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Der Härtetest

Bayer: Untergangsstimmung bei Pharma, Großeinkauf im Pflanzenschutz - wahres Stahlbad für den Vorstand.
Von Heide Neukirchen
aus manager magazin 9/2001

Bayer-Chef Manfred Schneider (62) betreibt gern viele Geschäfte unter einem Dach. Seit Jahren verteidigt der Leverkusener Vormann vehement sein Konzept eines Konglomerats aus Kunststoff-, Chemie- und Life-Sciences-Aktivitäten.

Die Zahl seiner Kritiker, die eine Aufteilung des Konzerns fordern, ist allerdings größer denn je.

Kein Wunder: Nach der Rücknahme des Cholesterin-Senkers Lipobay vom Markt verlor die Bayer AG innerhalb eines Tages an der Börse 5,6 Milliarden Euro an Wert. Plötzlich war die Frage wieder hoch aktuell: Kann ein Vorstand so verschiedene Geschäfte wie Kunststoffe und Arzneimittel optimal organisieren und kontrollieren?

Ironischerweise wirkt sich gerade in dieser kritischen Situation das Konglomerat segensreich für Bayer aus. Das Arbeitsgebiet Pflanzenschutz lieferte im ersten Halbjahr die gewohnten Top-Ergebnisse ab. In schwerer Zeit, in der die Chemiekonjunktur lahmt und niemand die Schadenersatzforderungen der Lipobay-Geschädigten abschätzen kann, sind die stabilen Erträge hochwillkommen.

Besonders gut tut es Schneider, dass er nun die Übernahme des Pflanzenschutzgeschäfts der Straßburger Aventis SA , des Zusammenschlusses von Hoechst und Rhône-Poulenc, vermelden kann. Der Zukauf könnte langfristig den gedrückten Bayer-Kurs wieder heben.

Die Leverkusener, vielfach gescholten für ihre Zögerlichkeit und ihre Knauserigkeit bei möglichen Akquisitionen, zahlen 7,25 Milliarden Euro - der teuerste Erwerb in der Firmengeschichte.

Dafür rücken sie in der Agrobranche von Platz fünf bis zur Spitze vor (Grafik Seite 27). Ob sie Branchenführer Syngenta einholen können, hängt von den Auflagen der Kartellbehörden ab.

Für Bayer bedeutet das Geschäft eine entscheidende Weichenstellung. Größe ist im Agro-Business ebenso erfolgskritisch wie in der Pharmaindustrie. Ein oder zwei Flops können eine kleinere Firma die Selbstständigkeit kosten.

Außerdem gelingt den Leverkusenern mit der Akquisition der Sprung in die Weltliga der grünen Gentechniker. Aventis CropScience (ACS) ist neben Monsanto führend in der Pflanzenbiotechnologie.

ACS besitzt Saatgutunternehmen, disponiert über einen reichen Schatz an Patenten und beherrscht die Technik, ein fremdes Gen in eine Pflanze zu schleusen. Bei Bayer ist derlei Wissen bisher kaum vorhanden.

Mit dem Zukauf allein ist es freilich nicht getan. Alle Vorzüge der Fusion bleiben Theorie, wenn die praktische Umsetzung nicht klappen sollte. Bayer muss nicht nur die Firma kaufen, sondern auch die Menschen, die Know-how-Träger von Aventis CropScience, an sich binden.

Das ist beileibe kein Selbstläufer. Zu Irritationen könnte es dadurch kommen, dass bei diesem Zusammenschluss der Kleine den Großen übernimmt. ACS beschäftigt mit 14 400 Mitarbeitern weltweit fast doppelt so viel Personal im Pflanzenschutz wie Bayer. Allein in Hessen, beim früheren Hoechst-Teil, stehen rund 2000 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste von Aventis.

Die Deutschen für den neuen Arbeitgeber zu motivieren gilt als unproblematisch. "Mehr Chancen als Risiken", beschreibt der ACS-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernhard Lüders die Stimmung.

Doch wie werden sich die ehemaligen Rhône-Poulenc-Pflanzenschützer verhalten? Die knapp 2000 Franzosen? Und die Italiener, die Amerikaner, die Brasilianer?

"Eigentlich ist eine weitere Fusion den Mitarbeitern nicht mehr zuzumuten", äußerte der frühere ACS-Chef Alain Godard (55) gegenüber der Tageszeitung "Le Monde".

Godard hat im Mai aus Protest gegen den Verkauf gekündigt. Jetzt bewirtschaftet er Olivenhaine in der Provence. Viele Mitarbeiter, die noch im Unternehmen arbeiten, denken jedoch genau wie er.

Aus diesem Grund machte Bayer-Chef Schneider bei den Kaufverhandlungen ein wichtiges Zugeständnis. Lyon, wo sich heute die Hauptverwaltung von Aventis CropSience befindet, wird Sitz der Europa-Zentrale. Monheim bei Leverkusen, seit 1988 die Heimat des Bayer-Pflanzenschutzes, soll die globale Zuständigkeit bekommen.

Eine pragmatische Lösung - die aber die Integrationsphase verlängern wird. Die Führungskräfte werden zunächst damit beschäftigt sein, die Hackordnung herzustellen: Was darf in Lyon entschieden werden? Was behält sich Monheim mit der Gesamtverantwortung vor?

Chef der fusionierten Gesellschaft wird zunächst ein Deutscher: Bayer-Pflanzenschutz-Primus Jochen Wulff (62). Der Chemiker soll so lange bleiben, bis die Integration gelungen ist.

Diese Personalie birgt ein Risiko. Wie loyal werden die national orientierten Franzosen Wulffs Pläne und Strategien durchsetzen oder auch nur unterstützen, wenn doch die meisten den Ausverkauf nach Deutschland nicht gutheißen?

Ein externes Beispiel macht freilich Mut für die Fusion: Syngenta, der Zusammenschluss der Agrosparten von Novartis und Astra-Zeneca vom November 2000, kam gut voran. Allerdings handelt es sich bei Syngenta um eine börsennotierte Gesellschaft. Mit einer solchen Firma können sich Mitarbeiter leichter identifizieren als mit einem Aufkäufer.

Schneider hingegen will seiner Pflanzenschutzsparte nicht einmal die rechtliche Selbstständigkeit zugestehen. Sie soll lediglich den Rang eines Geschäftsbereichs bekommen.

So jedenfalls sahen es die Planungen bis zur Lipobay-Krise vor. Der Bayer-Vorstand hat nun angekündigt, die Konzernstruktur zu überarbeiten.

Das Modell einer operativen Managementholding mit eigenständigen Aktiengesellschaften (mm 3/2000) liegt fertig in der Schublade. Schneider muss es nur herausholen. Die jüngste Akquisition und die aktuelle Krise wären ein passender Anlass.

Rund sechs Monate hat der Bayer-Vorstand Zeit, die Fusion der beiden Agro-Firmen vorzubereiten. So lange dauert die Prüfung durch die Kartellbehörden. Heide Neukirchen

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Schocktherapie Ein Medikament bringt den Weltkonzern zum Wanken

Die Rücknahme des Cholesterinsenkers Lipobay/Baycol stellt nach Aussagen des Vorstands die größte Katastrophe für Bayer seit Jahrzehnten dar - vielleicht sogar in der über hundertjährigen Geschichte. Bayer-Kreuz, ade?

Der Vorstand hat nie schlüssig erklärt, was den Supergau auslöste. Tatsächlich war es die erdrückend gewordene Wahrscheinlichkeit, dass die Einnahme des Medikaments zum Tod führen kann.

Zur Chronologie: Am Montag, dem 6. August, verhandelte Bayer-Entwicklungschef Frank Armstrong mit der amerikanischen Aufsichtsbehörde FDA. Das Amt legte Krankenberichte über Patienten vor, die Lipobay in hoher Dosis oder in Kombination mit anderen Mitteln eingenommen hatten und starben.

Die FDA rät einem Hersteller in solcher Situation, das Medikament freiwillig vom Markt zu nehmen, ehe er hierzu gezwungen wird. Bayer reagierte sofort. Der Verkaufsstopp erfolgte nach einer Krisensitzung binnen kürzester Zeit.

In der Leverkusener Konzernzentrale wurde nichts mehr koordiniert. Es wurde nur noch angehalten. Grund: Schlagzeilen wie "Tote durch Bayer" wären ein Albtraum für das Unternehmen.

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