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Porträt Der Stoßdämpfer

Lange unterschätzt, avanciert Wolfgang Porsche jetzt zum wichtigsten Mann im neuen Autoimperium. Kann er die Kraftmenschen Piëch und Wiedeking kalmieren?
aus manager magazin 6/2008

Schnell überbrückt er die Distanz und schafft Nähe, gesellt sich hinzu. Bescheiden, am Rande stehend. Unaufdringlich, als einer von vielen.

Er trägt einen grünen Zwirn mit grüner Krawatte. Kein schrilles Accessoire reizt das Auge. Ein Mann des Forstes und der Pirsch, der weiß, dass lautes Auftreten das Wild verscheucht. Listige wasserblaue Augen, die Mundwinkel zu einem feinen Lächeln gedehnt, die Wangen leicht gerötet - all das verleiht ihm etwas Clowneskes. Gern, nach kurzem Innehalten nur, kommt Wolfgang Porsche (65) der Aufforderung nach, doch einmal ein paar Witze zu erzählen.

Er kennt ja viele, das hat sich längst herumgesprochen im Autoland. Auch einen, der zum Thema passt. Einen, den sich die Marketingfachleute der Stuttgarter Porsche AG ausgedacht haben könnten.

Und der geht so: Drei Autofahrer stehen vor der Himmelspforte. Der erste klopft an, Petrus fragt ihn: "Welchen Wagen hast du zu Lebzeiten gefahren?" Antwort: Jaguar. "Komm herein, mein Sohn", sagt Petrus. Die gleiche Prozedur beim zweiten, der sich zur Marke Volvo bekennt. Der dritte beantwortet die Einlasskontrolle mit: Porsche. "Tut mit leid, du musst in die Hölle", sagt Petrus. Auf die Nachfrage, warum denn seine beiden Kollegen hineindurften, entgegnet Gottes Türsteher unwirsch: "Was beschwerst du dich? Du hast doch schon den Himmel auf Erden gehabt."

Heilig's Blechle, nicht schlecht. Aber, wie es sich bisweilen so fügt vor älteren und jüngsten Gerichten: Der Urteilsfinder kann auch mal irren. Jedenfalls geht der Porsche-Fahrer Wolfgang Porsche (Cayenne, 911 Turbo Cabrio) derzeit auf Erden durch ein Fegefeuer: "Dass sich die Sache so extrem entwickeln würde, das habe ich nicht erwartet", räumt er im mm-Interview ein (siehe Seite 46).

Die "Sache" ist das Ringen um Europas größten Autobauer Volkswagen, um den sich die Porsche SE seit nun fast drei Jahren bemüht. Und Wolfgang Porsche, der duldsame, humorvolle Aufsichtsratschef des Stuttgarter Konzerns, befindet sich mittendrin in diesem Gezerre und Gezanke, das immer skurrilere Züge annimmt.

Er ist in eine fremde, neue Welt hineingebraust. Als formal einflussreichster Mann der neuen Automacht Porsche-VW, mit künftig 450 000 Beschäftigten und mehr als 150 Milliarden Euro Umsatz, muss er sich mit aufmüpfigen Belegschaftsvertretern auseinandersetzen, quertreibende Politiker umkurven, irritierte Aktionäre kalmieren - und auch noch die eigene Familie, bestehend aus den ungleichen Zweigen Porsche und Piëch, hinter sich bringen.

Ist der Nachfahre des VW-Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche dem Job gewachsen? Kann er sich behaupten im Ego-Grand-Prix gegen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking (55), VW-Lenker Martin Winterkorn (61), Niedersachsens Premier Christian Wulff (48) und seinen Cousin Ferdinand Piëch (71)?

Früher waren VW und Porsche zwei weitgehend voneinander getrennte Sphären. In Wolfsburg regierte Piëch, zunächst als Vorstandschef, später an der Spitze des Aufsichtsrats - Vater Anton hatte einst das VW-Stammwerk ge-leitet. In Stuttgart dominierten die Porsches - Vater Ferry hatte aus der Pkw-Manufaktur ein Großunternehmen geformt.

Nun soll beides zusammenwachsen. Die Reibungspunkte und Interessenkonflikte wachsen mit.

Vor gut einem Monat, am 24. April, begab sich Wolfgang Porsche erstmals auf das eigentliche Schlachtfeld. In Hamburg trafen sich die VW-Aktionäre zur Hauptversammlung.

Draußen vor dem Congress Center demonstrierten ein paar Hundertschaften VW-Werker und hielten Plakate hoch, auf denen ein muskelbepackter Wendelin Wiedeking einen VW Käfer zerschmettert.

Drinnen, vor dem Podium, setzte sich Wolfgang Porsche in die erste Reihe. Stoisch ertrug er das stundenlange Genörgel der Belegschaftsaktionäre und winkte nur selten ungeduldig ab. Auch als ein Anleger ihn, das "unbeschriebene Blatt", aufforderte, er solle sich vor seiner Wahl in den Aufsichtsrat doch, bitte schön, vorstellen, blieb er stumm. "Frage nicht zulässig", wehrte Versammlungsleiter Ferdinand Piëch alle an den Großaktionär gerichteten Wünsche ab.

Abends, es war kurz vor 20 Uhr, nahm Wolfgang Porsche ein neues Amt mit aus dem Saal. Er ist jetzt dort präsent, wo die wichtigsten Spieler in diesem Auto-Monopoly aufeinanderprallen: Piëch, Wiedeking, Wulff, dazu VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh (52) und Porsche-Finanzvorstand Holger Härter (52). Alle strotzen vor Selbstbewusstsein, und alle streiten mit im Aufsichtsrat der Volkswagen AG.

Nun auch Wolfgang Porsche. Als Enkel Ferdinand Porsches hat er die Macht geerbt. Jetzt will er sie auch ausüben.

Der neue Lebensabschnitt begann Anfang 2007. Helmut Sihler (78), 14 Jahre lang Aufsichtsratschef der Porsche AG, räumte seinen Platz. Nötig war das noch nicht, seine Amtszeit lief bis 2008.

Aber die Porsches wollten es anders. Wolfgang, seit 1978 Mitglied des Gremiums, griff sich das Amt, das eigentlich dem früheren Henkel-Chef Ulrich Lehner (62) versprochen war. Von Sihler, der stets um Ausgleich bemüht war und zwischen den Familienstämmen vermittelte, habe er viel gelernt, sagt Wolfgang Porsche, vor allem, "dass man die Dinge ausdiskutieren muss und sich nicht in eine Sackgasse verrennen darf".

Auch Wolfgangs Bruder Hans-Peter (67) rückte in den Aufsichtsrat, die Parität der Familienstämme in dem Gremium galt plötzlich nicht mehr. Die Porsches besitzen schon seit zwei Jahrzehnten ein paar Prozente mehr an der Porsche AG als die Piëchs. Jetzt spielen sie den Vorteil aus.

Wäre es nach Vater Ferry gegangen, hätte Wolfgang Porsche den Aufsichtsratsvorsitz schon viel früher übernommen. 1990 schon wollte der Senior, dass sein jüngster Sohn ihm ins höchste Amt folgt. "Mangelndes Vertrauen" habe er damals empfunden und deshalb zurückgezogen, sagt Wolfgang Porsche. Unstimmigkeiten mit den Arbeitnehmervertretern gaben wohl den Ausschlag.

Heute lässt er sich nicht mehr so leicht stoppen, auch wenn er betont, er verstehe sich keineswegs als Motor der Stuttgarter Automacht. Er versuche vielmehr, all die, "die ihre starken Motoren schon angelassen haben und jetzt wild durch die Gegend fahren, ein bisschen ruhiger zu halten".

Doch dazu müsste er Stoßdämpfer, Antiblockiersystem und Traktionskontrolle in einem sein. Wendelin Wiedeking und Ferdinand Piëch, die Motoriker mit der höchsten Drehzahl, verfolgen bisweilen höchst unterschiedliche Interessen. Gäbe es ihn, Wolfgang Porsche, nicht, Piëch hätte Wiedeking wohl längst von der Piste gerammt.

Zwar lobt Piëch - zuletzt im "Stern" -, Wiedeking kombiniere kaufmännische Spitze mit technischer Kompetenz. Intern aber missfällt ihm so einiges am Porsche-Chef: dessen exorbitantes, für 2007 auf 72 Millionen Euro geschätztes Gehalt (siehe Seite 80), sein Poltern gegen das VW-Management, seine Kritik am VW-Luxusgefährt Phaeton, das Piech einst entwickeln ließ.

Also gab Piëch der Familie einmal Folgendes zu bedenken: Wiedeking, keine Frage, habe viel für das Unternehmen getan. Nun aber breche eine neue Zeit an; und da könne ein neuer Mann an der Spitze im Grunde nicht schaden.

Doch Piëchs Gedanken wollte keiner aufnehmen. Wolfgang Porsche steht fest zu Wiedeking, und mit ihm der komplette Porsche-Stamm sowie ein Teil der Piëchs.

Es ist ein angestrengtes Austarieren der Macht. Wolfgang Porsche stützt Wiedeking, Wiedeking stützt Wolfgang Porsche. Im Duo vereint, halten sie den Angriffen Ferdinand Piëchs stand; mit diesem gemeinsam wiederum bauen sie ein Autoimperium, das weltweit Nummer eins werden soll.

Das Gefüge ist fragil, ein ständiges Geben und Nehmen. Übernimmt Porsche die Aufsichtsratsspitze in Stuttgart, darf Piëch Chefkontrolleur in Wolfsburg bleiben. Verlässt Piëch zugunsten seines Bruders Hans Michel (66) das Aufsichtsratspräsidium der Porsche SE, darf er in den Aufsichtsrat der VW-Tochter Audi einziehen. Und damit er dort nicht unkontrolliert kontrollieren kann, folgen ihm Wiedeking und Finanzchef Härter nach (siehe Tabelle Seite 38).

So verworren sind die Verhältnisse im Doppelclan bisweilen, dass Freunde wie Feinde schon mal den Überblick verlieren. Niedersachsens Ministerpräsident Wulff etwa konzentriert seinen Argwohn derzeit auf Wiedeking. Mit Wolfgang Porsche traf er sich mehrfach zum Essen, zuletzt nach der umkämpften Hauptversammlung. Ihn hält er für den angenehmsten der Familie. Wulff hoffe, heißt es in Hannover, dass Wolfgang Porsche künftig ausgleichend wirkt im Streit der VW-Großaktionäre.

Überrascht hat Wulff festgestellt, dass selbst sein Erzrivale Piëch zuletzt etwas konzilianter ist, ihn sogar begleitete, als ihn jüngst die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg zum Ehrensenator ernannte. Doch wie ernst gemeint solche Charmeausbrüche sind, was sich im Innersten des Clans wirklich abspielt, das ist für ihn, den erfahrenen Politiker, eines der letzten Rätsel der Menschheit.

Wulff will den Landeseinfluss in Wolfsburg durch ein neues VW-Gesetz wahren. Zudem will er verhindern, dass Porsche auf mehr als 75 Prozent der VW-Aktien kommt. In diesem Fall könnte Porsche einen Beherrschungsvertrag durchsetzen.

20,1 Prozent der Aktien besitzt das Land derzeit. Porsche vereint gut 30 Prozent, hat aber angekündigt, auf mehr als 50 Prozent aufzustocken. Die nötige Genehmigung der Kartellbehörden erwartet Wiedeking für den Sommer.

Noch hat sich Wolfgang Porsche nicht groß eingemischt in die Wolfsburger Kabbelei. Noch belässt er es bei ein paar Sticheleien hier und da. Etwa, wenn er den VW-Vertrieb kritisiert und den Sinn des Audi-Sportwagens R8 anzweifelt.

Solcherlei Kritik, das weiß Porsche, ist immer auch Kritik an Piëch, und damit, das hat er gelernt, sollte man behutsam umgehen. Als er 2006 öffentlich zu Protokoll gab, die Porsche AG stehe fest zum damaligen VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder (60), sorgte Piëch wenig später für dessen Ablösung.

So etwas soll ihm nicht noch einmal passieren. Auf einem Harmoniegipfel in Salzburg vereinbarten die Clanchefs im März Frieden oder, vielleicht treffender, einen öffentlich zelebrierten Waffenstillstand. Gemeinsam gaben sie dem "Stern" ein Interview, berichteten von ihrer Kindheit in Zell am See, darüber, wie Porsche einst Piëch Nachlass beim Kauf einer Yamaha gewährt hatte, und versicherten dem Publikum, dass "die Familie hinter dem Management steht."

Dieses Bekenntnis erschien ihnen zwingend. Denn es hatte zuletzt wiederholt gekracht in der Familie, nicht nur beim Streit über Wiedeking. So soll Piëch gegen die Struktur der Porsche SE opponiert haben. Porsche AG und VW AG separat einer Holding anzugliedern, das schien ihm zu kompliziert.

Piëch fand offenkundig Gefallen an einer simpleren Lösung, die den Clan indes erschüttert hätte wie den 911er eine Geländefahrt. Die Idee: Man hätte die Konzerne einfach fusionieren können. Solche Verschmelzungspläne waren immer mal wieder aufgekommen, wenn das Überleben von Porsche gefährdet schien, aber stets verworfen worden.

Jetzt hätten sie Vorteile: Der Vorstand könnte durchregieren, es gäbe keine Interessenkonflikte und nicht die stete Gefahr, dass Minderheitsaktionäre benachteiligt würden. Statt der vollen Holdingkontrolle hätte die Familie dann an dem Großkonzern schlimmstenfalls nur noch 30 Prozent der Aktien besessen.

Genug, sinnierte Piëch, um Porsche-VW zu beherrschen. Viel zu gefährlich, meinten Wolfgang Porsche und Wiedeking. Porsche, so ihr Plädoyer, müsse auf jeden Fall eigenständig bleiben. Die Familie stellte sich hinter den Chef der Porsche-Sippe, Piëch war - fürs Erste - ausgebremst.

Es ist wie so häufig: Wolfgang Porsche und Ferdinand Piëch sind unterschiedlicher Auffassung. Piëch wolle seinem Cousin "nicht wirklich auf die Füße treten", meint ein Vertrauter der Familie. Aber das Unberechenbare, Irrationale des großen Piëch sei schwer verdaulich für einen wie Wolfgang Porsche, der klare Aussagen ("So ist es") liebt.

Zu verschieden sind die Protagonisten. Der Ingenieur Piëch ist der Krieger, der Kontrollfreak, der Techniknarr, der seinen Cousin selbst im Interview verbessert, ihm den 40-Tonner nicht durchgehen lässt, wenn der VW-Konzern doch auch 44-Tonner anbietet. Der seine Einsilbigkeit, die oft ins Orakelhafte abdriftet, als Machtinstrument nutzt wie seine Detailkenntnis: "Er ist, wenn es ums Auto geht, immer besser informiert als jeder andere Aufsichtsrat", sagt ein Porsche-Manager.

Wolfgang Porsche hingegen ist der Moderator; ein Kaufmann, der sich vor allem um Organisationsfragen, Prozesse und Kosten kümmert. Dieses Metier hat er studiert. Den Doktor der Handelswissenschaften erwarb er an der Wiener Hochschule für Welthandel. Es folgten fünf Jahre Firmenpraxis bei Daimler-Benz, unter der Obhut des damaligen Konzernchefs Joachim Zahn; zunächst im Vertrieb, später in der Beteiligungsverwaltung.

Zu jener Zeit, im Überschwang eines Porsche-Sieges beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, soll der damalige Porsche-Chef Peter Schutz mit dem Gedanken gespielt haben, Wolfgang Porsche zu seinem Nachfolger aufzubauen. Daraus wurde nichts. Zum einen hatte sich die Familie 1972, nach jahrelangem Streit, darauf verständigt, dass kein Porsche oder Piëch mehr ins Management rücken dürfe. Zum anderen wurde Schutz seinen Job schneller los, als er dachte.

Wolfgang Porsche verlegte sich derweil aufs Unternehmerische. Für Yamaha organisierte er den Vertrieb in Österreich. Später expandierte er nach Ungarn, eine Teilhaberschaft wurde ihm avisiert. Doch die Japaner höhlten die Partnerschaft aus. "Ich hatte das Gefühl, die hatten ihren Deckungsbeitrag, aber meiner wurde immer weniger", erinnert sich Porsche. Der Deckungsbeitrag scheint für ihn die Maxime des Handelns zu sein, so wie für andere das Spaltmaß oder das Hubvolumen.

Porsche stieg gefrustet aus, nach 27 langen Zweiradjahren, und trauert dieser Zeit dennoch hinterher: "Spannend und lustig", sagt er, "war es schon."

Das mag auch damit zusammenhängen, dass es sich um ein externes En-gagement handelte, fernab vom Nukleus des Clans. Mittlerweile kümmert sich Wolfgang Porsche um das Kernge- schäft - die Familie. Die führt ihre Beteiligungen über zahlreiche Gremien, Ausschüsse und Aufsichtsräte. Schon Anfang der 80er Jahre wurde Wolfgang Porsche Sprecher des Porsche-Zweiges; sein Pendant auf der Piëch-Seite ist Ferdinands Bruder Hans Michel.

Seitdem hat sich Wolfgang zu einer Art Superdelegiertem des Clans entwickelt. Er leitet den Gesellschafterausschuss der Salzburger Porsche Holding, des größten Autohändlers Europas. Er sitzt wichtigen Aktionärsgruppen vor, wie - zusammen mit Hans Michel Piëch - der Porsche GmbH, die 23,57 Prozent an der Porsche SE hält. Und für die nächste Porsche-Generation mimt er den Lehrlingsbeauftragten, führt sie an das Unternehmen heran.

"Ein Clan braucht ein Zentrum, sonst zerfällt er", sagt ein Berater der Familie. Die neue Mitte, daran besteht kein Zweifel, ist Wolfgang Porsche.

Als jüngster von vier Ferry-Söhnen war er der Liebling des Vaters. Wolfgang will, ganz wie sein Vorbild Ferry, Integrationsfigur sein. Diese Rolle ist in einer heterogenen Dynastie die zentrale Position, wie der Mittelplatz im Fond: etwas unbequem zwar, aber mit guter Sicht nach vorn.

Die Porsches und die Piëchs rivalisieren miteinander, seit es sie gibt. In der Regel wird heute so lange gestritten, bis Einigkeit herrscht. Und Wolfgang Porsche ist es meist, der die Eintracht beschwört, Konflikte beiseiteschiebt, persönliche Animositäten mit auflockernden Sprüchen überspielt.

Aber man traut einander nicht so recht über den Weg. Die Konsortialverträge, die unter anderem das Stimmverhalten und die Vorkaufsrechte regeln, können sich mit Lebensversicherungspolicen locker messen. Jedes Detail ist festgelegt, damit nur ja kein Interpretationsspielraum bleibt. Das Paragrafenwerk der Stuttgarter Porsche GmbH beschäftigt sich auf 50 Seiten plus 6 Seiten Schiedsvertrag zum Beispiel mit der Frage, ob Adoptivkinder von Adoptivkindern noch Porsche-Abkömmlinge "im Sinne dieses Vertrages" sind.

Das System wird immer verzwickter, die Stammesgrenzen verschwimmen. In der Aktionärsgruppe Porsche-Daxer-Piëch haben Mitglieder beider Clanteile ihre Aktien gebündelt: Ferdinand Alexander (72) und Gerhard Porsche (69) sowie die Erben von Louise Daxer-Piëch, einer Schwester Ferdinand Piëchs. "Das hat mit der Chemie zu tun", sagt Wolfgang Porsche: "Man versteht sich gut."

Es steckt wohl mehr dahinter. Im Konfliktfall dürfte die Gesellschaft im Sinne der Porsches stimmen. Die Piëch-Brüder Ferdinand und Hans Michel können dann nur noch auf eine Sperrminorität bauen (siehe Kasten Seite 42).

Je größer der Clan wird (derzeit rund 50 Mitglieder), umso schwieriger wird die Koordination der Interessen. "Das ist wie Flöhe hüten", sagt ein Intimus der Familie. Auch dieser Aufgabe hat sich Wolfgang Porsche verschrieben.

Er fordert von der nächsten Gene-ration ein Bekenntnis zur Firma und ein entsprechendes Engagement ("Ich möchte nicht, dass sich einer aufs Sofa setzt, Dividende kassiert und ansonsten nur Sohn, Cousin oder Neffe ist"). Wer anderen Neigungen nachgehen wolle, solle seine Anteile lieber an die Familie verkaufen. "Es ist dann besser, er scheidet aus, als wenn man ihn mitzieht - schließlich kostet auch das Kraft." Als Austrittsbefehl, fügt er lächelnd an, wolle er das nicht verstanden wissen, eher als Erläuterung eines "Prinzips".

Für den motivierten Kern des Clans ergäben sich dann sogar interessante Berufsperspektiven. Die Porsche SE ist bekanntlich auf Wachstum angelegt. Und das Managementverbot müsse ja nicht ewig gelten. Man könne schon mal darüber nachdenken, findet Wolfgang Porsche, dass "in der nächsten oder übernächsten Generation der eine Herrscher dieses, der andere Chef jenes Unternehmens wird".

Das Vermögen, da sind sich die Porsches und Piëchs einig, muss auf jeden Fall in der Familie bleiben, geschützt werden auch vor dem Zugriff des Staates. Längst hat Wolfgang Porsche seine Porsche-Anteile von rund 12 Prozent (Wert: circa 1,3 Milliarden Euro), die er mit den Anteilen seines Bruders Hans- Peter gebündelt hat, in eine österreichische Privatstiftung eingebracht - Erbschaftsteuer: null.

Er hat nun mal einen Hang zum Geld, das zu mehren ihm Freude bereitet wie sonst nur ein waidmännisch korrekter Blattschuss. Er sieht sich als "schwäbischer Österreicher", weil er in Stuttgart geboren und im Salzburger Land aufgewachsen ist. Falls einer diesen Menschenschlag als Melange aus Sparsamkeit und Lebenslust definierte, ja, dann hätte er nichts einzuwenden.

Das Beschwingte - so sehen es viele, die ihn näher kennen - ist neuerdings einer kühlen Ernsthaftigkeit gewichen. Die Gesichtszüge sind nicht mehr so rund wie früher. Das mag der Aufgabenfülle geschuldet sein. Die Mission prägt den Menschen, glauben Porsche-Philosophen: "Wenn man einem aus der Sippe eine schwierige Aufgabe gibt, dann reißt er sich zusammen und marschiert, als hätte er eine Duracell-Batterie auf dem Rücken."

Der Jet-Set kann warten. Lange Zeit, als sich das Porsche-Leben so von Baureihe zu Baureihe, von Absatzrekord zu Absatzrekord dahinschleppte, stand Wolfgang im Ruf eines Bonvivants. "Der Gesellschaftsporsche" - mit diesem Attribut separierte man ihn von anderen Sippenvertretern, deren Lebensfreude sich eher nach innen richtet.

Früher, da war er Teil der Münchener Society. Seine Frau Susanne, von der er mittlerweile getrennt lebt, besitzt eine TV-Firma, hat etwa für RTL eine Serie mit dem Titel "Arme Millionäre" produziert. Kaum eine Filmparty ohne sie. Wolfgang ging dann halt mit. Auf solchen Events, erzählen Medienschaffende, sei er oft "stumm präsent". Soll heißen: Er braucht nicht viel zu sagen; die Leute scharen sich auch so um ihn.

In tiefster Seele ist er doch ein zurückhaltender, erdverwachsener Typ. Mit dem Ausspruch, der in keiner Porsche-Geschichte fehlt ("Ich liebe Sauen"), bekannte er sich zur Jagdleidenschaft - jede Wette, die Sauen mögen auch ihn.

Er malt, wann immer er Zeit dafür findet, mit Sinn für Licht und Schatten und einem feinen Strich. Zwei Stillleben hängen im Eingangsbereich seines Privathauses in Bogenhausen, ein Bauernhaus vor Landschaft ziert die erste Etage.

Von Liebgewonnenem verabschiedet er sich nicht so leicht. Die Freundschaftsbänder, die ihm sein Sohn vor Jahren geschenkt hat, zeigt er gleich zur Begrüßung vor. Als sich seine Tochter Stephanie, aus erster Ehe, Anfang Mai in München trauen ließ, flossen Tränen.

Er vor allem ist es, der die Familientradition pflegt. So oft es ihm möglich ist, verbringt er ein paar Tage auf dem Schüttgut im österreichischen Zell am See, auf dem die Porsches und Piëchs gemeinsam aufwuchsen. Die Ahnen Ferdinand, Louise und Ferry ruhen dort in einer Gruft; in der dazugehörigen weiß getünchten Kapelle kommen die Clanmitglieder zusammen, um die Toten zu ehren. 2004 übernahm Wolfgang das Gut aus dem Besitz der Familie.

Das Renaissance-Schloss Prielau am Zeller See hatte er schon in den 80er Jahren gekauft und in ein Luxushotel samt Spitzenrestaurant umbauen lassen. Die Liebe zum Detail, ein Wesenszug aller Porsches, bricht sich auch hier Bahn. Der Pachtvertrag mit dem Witzigmann-Schüler Jörg Wörther war offenkundig mit derart vielen Klauseln gespickt, dass dieser - so raunen Österreichs Gaumenfreunde -, oft das gleiche Menü aufgetischt haben soll, um zu beweisen, dass seine Kreativität unter der Knebel-Causa leide. Seit 2004 dirigiert ein anderer Starkoch, Andreas Mayer, die Prielauer Pötte und Pfannen.

Wolfgang Porsche ist ein Mann, der einfache Antworten für diffizile Probleme hat. Was dazu führt, dass man ihn leicht unterschätzt: "Er ist cleverer, als er tut", sagt ein Wolfgang-Watcher.

Kann dieser Instinktmensch und Romantiker die neue Automacht auf Touren bringen?

Sicher ist: Er nimmt seine Machtbefugnisse wahr. Und er ist gefordert wie wohl noch nie in seinem Leben. Dabei hat er - mit 65 - schon das Pensions-alter erreicht. Seinem Cousin Ferdinand Piëch hatte er indirekt nahegelegt, mit 70 den Aufsichtsratsvorsitz bei VW zu räumen - der folgte dem Rat nicht.

Wie lange will er der Porsche-Anführer bleiben? "Wenn ich kränkeln würde, ja, dann würde man sicher jemand anderes finden", sagt Wolfgang Porsche. Im Moment stelle sich diese Frage nicht.

Und zum Abschied, auf der Veranda, hebt er noch einmal an, einen für den Nachhauseweg: "Kommt ein Mann zum Arzt ..." Aber den kannten wir schon.

Michael Freitag/Dietmar Student

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