Holzpreise in Deutschland "Der deutsche Wald wird leergekauft"

Die hohen Rohstoffpreise bedrohen nicht nur Holz- und Bauindustrie, sondern auch Maschinenbau und Handel. Peter Hoffmann-Pichler, Chef einer mittelständischen Holzverpackungs-Firma, über absurde Preisverhandlungen mit Lieferanten, Plastik-Paletten beim Großhändler und über Fichten-Rohstämme im Container nach China.
Ein Interview von Kai Lange
Abtransport von Baumstämmen: "Wir verschiffen derzeit Unmengen Holz aus Deutschland nach China und in die USA, und die deutschen Betriebe sammeln die verbliebenen Krümel ein"

Abtransport von Baumstämmen: "Wir verschiffen derzeit Unmengen Holz aus Deutschland nach China und in die USA, und die deutschen Betriebe sammeln die verbliebenen Krümel ein"

Foto: Robert Schmiegelt / imago images/Future Image

manager magazin: Herr Hoffmann-Pichler, der durchschnittliche Preis für Bauholz in den USA ist seit dem Rekordhoch von Mitte Mai wieder stark gesunken. Kann die deutsche holzverarbeitende Industrie jetzt durchatmen?

Hoffmann-Pichler: Ich wünschte, es wäre so. Leider ist das Gegenteil der Fall. Seit Monaten klettern die Preise für Schnittholz und Holzwerkstoffe stetig nach oben, inzwischen sehen wir sogar zweistellige Preissteigerungen pro Monat. Möbelbauer, Hausbauer, aber auch Unternehmen aus der Verpackungsindustrie wie wir erleben einen Ausnahmezustand: Wir können nicht mehr vernünftig kalkulieren. Bestätigte Lieferungen werden in den Mengen reduziert oder fallen komplett aus, Kunden warten auf ihre Ware, Lieferketten zerbröseln.

Woran liegt das?

Der deutsche Markt ist leergekauft. Viele größere Holzlieferanten beliefern den deutschen und europäischen Markt überhaupt nicht mehr. Früher haben wir Holz zu einem bestimmten Preis bestellt und bekamen die Ware kurz darauf zu diesem Preis geliefert. Jetzt muss ich meinen Lieferanten – wenn ich überhaupt noch welche finde – vorab einen Blankoscheck ausstellen. Das funktioniert nach dem Prinzip: Du bezahlst erst, wenn wir liefern. Und es gilt dann der bei Lieferung gültige Preis, wie hoch der auch immer sein mag. Und viele verarbeitende Betriebe zahlen dann einen Mondpreis, weil sie froh sind, dass sie nach bis zu zehn Wochen Lieferzeit überhaupt Holz bekommen und ihre Aufträge erfüllen können.

Das klingt, als gäbe es überhaupt kein Holz, keinen Wald mehr in Deutschland

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Es gibt in Deutschland genug Holz. Genug für den deutschen und europäischen Markt. Das Problem ist aber, dass der deutsche Wald derzeit leergekauft wird, vor allem von Kunden aus China und den USA. Wir haben derzeit auch wegen des Borkenkäferbefalls bei der Fichte viel Schadholz, das industriell noch genutzt werden kann. Sehr viele dieser Stämme werden aber direkt im Wald in Container verladen und nach China verschifft, die kommen vorher nicht einmal in ein Sägewerk. Für viele Lieferanten ist es derzeit lukrativer, Holz über tausende Kilometer nach China oder in die USA zu verschiffen, als den Bedarf ihrer langjährigen Kunden und Abnehmer in Deutschland zu bedienen. Das heißt: Wir verschiffen derzeit Unmengen Holz aus Deutschland nach Übersee, und die deutschen holzverarbeitenden Betriebe sammeln die verbliebenen Krümel ein. Wenn das so weitergeht, werden noch viel mehr Branchen in Deutschland Probleme bekommen.

"Viele Stämme werden direkt im Wald in Container verladen und nach China verschifft"

Sie meinen, der Mangel an verfügbaren Fichten, Buchen und anderem Holz bedroht die Lieferketten in Deutschland?

Das passiert bereits jetzt. Wir als Familienbetrieb stellen zum Beispiel Transportverpackungen her, für Produkte bis zu 120 Tonnen Gewicht. Um eine Maschine dieser Gewichtsklasse zu exportieren, brauchen sie schon eine anständige Sonderverpackung, also eine stabile und speziell zugeschnittene Holzkiste. Wenn ein deutscher Maschinenbauer seine millionenteure Ware nicht mehr sicher auf die Reise schicken kann, bremst das die gesamte Industrie.

Sie könnten für das Holz ja einfach auch deutlich mehr zahlen und den Preis an ihre Kunden weiterreichen, um für sich genug Nachschub zu sichern.

Viele Unternehmen tun das auch und versuchen, Notvorräte einzurichten – was die Preise und die Lieferzeiten noch weiter in die Höhe treibt. Aber das Problem ist doch, dass in der holzverarbeitenden Industrie derzeit Zustände herrschen wie auf einem Basar – oder wie im Wilden Westen, wenn Sie so wollen. Niemand kann planen, jeder muss improvisieren und versucht zu bekommen, was er kriegen kann. Konkret sichern wir unseren Bestandskunden zu, dass wir alles dafür tun werden, um Liefersicherheit zu halten - wenn möglich. Ich muss Kunden dann auch fragen: Wie lange kannst du auf deine Ware warten? Bist du bereit, den dann gültigen Preis zu zahlen? Und ab welcher Schmerzgrenze stornierst du den Auftrag? Wir sind es gewohnt, anders und verlässlicher mit unseren Kunden umzugehen.

"Einige Großhändler denken bereits über Plastikpaletten nach, um ihre Waren noch liefern zu können"

Der Hausbau in Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten wegen knapper Rohstoffe deutlich verteuert, und auch der Handel klagt über fehlende Holzpaletten. Rechnen Sie damit, dass sich bis Herbst die Situation wieder beruhigt?

Ich fürchte nein. Derzeit denken auch einige große Handelsketten darüber nach, von der Holzpalette auf Plastikpaletten umzustellen, damit sie ihre Waren weiterhin in die Supermärkte bekommen. Den nachwachsenden Rohstoff Holz bei Paletten millionenfach durch Plastik zu ersetzen, wäre auch aus ökologischer Sicht ein Debakel. Aber auch für einfache Holzpaletten, die wir vorher überwiegend aus Osteuropa oder Skandinavien bekommen haben, gilt derzeit: Die Verfügbarkeit liegt nahe Null. Sogar die im Hausbau üblichen OSB Platten, also Verlegeplatten aus Holzspan, sind aktuell begehrte Mangelware. Selbst wir als Unternehmen fahren derzeit gelegentlich bei Baumärkten vorbei, um zu schauen, ob wir ein paar Reste einsammeln können. Da läuft doch etwas schief.

Wenn der deutsche Holzmarkt derzeit "leergekauft" wird, dann könnte die Politik mit Exportbeschränkungen oder Zöllen dagegenhalten.

Das wäre zumindest eine schnellere und effektivere Hilfe als der Hinweis, dass in Deutschland stärker aufgeforstet werden muss. Wir ernten aktuell ja den Holzbestand, der vor vielen Jahren gepflanzt wurde – oder zumindest die Reste davon, an die wir überhaupt noch herankommen. Mit Exportbeschränkungen tut sich die Politik aber schwer: Wir hören dann immer, dass Deutschland als globaler Handelspartner für freien Handel stehe.

"Die Sägewerke haben sagenhafte Gewinnmargen"

Wenn die Politik nicht durch Exportbeschränkungen hilft, wer könnte dann helfen?

Von der Sägeindustrie ist kurzfristig leider keine Hilfe zu erwarten. Viele Sägewerke verdienen seit Monaten glänzend: Sie bekommen das Holz aus den Staatsforsten zu einem weiterhin günstigen Preis, und der Preis, den sie vom Kunden verlangen können, steigt immer weiter. Bei einigen Werkstoffen hat er sich bereits verdreifacht. Betriebswirtschaftlich kann ich den Produzenten keinen Vorwurf machen – der Markt gibt die Preise halt her, und nun winken sagenhafte Gewinnmargen. Etwas anders sieht die Sache aus, wenn man bedenkt, dass wir über Jahre vertrauensvolle und verlässliche Kunden- und Lieferantenbeziehungen aufgebaut haben. Da tut es uns als Familienunternehmen schon weh, wenn Liefertermine einfach so gestrichen oder Preise nach Belieben diktiert werden. Bei vielen Anbietern, die sie jetzt in der Not kontaktieren, gibt es bereits einen "Neukunden-Annahmestopp". Das ist schon bitter.

Wie planen Sie für die kommenden Monate?

Ich muss improvisieren und kann kaum langfristig planen. Wir haben langjährige Beziehungen zu Lieferanten, welche uns nun hängen lassen. Daher telefoniere ich täglich, um noch verfügbare Ware aufzutun. Was mich aber schon ärgert: Es gibt genug Holz im deutschen Wald, es wird derzeit einfach zu viel ins Ausland verschifft. Wir müssen über eine Exportquote oder über Zölle dafür sorgen, dass genug Holz im Land bleibt. Einfach darauf zu warten, dass die Preise irgendwann wieder sinken, ist ein gefährliches Spiel.

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