eine neue Ära geführt. Der kühle Stratege, der im Aufsichtsgremium der CLT-Ufa die konzeptionelle Entwicklung weiter überwachen soll, kümmert sich von seinem Dienstsitz New York aus nurmehr um die Expansion der Bertelsmann Music Group.

Gleichzeitig erhält die CLT-Ufa ein neues Betriebs-System. Bei Europas Branchenprimus wird ein amerikanisch inspiriertes Geschäftsmodell installiert: mit einem Chief Executive Officer (CEO) an der Spitze und einem Chief Operating Officer (COO) knapp dahinter (siehe Grafik rechts): Nicht nur Schmidt-Holtz verabschiedet sich aus der CLT-Ufa-Führung. Auch sein gleichberechtigter Kollege Rémy Sautter (54) geht.

Für den Posten des CEO ist der Audiofina-Manager Didier Bellens vorgesehen. COO wird der bisherige stellvertretende Vorstandschef Ewald Walgenbach (40).

Tempomacher Middelhoff, der das Großrevirement im Verein mit Luther und Dornemann erdachte, verbucht in- und extern weitere Bonuspunkte: "Sehr klar und sehr konsequent" sei seine Personalpolitik, huldigen ihm Vorstandsfreunde und Aufsichtsräte. Die gute Laune in der Gütersloher Beletage steuert neuen Höhepunkten entgegen.

Denn mit dem Deal wird nicht nur die Führung bei dem TV-Zweig gestrafft, mithin seine Schlagkraft verstärkt. Auch der Bertelsmann-Umsatz wird um glatte 6,5 Milliarden Mark aufgepumpt - und zwar für nix, umsonst, gratis, auf lau. Mit einem Wort: kostenlos.

Nach gängigem Recht kann ein Unternehmen, das den CEO bestimmt, eine 50-Prozent-Beteiligung voll konsolidieren. Und dieses Bestimmungsrecht liegt, das scheinen die Verhandlungen ergeben zu haben, in Gütersloh.

Alle Versuche von Bertelsmann, die CLT-Ufa ganz zu übernehmen, sind gescheitert: Audiofina-Baron Albert Frère (74) mag sich von seinem lukrativen Investment partout nicht trennen. Und selbst wenn: Seine 50 Prozent sind gut und gern 12 Milliarden Mark wert, für Barzahler Bertelsmann mithin fast unerschwinglich.

So kam die Renovierung der CLT-Ufa zu ihrem einzigen Schönheitsfehler: Der künftige Chief Operating Officer Ewald Walgenbach, kenntnisreich und allseits geachtet, bezieht Posten hinter dem Audiofina-Mann Bellens.

Das ist Pech. Aber der Mann ist ja noch jung.

Das Modell geht Mitte März in die Gremien. Die Sache soll möglichst schnell vom Tisch. Middelhoff hat's eilig. Klaus Boldt

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