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Interview "Der Goldrausch ist beendet"

MAN-Chef Samuelsson über die Folgen der Finanzkrise für die Industrie und die problematische Rolle des Staates.
aus manager magazin 11/2008

Herr Samuelsson, wie haben Sie die dramatischen Tage der Finanzkrise im September und Oktober erlebt?

Samuelsson Der heftige Rückschlag der Börse ist schon beunruhigend. Aber ich bin vom Typ her keiner, der leicht zu schockieren ist.

Glauben Sie, dass die Finanzkrise dank der weltweiten Rettungsaktionen nun ausgestanden ist?

Samuelsson Ich hoffe, dass zumindest der große Bankencrash vermieden wurde. Aber wir werden in der Wirtschaft insgesamt in den nächsten zwei, drei Jahren dämpfende Effekte sehen. Die Zeiten sehr hoher Wachstumsraten sind erst mal vorbei.

MAN produziert konjunkturanfällige Güter. Wie wirken sich die weltwirtschaftlichen Verwerfungen auf Ihr Geschäft aus?

Samuelsson Wir haben das zuerst bei den Bestellungen für Lastwagen gemerkt. Unsere Kunden sind verunsichert. Das heißt, der Auftragseingang in diesem Bereich ist deutlich niedriger als noch vor ein paar Monaten. Das werden wir nächstes Jahr am Umsatz spüren. Sehr positiv sieht es aber weiterhin bei den großen Dieselmotoren und den Turbomotoren aus - das Geschäft ist wesentlich langfristiger.

Die fetten Jahre mit Rekordgewinnen sind also auch für MAN Vergangenheit?

Samuelsson Weitere Rekorde werden wir wohl erst mal nicht sehen, dieses Jahr werden wir noch einmal ein Spitzenergebnis erreichen.

Sind Sie sauer auf die zockenden Banker, weil die Ihnen Ihr Geschäft verderben?

Samuelsson Wir wurden früher häufig kritisch von der Finanzwirtschaft gefragt, warum wir so wenig Fremdkapital aufnehmen. Jetzt hilft uns unsere Zurückhaltung. Wir sind praktisch schuldenfrei und können in keine Kreditklemme kommen, also sind wir nicht unmittelbar von der Finanzkrise betroffen. Dass uns Wachstum entgehen wird, ist natürlich ärgerlich, aber da sind die Banker ja nicht allein schuld.

Sondern?

Samuelsson Eine Grundursache für das Übel ist doch, dass Geld wegen der niedrigen Zinsen eigentlich zu billig war. Und dafür haben ja auch Politiker und Notenbanken gesorgt. Ein Beispiel: Politisch gewünscht war es ja in den USA offenbar, dass sich Leute auch Häuser kaufen können, die sich das zuvor nicht leisten konnten. Hier liegt ein wesentlicher Grund für die Krise.

Und die Banker, die an den Krediten und an deren Umverpackung in neue Finanzprodukte exorbitant verdient haben, sollen dafür nun nicht bezahlen, während die Steuerzahler bluten müssen?

Samuelsson Eine völlig gerechte Lösung gibt es wohl nicht, aber dafür einen Trost: Der Goldrausch ist für alle beendet. Denn die hohen Gewinne in der Finanzbranche und unter den Private-Equity-Investoren ließen sich ja auch erzielen, weil Fremdkapital so billig war. Jetzt werden wir eine Normalisierung bekommen. Die Zinsen steigen; Eigenkapital wird wieder wichtiger. Das heißt, die Zeit der Übertreibungen, der fantastischen Bereicherung und der Super-Boni ist wohl vorbei.

Werden sich die Managergehälter automatisch normalisieren?

Samuelsson Die Gehälter sind stark erfolgsabhängig. Deshalb hat es in den letzten Jahren hohe Managementgehälter gegeben. Das wird sich jetzt sicher anders entwickeln.

Erfolgsabhängige Zahlung klingt gut, aber der persönliche Erfolg vieler Investmentbanker hat sich in Misserfolg für alle verwandelt.

Samuelsson Ich arbeite in der Industrie und beziehe ein gutes Gehalt. Ich habe keinen Grund, Manager im Bankensektor zu kritisieren, weil sie mehr verdienen. Das ist Sache der Aufsichtsräte. Wir sollten auch hier dem Markt vertrauen, der Staat wird für wichtigere Dinge gebraucht.

Als Nachtwächter?

Samuelsson Nein. Der Staat gibt die allgemeinen Regeln fürs Wirtschaften vor, und er sorgt für deren Einhaltung. Beim Fußball wäre er der Schiedsrichter, aber er sollte nicht selbst spielen.

Was heißt das konkret?

Samuelsson Erst einmal, dass sich der Staat nicht zu sehr einmischen sollte. Zu viele Regeln machen das Spiel unattraktiv. Man muss sicherlich den Finanzsektor besser überwachen. Auch könnte man hochspekulative Arten, Geld zu verdienen, begrenzen. Aber man sollte nicht ideologisch vorgehen. Der Staat ist kein guter Unternehmer.

In der Bundesregierung gibt es Überlegungen, den Banken nur Geld zu geben, wenn diese die Managergehälter auf 500 000 Euro begrenzen. Was meinen Sie dazu?

Samuelsson Wenn jemand einem Unternehmen Geld gibt, finde ich es nicht unlogisch, wenn daran Bedingungen geknüpft werden. Aber die Einflussnahme darf nicht übertrieben werden.

Regeln von staatlicher Seite sind eine Sache, aber was ist mit der Ethik der Wirtschaft? Bundespräsident Horst Köhler meint, der Markt brauche Moral.

Samuelsson Moral ist eine sehr persönliche Sache, sie lässt sich nicht von oben diktieren. Ich glaube, dass klare Regeln für die Wirtschaft wichtiger sind als allgemeine Debatten über Moral und Ethik.

Kann es nach dem Crash einfach so weitergehen? Hat nicht auch die Doktrin des Shareholder-Value, die Forderung der Börse nach Wertsteigerung der Unternehmen um nahezu jeden Preis, ausgedient?

Samuelsson Der Grundgedanke des Konzepts ist und bleibt richtig. Jeder, der eine Aktie eines Unternehmens hält, ist Miteigentümer dieser Firma. Und er hat Anspruch darauf, dass wir als Management in seinem langfristigen Interesse arbeiten. Deshalb war es unvermeidlich, dass die Finanzwirtschaft die Zeit des billigen Geldes für die Renditemaximierung genutzt hat. Man kann schlecht das Geldverdienen begrenzen und sagen: Von hier ab beginnt das Zocken. So funktioniert der Markt nicht.

Der Erfolg war oft nur von kurzer Dauer. Offenbar wurde zu wenig an Nachhaltigkeit gedacht. Ist das jetzt die Stunde der Familienunternehmen? Die haben schon immer eher langfristig agiert, und sie verfügen nicht selten über üppiges Eigenkapital.

Samuelsson Ich glaube, viele Firmen haben in den letzten Jahren auf schnelle Gewinne gesetzt. Das ist keine Frage der Rechtsform der Gesellschaft. Im Übrigen unterscheiden sich die Interessen von Familieneigentümern und Aktionären im Grunde gar nicht. Auch Aktionäre drängen darauf, dass ihre Firma in Märkte investiert, die hohes künftiges Wachstum versprechen.

Wir haben große Übernahmen von Börsenunternehmen durch familiengeführte Firmen erlebt. Porsche schnappte sich VW, Schaeffler fraß Conti. Geht das so weiter?

Samuelsson Ich glaube nicht. Gewinner ist in Zeiten der Kreditklemme derjenige, der viel Eigenkapital hat. Wenn die Familienunternehmen wachsen wollen, kommen auch sie vielfach nicht umhin, sich zusätzliches Eigenkapital zu beschaffen. Das gibt es oft nur über die Börse. Deshalb glaube ich an die Zukunft der Aktiengesellschaft.

Dazu müssen die Anleger wieder grundsätzliches Vertrauen zum Aktienmarkt fassen. Wie lässt sich das herstellen?

Samuelsson Die Unternehmen können nur eines tun: zeigen, dass sie eine gute, zukunftsorientierte Story haben und ordentlich Geld verdienen - und das nicht nur kurzfristig.

Womit möchten Sie denn konkret die Anleger zur MAN locken?

Samuelsson Nachdem wir einige Bereiche verkauft haben, konzentrieren wir uns jetzt auf drei produzierende Bereiche, die mittel- und langfristig von der Globalisierung profitieren werden. Das sehe ich nicht allein so: Vergangene Woche war ich in London, da hat mir ein Finanzmann gesagt: What's wrong with manufacturing really? Ich bin sicher, die industrielle Wertschöpfung bekommt in Zukunft wieder mehr Bedeutung gegenüber der finanziellen. Es gibt jetzt eine Renaissance des Engineering. Und dafür haben wir in Deutschland wie bei MAN eine gute Basis.

Viele hatten erwartet, Sie würden zum reinen Lkw-Hersteller mutieren und nicht länger auch noch große Dieselmotoren und Turbomaschinen bauen.

Samuelsson Dieses Ziel hatten wir niemals. Wir sind vollkommen ausreichend fokussiert, wobei die Nutzfahrzeuge eindeutig den größten Bereich stellen. Wir haben genug Kraft, um alle drei Sparten ordentlich voranzubringen. Dabei werden wir natürlich davon profitieren, dass die Geschäfte zeitlich versetzten Konjunkturzyklen unterliegen. So haben wir Cashflows, die unabhängig von den jeweiligen Teilkonjunkturen investiert werden können.

Das Konglomerat kommt also wieder?

Samuelsson Nicht in der alten Form mit Quersubventionierungen zwischen den einzelnen Geschäftsfeldern. Das werden wir und der Kapitalmarkt auch in Zukunft nicht akzeptieren.

Sondern?

Samuelsson Die Maßgabe ist, ein Unternehmen muss alle seine Geschäftsbereiche exzellent führen können. Für die zulässige Anzahl der Sparten gibt es ein untrügliches Prüfverfahren: den Blackberry-Test. Wenn bei Vorstandssitzungen immer einer dabei ist, der seine Mails auf dem Blackberry verfolgt, dann hat man eindeutig zu viele Geschäftsbereiche, dann sind nicht immer alle im Team voll bei der Sache. u

Das Interview führten die mm-Redakteure Martin Noé und Thomas Werres.

Das Interview führten die mm-Redakteure Martin Noé und Thomas Werres.

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