Zur Ausgabe
Artikel 41 / 55
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Lebensstil Der Luxuströdler

Der belgische Schlossherr Axel Vervoordt schafft als Kunsthändler die wundersamsten Dinge herbei. Als Inneneinrichter berät er Royals, Rockstars und andere Reiche. Das Porträt eines heimlichen Superstars.
aus manager magazin 12/2008

Der Wagen rollt an einem schnurgeraden Industriekanal vor den Toren von Antwerpen entlang. Bald steuert das Auto auf acht gewaltige graue Türme zu. Hässliche Getreidesilos, an die sich ein paar massige rote Ziegelbauten aus dem 19. Jahrhundert drücken. Am Tor ein Schild: "Axel Vervoordt", der Name des weithin wie ein mythischer Glücksgott wahrgenommenen Kaufmanns der schönen Künste.

Irrtum ausgeschlossen - dieser aufgelassene Industriebau inmitten einer desolaten Industrielandschaft ist eine der feinsten Adressen des europäischen Kunst- und Antiquitätenhandels. Ge- rühmt für eine raumgreifende exquisite Sammlung und legendär als Lieferant erlesenster Raumausstattungen. Ein Wallfahrtsort der Reichen und der Ästheten.

"One of the world's most respected antiques dealers, collectors and interior designers", lobt das Fachblatt "Architectural Digest" den Mann, der sich für Me- dienleute gewöhnlich äußerst rar macht.

Axel Vervoordt darf sich Lieferant und Inneneinrichter sowohl des belgischen als auch des britischen Königshauses nennen. Zu seinen Kunden zählten einst Nurejew und Yves Saint Laurent, heute gehören Sting, Calvin Klein und Isabelle Adjani dazu. Er war der Innengestalter zahlreicher Villen von Miami bis an die Côte d'Azur, von Dallas/Texas bis Oberbayern. Und auf der international bedeutendsten Messe in Maastricht erregt sein Stand regelmäßig anerkennendes Aufsehen in der Fachwelt.

Ebenso wie es jetzt die betörenden Kunstausstellungen taten, die 2007 in Venedig ("Artempo") und gerade eben in Paris ("Academia") stattfanden - mit nie zuvor gesehenen Arrangements von Bildern, Skulpturen aus entlegenen Kulturen und Fundstücken aus der Natur. Kurz, wer heute über Kunstgeschmack, Lebensstil und Wohnkultur redet, kommt an der Industrieadresse am Rande Antwerpens nicht vorbei.

Bevor er auf der Hausherrn trifft, wird der Gast durch das Reich des 61jährigen Zauberers geführt, ein Rundgang durch eine wundersame Welt voller Magie und stiller Melancholie. In der einstigen Mälzerei stehen heute Torsi ägyptischer Prinzen und Priester neben Gegenwartskunst und Fundstücken vom Strand - verwitterte Hölzer, Korallenstöcke, Schneckengehäuse.

Eine schmale Halle, an deren vom Putz befreiten Ziegelwänden nun unter anderem eine großflächige Nachthimmel-Fotografie von Thomas Struth hängt, führt in einen weiten, in grau- blaues Licht getauchten Raum. Dessen hohe Decke wird wie ein antiker Tempel von schweren Säulen getragen. Dazwischen stehen tatsächlich die Torsi antiker Skulpturen auf musealen Sockeln. In einer Ecke ruht mit überkreuzten Beinen die steinern-stoische Skulptur eines buddhistischen Lohan. Vervoordt hat hier seine Privatsammlung kambodschanischer Khmer-Skulpturen untergebracht.

In den oberen Etagen finden sich in weiten Räumen hinter Industriefenstern wundersame Rauminszenierungen: ausladende weiße Polstermöbel vor roh gezimmerten Tischen, oftmals aus geschundenem, narbigem Nutzholz. Dazu seltsam geformtes Gestein, verwitterte Keramikbehältnisse und Gebeine dahingeschiedener Wirbeltiere.

Die Mischung, mit der Vervoordt die Produkte von Natur und Kultur gegeneinandersetzt, scheint keinerlei Grenzen zu kennen. Der Belgier bedient sich in allen Zeiten, in allen Regionen, in sämtlichen Gattungen. Selbst trockenes Farnkraut findet sich in seinen Rauminstallationen. Und eine wachsende (westliche) Klientel findet Gefallen an den morbiden Inszenierungen.

Vervoordt hat es mit derlei Eklektizismus zu erstaunlichem Wohlstand gebracht. Ein paar Kilometer nördlich des Industrieanwesens steht mitten in einer weitläufigen Gartenlandschaft, in der auch seine Pferde untergebracht sind, das Wasserschloss 's-Gravenwezel. Zwei mittelalterliche Rundtürme, dazwischen ein wuchtiger, drei Stockwerke hoher gelber Barockbau, gesichert durch ein massives Torhaus samt lang gestreckten Remisen. Vervoordts Wohn- und Werkstatt, milde bewacht von einem tränenäugigen alten Jagdhund.

Das Jackett ist kürbisrot, in der Brusttasche steckt ein rot schimmerndes Paisleytuch, Pullover und Hose sind flanellgrau, der Mann selbst, kräftig und kahlköpfig, hat erstaunlich derbe Züge, die an eine der Mönchsfiguren in seiner Sammlung erinnern. Mit einer jungen Assistentin im Arbeitszimmer über Grundrisse von Gebäuden gebeugt, bedeutet er dem Gast: nur noch ein paar Augenblicke, bitte.

Aber was für ein Arbeitsraum! Links ein mit reichen Intarsien verzierter Barockschrank, daneben eine monochrome blaue Farbfläche des belgischen Zero-Künstlers Jef Verheyen. Neben dem marmornen Türdurchlass hängt ein Architekturbild aus dem 17. Jahrhundert, darüber ein Deckenfries mit Reiterbildern aus der Rubens-Schule.

Ganz anders der weite, fast hallenartige Raum im Obergeschoss, in dem Vervoordt zum Gespräch bittet. Links eine wandfüllende, Armseligkeit verströmende Arbeit des Spaniers Antoni Tàpies, rechts über dem Kamin ein japanischer Paravant mit Tuschzeichnungen von weidenden Pferden, mitten im Raum ausladende Polstersitze, bezogen mit grobem weißem Stoff.

Vervoordt wendet sich zum Kamin, schichtet einen Holzstoß auf und entzündet ihn mit wenigen Handgriffen. Alle Gäste, die er hier empfangen hat, erzählen von dieser Zeremonie.

"In diesen Raum gehe ich, um zu meditieren und Gespräche zu führen", sagt Vervoordt und lässt sich in einen tiefen Sessel sinken. "In einem Haus wie diesem kann man regelrecht auf Reisen gehen, in einem Raum haben Sie den Orient, in einem anderen den Fernen Osten, in einem dritten das alte England. Solche Vielfalt inspiriert sehr."

Das Leben inmitten der Kunst, so ist Vervoordt überzeugt, inspiriert nicht nur - es verlängert auch das Leben selbst. "Es gestaltet sich weiter und umfassender", erläutert er seine Philosophie. "Und die Zeit wird als länger und größer wahrgenommen."

Für ihn hat das Leben mit der Kunst bereits mit 14 Jahren begonnen. Damals, Anfang der 60er Jahre, zog der Sohn eines wohlhabenden Pferdehändlers und einer kunstseligen Mutter in den Ferien zu Freunden der Familie nach England. Von dem Ausflug kehrte er dank einer großmütigen väterlichen Geldspende mit einer halben Busladung Antiquitäten zurück. Mitgebracht hatte er vor allem feines Silbergeschirr, das die damals notleidende Oberschicht gern zu Bargeld machte. Vervoordt schlug den Schatz mit bestem Erfolg los.

Mit 21 Jahren, man schrieb inzwischen das Jahr 1968, eröffnete er seinen eigenen Antiquitätenhandel in Antwerpen. Aber nicht Klein-Klein, nein, er musste in die Fußstapfen seiner Mutter treten, die in der verwinkelten Altstadt mittelalterliche Häuser restaurierte. Im Schatten des gotischen Doms kaufte er eine ganze Straße, den Vlaaikensgang, mit elf altersschwachen Gebäuden. Es war der Beginn einer harten Zeit.

"Vom frühen Morgen an war ich mit der Renovierung der Häuser beschäftigt", erzählt Vervoordt. "Nachmittags empfing ich meine Kunden und ging auf Einkaufstouren, und abends machte ich mich wieder an die Renovierung."

Er hatte Glück. Anfang der 80er Jahre segelte ihm die Ladung einer gesunkenen Dschunke mit 7400 Stücken chinesischen Porzellans vor die Füße. Ein Glücksfall, den ihm die Sammler gegen viel Geld aus den Händen rissen. Von dem Erlös, erzählt er, habe er sich sein Schloss gekauft. Und erstmals konnte er sich einen großen Stand auf der Messe im "Grand Palais" in Paris leisten.

"Das Ding war gestaltet wie ein Loft, völlig neu damals", erinnert er sich, "und gefüllt mit barocken Möbeln, orientalischer Kunst, gemischt mit meditativen Zen-Leinwänden." Es war sein Durchbruch.

Von nun an galt Vervoordt als Geheimtipp im Lifestyle der Happy Few. Obwohl er heute 4 der 20 reichsten Menschen des Globus zu seinen Kunden zählt, möchte er nicht als exklusiver Händler der Reichen dastehen. Immerhin zählten zu seinen Kunden vor allem auch Künstler und Musiker.

Es gibt eine Reihe exklusiver Anwesen, die Vervoordts Handschrift tragen und die sich, man kann es nicht anders sagen, sehen lassen können. Da ist das "Château du Tertre" im Margaux, Herrenhaus des gleichnamigen Weinguts und im Besitz des niederländischen Supermarktkettenbetreibers Eric Alba- da Jelgersma. Ein feines Barockgehäuse, ausgestattet mit schlichten Dielenböden und erlesener Kunst. Da ist die Milliardärsvilla im Palladio-Stil unter Pinien hoch über der Côte d'Azur, in deren Salon neben einer Barockanrichte auch ein Konsoltisch des Empire seinen Platz hat. Da ist der 20er-Jahre-Prachtbau im texanischen Dallas, aufs Feinste angefüllt mit Chippendale-Mobiliar, Renaissance-Malerei und Ming-Zeit-Porzellan.

Und in Oberbayern hat er einen Hotelbau mit Alpenpanorama zurückverwandelt in einen urtümlichen Bauernhof. Die Bibliothek der Herberge erinnert freilich an Fausts Studierstube, im Flur hängt ein Picasso-Porträt, das Bad ziert ein altrömischer Herkulestorso, und das Büro des Hausherrn, untergebracht in einer eigens aus Österreich herbeigeschafften altersgezeichneten Scheune, gleicht Luthers kargem Karzer auf der Wartburg.

"Ich selbst bin ständig mit 30 bis 40 solcher Projekte beschäftigt", sagt Vervoordt, "davon vier oder fünf wirklich großen." Insgesamt sind es rund 100 Aufträge, die sein 95-Personen-Team fortwährend bearbeitet. Während sich sein Sohn Dick um die Immobilien kümmert, sein Sohn Boris den Kunsthandel steuert, ist eine Schar von Kunsthistorikern und Archäologen mit Suche, Erwerb und Registrierung von neuen Objekten befasst. Bis zu 300 Stück pro Monat sind das, an die 10 000 lagern im Schloss und in der Mälzerei, zweimal im Jahr auch dem Publikum zugänglich.

Seine Frau May, mit der er seit 1969 zusammen ist, hat aus der Not, dass die Sitzmöbel vergangener Jahrhunderte eher sperrig und unbequem sind, die Tugend eines eigenen Geschäftszweigs entwickelt - die Home Collection mit Fauteuils, Sesseln und Sofas, auf denen sich gut lümmeln lässt. Eine solche Sitzgelegenheit mit Stoffbespannung kann dann schon mal zwischen 3000 (Sessel) und knapp 14 000 Euro (Sofa) kosten.

Vervoordt selbst schwebt über allem als Spiritus Rector des Unternehmens. Der über den Sinn der Kunst nachdenkt und ihre Rolle im Leben seiner Klienten.

Er ist sich sicher: Er bereichert nicht nur den Alltag seiner Kunden durch die Kunsterfahrung, sondern gibt mitunter gar deren Leben eine andere Richtung. Überdies verspricht er dem reichen Gewinn, der seinem Rat beim Kunstkauf folgt. Ganze Sammlungen habe er so mit Erfolg zusammengestellt.

"Was mich völlig von meinen Kollegen unterscheidet: Ich sehe das nicht als Geschäft", sagt er, "ich sehe mich in erster Linie als Sammler. Ich bin allein einem bestimmten Lebensstil verpflichtet. Und so suche ich nach Objekten, die zu diesem Lebensstil passen."

Im Kamin prasselt das Feuer, Vervoordt lässt seine Lesebrille kreisen und plaudert entspannt und hoch konzentriert zugleich über das Vergnügen an ästhetischen Gegenständen. Er erzählt von seiner Wohnung in einem venezianischen Palazzo, von seinem Chalet in Verbier hoch in den Walliser Alpen, wo er jeden Winter Skiferien macht. Von der Liebe zur Kunst des Italieners Lucio Fontana, seiner Zuneigung zu den deutschen Zero-Künstlern, auf die ihn sein Freund Jef Verheyen einst aufmerksam machte. Mack, Uecker, Piene - Heroen der 60er Jahre.

Ja, in Deutschland habe er auch reichlich Kunden.

"Die Deutschen lieben unseren Stil", sagt er und lacht. "Unser Understatement: Es kommt alles ganz einfach daher, und es ist sehr teuer, obwohl es überhaupt nicht teuer ausschaut."

Auch das deutsche Bauhaus bewundert er, aber aus gehöriger Distanz. Er mag daran nicht das Kalte und Harte, das Unberührbare, sagt er.

"Ich liebe die Wärme", bekennt Vervoordt, der in nahezu jedem der 50 Räume seines Schlosses einen Kamin installieren ließ. "Meine Inspiration beziehe ich deshalb eher aus dem Osten, aus dem Wabi-Sabi-Geist Japans."

Eine Ästhetik der Askese, Kargheit und Vergänglichkeit aus dem Geist des Zen-Buddhismus, "die aktive ästhetische Würdigung der Armut", wie Daisetz T. Suzuki, der beste Kenner dieser Lehre, definierte, als Lifestyle-Leitbild der Reichen. Das hat wirklich Stil und passt erst recht in krisenhafte Zeiten.

"Luxus bedeutet für mich nicht das große Auto, teure Uhren oder die Glitzerwelt der neureichen Russen", sagt Vervoordt. "Wahrer Luxus bedeutet fähig zu sein, dem Leben mit Dankbarkeit zu begegnen, es zu lieben. Und dabei von schönen Dingen und friedvoller Harmonie umgeben zu sein. Das ist für mich der größte Luxus." Klaus Ahrens

Foto: Paul Schirnhofer für Manager Magazin

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 55
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel