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Namen+Nachrichten Der böse Bube

Interview: Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid spricht über die Gründe für seinen unrühmlichen Abgang.
Von Claus G. Schmalholz
aus manager magazin 8/2002

Wegen eines Streits mit Großaktionär France Télécom über den Aufbau eines eigenen Mobil- funknetzes musste Gerhard Schmid das von ihm gegründete Unternehmen Mobilcom verlassen. Nun steuern die Franzosen den Konzern.

mm* Herr Schmid, Sie sind als Vorstandschef Ihres eigenen Unternehmens rausgeflogen. Wie konnte es so weit kommen?

Schmid Es ist einfach so, dass France Télécom sich zu einem Zeitpunkt in Deutschland engagierte, als wir noch eine ganz andere Welt hatten; zu Zeiten der Börsen- und der Mobilfunkeuphorie.

mm In diesem Umfeld haben Sie dann gemeinsam im August 2000 für 8,4 Milliarden Euro eine UMTS-Lizenz ersteigert.

Schmid Richtig, wir haben bei der Auktion gemeinsam den Finger gehoben, die France Télécom, deren Tochter Orange und Mobilcom. Mobilcom hatte ja die Finanzierungszusage von France Télécom. Im zweiten Halbjahr 2001 kippte dann aber die Stimmung in der gesamten Branche ...

mm ... und die Franzosen wollten plötzlich nicht mehr mitmachen.

Schmid France Télécom erkannte, dass weitere UMTS**-Investitionen in Deutschland nicht mehr bilanzverträglich sein würden.

mm Eine galante Umschreibung für die finanziellen Probleme der Franzosen.

Schmid France Télécom wollte sich nicht weiter verschulden, weil sich die Kreditwürdigkeit der Gesellschaft verschlechterte. Auf der anderen Seite stand ich mit der Mobilcom und bestand auf Erfüllung der vertraglich vereinbarten Investitionen, weil unsere Aktionäre das von mir erwarteten. Schließlich waren die UMTS-Lizenz und die Aussicht, ein eigenes Netz zu betreiben, gewichtige Aktivposten der Mobilcom.

mm Haben Sie mit dem Beharren auf den Verträgen nicht Ihr eigenes Unternehmen gefährdet?

Schmid Nein, im Gegenteil, ich habe auf diese Weise das Unternehmen gesichert. Oder meinen Sie, die France Télécom hätte freiwillig von Mobilcom 4,7 Milliarden Euro Schulden übernommen?

mm Warum ließ sich das Problem nicht partnerschaftlich lösen?

Schmid Ich habe schon vor Weihnachten konstruktive Vorschläge zur Lösung des Konflikts gemacht. Aber France-Télécom-Chef Michel Bon zog es vor, mich zum bösen Buben zu stilisieren.

mm Wie viel Umsatz je UMTS-Kunden braucht Mobilcom, um die milliardenteuren Investitionen bezahlen zu können?

Schmid Um die Frage nach dem Durchschnittsumsatz drücke ich mich jetzt mal.

mm Dann verraten Sie uns wenigstens, mit welchen neuen Diensten und Inhalten künftig Geld verdient werden kann.

Schmid Ich erwarte nicht, dass Werbung, Ticketverkauf oder der Zugriff auf Datenbanken die Umsatzrenner sein werden. Das große Geschäft können nur Dienste bringen, bei denen Millionen Menschen miteinander in Verbindung treten, wie bei E-Mails und SMS-Nachrichten. In der Telekommunikation werden künftig Video-Telefonie oder Multimedia Messaging Services (MMS)*** die wichtigsten Umsatzträger sein.

mm Wie viel Geld werden die Kunden zusätzlich für solche Angebote ausgeben?

Schmid Das wird der Markt zeigen. Ich zum Beispiel würde es toll finden, meinen Enkel oder meine Frau auf dem Handy sehen zu können. Ich wäre auch bereit, für das Versenden eines Fotos, mit dem ich jemandem eine Freude machen kann, zwei Euro auszugeben.

mm Bei Ihren Einkommensverhältnissen sicher eine Kleinigkeit. Aber ob die Masse der Konsumenten das auch so sieht?

Schmid Ich glaube schon. Denn auch ich bin im Grunde ein sehr knauseriger Mensch. Ich kaufe bei Aldi ein.

mm Ist denn mit dem Ausstieg bei Mobilcom das Kapitel Telekommunikation für Sie persönlich abgeschlossen?

Schmid Mobilcom war ja mein Unternehmen, mein Konzept. Ich glaube nicht, dass es Spaß macht, zweimal das Gleiche zu tun.

mm Was planen Sie? Werden Sie ein neues Unternehmen gründen?

Schmid Jetzt will ich erst einmal meine Aktien verkaufen, das ist das Allerwichtigste.

mm Das werden die anderen Aktionäre auch so sehen. Die bekommen für ihre Aktien ja denselben Betrag wie Sie.

Schmid So ist es. Deshalb bin ich ja der beste Freund der Kleinaktionäre. u

**UMTS: Das Universal Mobile Telecommunications System arbeitet mit höheren Datenraten als die bisherigen Netze. Es ermöglicht zum Beispiel die Internet-Nutzung und die Video-Telefonie per Handy.

***MMS: Der Multimedia Messaging Service ist sozusagen der Nachfolger von SMS und ermöglicht das Versenden von Farbfotos und Tönen per Handy.

*Das Interview führte Redakteur Claus G. Schmalholz.

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Selfmademan

Karriere eines Maurersohns

u Gerhard Schmid wird am 22. Mai 1952 als Sohn eines Maurers und einer Hausfrau in Selb geboren.

u Kaufmännische Lehre, BWL-Studium in Nürnberg/Erlangen und Regensburg. Schmid finanziert sein Studium als Eishockeytrainer beim ERC Selb.

u Ab 1977 Vorstandsassistent bei der Hutschenreuther AG in Selb, zuletzt Direktor Controlling.

u Ab 1986 Geschäftsführer des Ostseebads Damp.

u Ab 1989 Vorstand Marketing und Vertrieb der Autovermietungs- und Leasingfirma Sixt AG.

u Ab 1991 Gründer und Chef der Teleforce Gesellschaft für Telefonmarketing mbH in Schleswig, aus der 1996 die Mobilcom Aktiengesellschaft hervorgeht, deren Vorstandsvorsitzender Schmid wird.

u Im Juni 2002 entlässt der Aufsichtsrat der Mobilcom AG Schmid, weil der Vorstandschef von der Hauptversammlung nicht entlastet wird.

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Chronik

1991: Gründung der Teleforce GmbH in Schleswig, aus der später die Mobilcom AG hervorgeht.

März 1997: Börsengang der Mobilcom AG am Neuen Markt.

März 2000: France Télécom erwirbt für 3,74 Milliarden Euro einen 28,5-Prozent-Anteil an Mobil- com und unterzeichnet ein Rahmenabkommen zum gemeinsamen Aufbau eines UMTS-Netzes.

August 2000: Zur Finanzierung der UMTS-Aktivitäten erhält Mobilcom von einem Bankenkonsortium unter der Führung der ABN Amro Bank Darlehen über 4,7 Milliarden Euro.

Mobilcom und France Télécom ersteigern für 8,4 Milliarden Euro eine UMTS-Lizenz.

Februar 2002: Mobilcom klagt gegen France Télécom wegen Verletzung des Rahmenvertrags. Schmid spricht seinem Großaktionär ein Mitspracherecht über die Höhe der Investitionen ab. Mobilcom beschäftigt inzwischen rund 5700 Mitarbeiter.

März 2002: France-Télécom-Chef Michel Bon behauptet, Schmid habe den Rahmenvertrag gebrochen und illegale Geschäfte mit Mobilcom-Aktien über Millennium, die Firma seiner Frau, getätigt.

Mai 2002: Die Hauptversammlung entlastet Schmid nicht.

Juni 2002: France Télécom kündigt den Rahmenvertrag und zahlt kein Geld mehr an Mobilcom. Die Mobilcom-Aktie hat fast die Hälfte ihres Werts verloren.

Schmid wird entlassen. France Télécom setzt Thorsten Grenz, zuvor Finanzvorstand, als neuen Vorstandschef ein.

France Télécom einigt sich mit den Gläubigerbanken auf eine Verlängerung der Kredite.

**UMTS: Das Universal Mobile Telecommunications System arbeitetmit höheren Datenraten als die bisherigen Netze. Es ermöglicht zumBeispiel die Internet-Nutzung und die Video-Telefonie per Handy.***MMS: Der Multimedia Messaging Service ist sozusagen derNachfolger von SMS und ermöglicht das Versenden von Farbfotos undTönen per Handy.*Das Interview führte Redakteur Claus G. Schmalholz.

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